LX & Maxwell: »Wenn ich sage ‚Komm zum Obststand!‘, dann ist das ne Straftat?«

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Es ist nicht lange her, da war 187 für viele nicht mehr als eine Zahl, die die Häuserblocks von Hamburg zierte. Drei Sampler, ein Duo-Debüt der Protagonisten Gzuz & Bonez und eine ganze Flut an unterhaltsamen bis großartigen Streetvideos später liegt es auf der Hand: Kaum einer macht Geschichten von der Straße derzeit so greifbar wie die 187 Strassenbande. Dass mit LX & Maxwell nun gleich ein zweites Ausnahmeduo ins Haus steht, dürfte dem Erfolgszug der Bande wohl in die Karten spielen. JUICE traf das Zweigespann für ein erstes und exklusives Printinterview. Hausbesuch in Hamburg.

Familientreffen im Hause 187. Produzent Jambeatz sitzt am Rechner, der Bildschirm lässt eine Windows-Version erahnen, die seit mindestens zehn Jahren überholt ist. Gzuz lehnt derweil an einem Stuhl, konzentriert sich noch einmal auf seine Aufnahmen vom Vortag und erzählt gereizt von den Aussetzern der alten Kiste. Bonez, der Kopf der Bande, lungert in Trainingsanzug und Adiletten auf dem Sofa, die Cap tief ins Gesicht gezogen, das Geschehen in Ruhe überblickend. Der Rest der Gang sorgt dafür, dass sich Blättchen im Minutentakt in Tüten verwandeln, und beteiligt sich rege an den Stories über jenen CL 500, den Gzuz seit kurzem sein eigen nennt. Keine Woche habe es gedauert, bis Bonez, betrunken die Reeperbahn auf und ab fahrend, die frisch aufgezogenen Felgen geschrottet hätte. Die Anekdote klingt nicht nur unterhaltsam, sondern wie eine typische Szene aus einem 187-Videoblog. Wer auf Youtube einmal über das auf den ersten Blick wahllos zusammengeschnipselte Material gestolpert ist, hat die Szenerie bildhaft vor Augen. Im Hintergrund pumpt noch immer Gzuz’ jüngste Aufnahme. Ob das seine alleinige Arbeit sei? Das könne man bei 187 nie genau sagen, erwidert er. In diesem Fall habe etwa Sa4 bei der einen oder anderen Zeile geholfen – und ohnehin sei die Musik immer das Ergebnis der Aufnahmen, die halt so entstehen, wenn die Jungs in ihrem gemeinsamen Studio in Bargteheide hängen.

Bargteheide? Genau. Die schleswig-holsteinische Kleinstadt, etwa eine dreiviertelstündige Autofahrt nördlich vom Zentrum Hamburgs gelegen, ist die Heimat des musikalischen 187-Masterminds Jambeatz. Vor nicht allzu langer Zeit nahm man noch auf dessen Dachboden auf, doch auch Jams Eltern kennen Grenzen. Also zog man vor einem Jahr in eine ehemalige Tischlerei, stellte ein paar Couches bereit und richtete eine improvisierte Booth ein. Geboren war die neue 187-Zentrale. Überhaupt: Wer die 187 Strassenbande auf Hamburgs Rotlichtviertel St. Pauli reduziert, ist nicht mit der Zeit gegangen. Längst hat sich die Zahl ihren Weg quer durch die Stadt gebahnt. »Obststand«, das jüngst erschienene Debüt der 187-Member LX & Maxwell, ist dafür ein deutlicher Beleg. Denn die beiden Rapper trennen nicht nur gut sechs Jahre voneinander, sondern auch eine Sozialisation in verschiedenen Himmelsrichtungen der Hansestadt. Maxwell, jüngerer Teil des Zweigespanns, aber schon länger Mitglied bei 187, wuchs auf in Hamburg Mitte. Jenem Teil der Metropole, der vielleicht das größte soziale Gefälle der Stadt auf engstem Raum bietet. Unweit von der Alster, steht unbezahlbarer Eigentumsaltbau nur einen Steinwurf von Klinkersozialbauten entfernt. Ein Ort, an dem man wohl entsprechend früh mit schönen Gegenständen und folglich der Idee konfrontiert wird, sich diese Dinge zu eigen zu machen – auf welche Weise auch immer. LX, auf die Dreißig zugehend und erst seit einem guten Jahr musikalisch bei 187 involviert, nennt den Westen Hamburgs seine Heimat. Die Blocks vom Osdorfer Born, die auch das Cover von »Obststand« zieren, beschreibt er als »Ort, an dem man sich durchsetzen muss«. Dort, wo das Kokaingeschäft floriert