Maeckes: »Ein Album über Liebe ist vielleicht gar nicht so unmutig in diesen Zeiten« // Interview

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Das Orson-Member Maeckes zu beschreiben ist keine leichte Aufgabe. Die Welt von Markus Winter scheint immer hochkomplex, seine Musik nie frei von vordergründiger Tiefgründigkeit, seine Themen bespricht er betont ambivalent. Seit dem von der Kritik hoch gelobten TILT sind fünf Jahre vergangen. Nun erscheint sein neues Album Pool. Im Anzug auf dem Wasser treibend, singt der Stuttgarter auf seinen neuen Songs überraschend viel von Liebe, ohne die gewohnte politische Färbung seiner früheren Musik herauszuwaschen.

Im Gespräch erzählt der Rapper mit den blausten Augen im Game von der Hass-Liebe für seine Heimat Kornwestheim, von seinen Ordnern ungesendeter E-Mails und von einem neuen Album, das es fast nie gegeben hätte.

Hey Maeckes! Was denkst du, schaffen wir ein ganzes Interview ohne das C-Wort?
Ich denke schon. Ich habe auch kein gesteigertes Interesse mehr darüber zu sprechen.

Im letzten Orsons Interview meintest du Tourlife4Life sei euch als Band einfach so passiert. Ist dir dein neues Soloalbum nach fünf Jahren auch einfach so passiert ist?
Bis zu einem gewissen Punkt habe ich ehrlich gesagt nicht daran gedacht, dass es nochmal ein Maeckes Soloalbum geben wird. Nach TILT dachte ich, ich sei durch mit dem Thema Musik und mache etwas Kreatives in einem anderen Bereich. Ein Jahr nach TILT habe ich dann plötzlich wieder angefangen zu schreiben und hatte eine Menge Spaß daran, einfach Songs aufzunehmen. Daraus wurde dann ein Album.

Warum wolltest du aufhören nach TILT?
Das Album TILT war der Überdruck einer Inneneinsicht. Das konnte ich damals schwer kontrollieren – das musste einfach raus! Dieser Überdruck war dann plötzlich weg. Neben dieser einfachen Freude am Rappen, nach dem Motto: »Ey das macht Bock, lass mal Rappen Bartek«, kam meine Musik vor allem aus diesem Überdruck etwas Persönliches loswerden zu wollen. Der war nach TILT einfach nicht mehr da.

»Warum sollte ich wieder die Atomkraftwerke am Strand besingen oder den Ekel und die Ungerechtigkeit der Welt beschreiben, wenn es mir momentan gut geht.«

Ich für meinen Teil war noch nie in meinem Leben so weit davon entfernt in einem Pool zu schwimmen, wie während der letzten Pandemie-Monaten. Wie schaut das bei dir aus?
Ich war das letzte Jahr auch nur zweimal im Pool. Einmal als ich das Cover geschossen hab, das war im Schwimmverein Bad Cannstatt in Stuttgart. Da war ich eineinhalb Stunden im Pool, das war kalt und nervig. Das andere Mal fürs Calippo Vivaldi Video, da war ich für genau drei Takes im Wasser. Das war auch eiskalt. Also nicht das, was man unter Pool versteht.

Ich weiß worauf du hinaus willst, aber der Begriff, das Bild und diese ganze Welt entstanden schon vor der Pandemie. Deswegen spiegelt der Begriff auch keine Sehnsucht nach einem Pool. Für mich als Künstler ist das ein ungewohnt offener Begriff: TILT war noch so ein richtig verklemmtes, merkwürdiges und Maeckes-mäßiges Wort. »Pool«, ganz ehrlich, so könnte auch ein Justin Bieber Album heißen.

»Die Katastrophe ist hier und ihr liegt auf euren Liegen am Pool« heißt es auf einem Song (Am Pool): Ist ein Poolein Ort, an dem man sich abschottet?
Absolut! Dieser Song schafft einen Kontext dafür, wie man ein Album über Liebe in Zeiten der Krise schreiben kann. Ein Pool ist auch immer ein safe-space und Rückzugsort, den man sich kreiert hat, der ziemlich perfekt für einen ist und an dem man sich keine Gedanken machen muss. Wie in dem Song beschrieben: Man muss heute sehr hohe Zäune um einen solchen Ort bauen und zugleich happy sein, wenn man vor lauter Zäunen den Himmel noch sehen kann.

So ein Ort ist keine Selbstverständlichkeit – So einen sicheren Happy-Place kenne ich nicht von zuhause. Ich stelle mir da eher so eine Urlaubs-Hotelanlagen vor, in die sich Menschen flüchten und verstecken.

Hattest du bei dem Song vielleicht diverse Influencer oder Rapper vor Augen, die die letzten Pandemie-Monate an Pools in Mexiko und Dubai verbracht haben?
Also nicht in Hinsicht auf die Influencer, aber der Song und das Album sind auf jeden Fall als Anklage zu verstehen. Der Track kam aber erst später hinzu. Insgesamt erschien es mir auf Albumlänge stimmig und hoffnungsvoller nicht nur dunkle, anklagende und dystopische Lieder zu schreiben. Warum sollte ich wieder die Atomkraftwerke am Strand besingen oder den Ekel und die Ungerechtigkeit der Welt beschreiben, wenn es mir momentan gut geht und ich in meinem Leben Liebe und Wärme spüre, die ich thematisch zulassen kann. Ich wollte meinen guten Vibe einfach nicht killen. Ich habe das Album in einer sehr viel größeren Offenheit geschrieben. Vielleicht ein Album über Liebe auch gar nicht so unmutig in diesen Zeiten. Ganz ohne kritischen Kontext habe ich mich aber nicht getraut diese Gefühle zuzulassen – deshalb dieser Song.

Mir war bis zur Vorbereitung auf dieses Interview nicht klar, dass du ursprünglich gar nicht aus Stuttgart kommst. Warum hast du nie in deiner Diskografie Kornwestheim textlich representet – die Nachbarkleinstadt Bietigheim-Bissingen kennt inzwischen ganz Deutschland?
Auf ganz frühen Sachen ist das sicher zu hören. Da hat aber die Reichweite gefehlt, diese Songs hat man nicht mitbekommen. Aber auch danach war ich ja nie ein besonders großer Städte-Representer: Auch Stuttgart wurde uns Orsons eher zugeschoben, als das wir uns das auf die Fahne geschrieben hätten. Aber hey klar: Ich komme eigentlich aus Kornwestheim – Korny Island! (lacht)

Ist diese Kleinstadt heute noch für dich eine Heimat?
Ja, aber das ist so eine versprengte Form von Heimat. Meine Mutter und alte Freunde von mir leben noch dort, deshalb bin ich ab und an noch da. Ich liebe und hasse Kornwestheim. Vielleicht liebe ich es etwas mehr, als ich es hasse.

Was hasst du an deiner Heimat?
Ich habe dort einfach schon immer ein gewisses Maß an Verschlossenheit gegenüber alternativen Lebensweisen wahrgenommen. Kornwestheim ist eine Kleinstadt, in der die meisten Einwohner es zu Wohlstand gebracht haben. Für die scheint es nur eine begrenzte Anzahl an Formen zu geben, wie man ein Leben lebt, wie man konsumiert und wie man sich gibt. Andere alternative Formen sind hingegen krass verpönt. Das leuchtet mir einfach nicht ein.

Stell dir vor es gibt jemanden, der sagt: »Mir reicht es 400 Euro im Monat zu haben, dafür arbeite ich einen Tag die Woche und die restlichen sechs Tage der Woche bin ich allein zuhause und höre nur Roy Black Platten. Das ist mein Lebensentwurf und das habe ich mir überlegt und das reicht mir im Leben!« – In einer Großstadt wie Berlin würde man sagen: »Okay das ist ein weirder Typ, ich verstehe das nicht ganz, aber ich lass den mal machen«. In einer Kleinstadt wie Kornwestheim heißt es da sofort: »Hasch gehört, der schafft nix, des isch unglaublich!«. Dort gibt es gar kein Verständnis dafür, dass das seine Art zu Leben ist. Es gibt nur das reine Unverständnis dafür, warum er nicht mehr Geld verdienen will und wie er nichts anderes machen will. Diese Enge hasse ich sehr stark an Kornwestheim. Aber viele andere Bereiche liebe ich natürlich sehr stark, weil ich dort groß geworden bin und die Menschen und ihre Mentalität sehr gut verstehe.

»Das Haus ist sicher nicht fertig gebaut, aber es ist viel mehr Haus da als vor dem Album. Reinregnen kann es jetzt nicht mehr.«

Das Aufwachsen in der Kleinstadt war zu Beginn der 2010er ein großes Thema im Deutschrap – Casper ist da wahrscheinlich das populärste Beispiel. Hattest du da musikalisch nichts zu verarbeiten?
Jetzt wo du es sagst, fällt mir etwas ein. Zeitgleich zu TILT habe ich ein Doppelalbum angefangen: Die eine Hälfte war TILT -das sollten Songs tief aus meiner Seele sein – die andere Hälfte sollte Korny Island heißen und eine komische durchstilisierte amerikanische coming-of-age Story über eine Kleinstadt erzählen. In dieser sollten alle Charaktere aus Kornwestheim, die ich aus meiner Jugend kannte, auftreten. Das waren 12 oder 13 Tracks, die eine zusammenhängende Geschichte erzählen sollten. Irgendwo müssen die hier bei mir noch rumliegen.

Kommen wir zurück zu deinem Album. »Mauer« heißt das Intro deines Albums. Der Song handelt von Mauern, an denen man baut und von einem Haus ohne Dach, das nie fertig wird. Hast du bei deinem Album gerade das Gefühl mit etwas fertig geworden zu sein?
Fertig geworden bin ich nicht. Aber ich habe ganz klar das Gefühl ein weiteres Stockwerk gebaut zu haben. Und zwar ein Stockwerk, das mir auch als Dach für das Erdgeschoss dient. Das Haus ist sicher nicht fertig gebaut, aber es ist viel mehr Haus da als vor dem Album. Reinregnen kann es jetzt nicht mehr.

Ich habe mich bei dem Intro auf eine schöne Weise inhaltlich direkt überfordert gefühlt. »Der Ordner niemals gesendeter E-Mail baut sich bedrohlich vor dir auf«. Was ist in deinem Ordner niemals gesendeter E-Mails?
Das ist bei mir gar nicht so viel drin. Als ich diese erste Strophe geschrieben habe, da habe ich diesen Gedanken eines Ordners voller ungesendeter Emails sehr stark gefühlt. Ich habe mich gefühlt als hätte ich 150 RedBull getrunken und stände kurz vor einem Burnout. Ich hatte einfach mal wieder einige Sachen nicht geklärt in meinem Leben. Das sind beispielsweise solche Emails in denen man aus Wut alles runter tippt und dann denkt: Nein das schicke ich jetzt doch nicht ab. Dann speichert man eine solche Mail in seinen Entwürfen und vergisst sie, weil man halt ein bequemer Mensch ist, um dann irgendwann wieder drüber zu stolpern.

»Es kann eine unerträgliche Schwäche sein, wenn jeder Obdachlose in der U-Bahn dir das Herz so sehr bricht, dass du am Ende der Fahrt all dein Geld losgeworden bist«

Um was geht es denn in so einer Mail bei dir?
Ohne das ganz genau benennen zu wollen: Beziehungen. Vergangene Beziehungen, bei denen man nochmal etwas geraderücken oder auf etwas reagieren wollte. Aber auch Business Sachen, die mich aufgeregt haben, die ich aber doch noch einmal umformuliert habe, um es in eine verträglichere Form zu gießen.

Der Track 1234 hat mich ein wenig an Gettin‘ Jiggy With It erinnert. Beide Songs erzählen von dem Gefühl Ambivalenzen auszuhalten und Dinge nicht eindimensional zu erzählen. Ich war einmal dabei, als ein Freund von mir Gettin‘ Jiggy With It das erste Mal gehört hat. Es war glaube ich der Remix mit Fatoni und Edgar Wasser. Musikalisch hat ihm der Song sehr gefallen. Inhaltlich fand er es blöd, dass man gute Dinge nicht stehen lassen kann und gerade auf linkspolitischer Seite immer gerne im vermeintlich Guten das Schlechte sucht. Wie denkst du darüber?
Ich würde deinem Freund erstmal raten das Original zu hören, dort suche ich ja das Gute im Schlechten – vielleicht kann er das mehr vertragen. Der ursprüngliche Song ging ja im Kern darum, auch in einem U-Bahn-Schläger etwas Gutes sehen zu können, weil er sein Opfer nicht kaputtgetreten hat. Oder auch in dem Typ, der dir dein Handy abzieht, aber dir die SIM-Karte lässt, etwas zu finden.

Auf deutsch heißt der Gettin‘ Jiggy With It »find dich damit ab« – Kannst du nachvollziehen, wenn sich jemand mit dieser komplexen Welt nicht abfinden will und eindimensionale Ansichten komplexen Weltanschauungen vorzieht?
Ich glaube Ambivalenz ist so ein Grundprinzip des Lebens. Achtung jetzt wird’s hier wieder hochgestochen (lacht) – ich muss immer aufpassen, dass ich nicht zu weit die Flügel ausbreite, wenn ich über so etwas rede. Es ist ja aber einfach so, dass es ohne Glück kein Leid gibt und andersherum. Was heute bei manchen Menschen abgeht ist halt, dass sie versuchen diese Ambivalenzen auszuklammern, indem sie sich nicht mehr mit allem abgleichen, sondern nur noch die eine Seite an Infos wahrnehmen. Am Ende steht dann da ein Mensch, der nur noch sagt: »Nenene das ist genau so, denn alle News, die ich gelesen habe, sagen auch, dass Flüchtlinge kriminell sind. Und deswegen ist das so!« An diesem Punkt kann man nicht mehr über gewissen Thematiken reden, weil diese Menschen andere Meinungen nicht mehr zulassen, Ambivalenzen nicht mehr wahrnehmen und andere Menschen nur noch anspucken.

»Nur SUV-Fahrer sollen meine Musik hören«

In einem anderen Song legst du sensibel sein als Stärke aus. Ist es nicht auch eine Schwäche?
Voll, das ist total unerträglich! Das liegt dem Song auch inne: Er zeigt ja auch ein gewisses Maß an Unerträglichkeit. Allein in seiner musikalischen Form ist er sehr unsensibel. Es kann eine Stärke sein, Sachen genauer anzuschauen und nicht einfach ausblenden zu können. Auf der anderen Seite ist es auch eine unerträgliche Schwäche, wenn jeder Obdachlose in der U-Bahn dir das Herz so sehr bricht, dass du am Ende der Fahrt all dein Geld losgeworden bist, weil du jedem etwas gegeben hast.

Zu sensibel ist der lauteste und vielleicht sogar politischste Song des Albums. War es dir bei diesem Album wichtiger als zuvor in deiner Musik politische Haltung zu beziehen?
Nein, wichtig war mir das nicht. Aber ich kann mir einfach nicht mehr einreden ein unpolitischer Mensch zu sein. Das passiert einfach. Ich habe den Anspruch die Fresse aufzumachen, wenn ich etwas loszuwerden habe.

Du bist z.B. zu sensibel SUV zu fahren – Ich denke deine Hörer*innen-Bubble würde das auch für ihr Leben unterschreiben. Wünscht man sich als Künstler, dass seine Musik mehr Leute hören, die sich daran stoßen?
Klar. Nur SUV-Fahrer sollen »zu sensibel« hören. (lacht)

Man munkelt Tua segnet jedes deiner Alben am Ende ab, weil du seine Meinung schätzt. Hat er es bereits gehört?
Der Tua hat das die ganze Zeit während der Produktion gehört. Der ist ein festes Ohr auf meinem Weg zu einem Album. Ich schätze ihn, seine analytische Art und sein Musikverständnis so sehr. Ich hole ihn immer gerne dazu. Wie er es findet soll er selber sagen: Aber ich glaube ihm gefällt es.

Text: Lukas Hildebrand
Foto: Monica Menez

Pool ist am 11.06 über Chimperator / Universal erschienen.

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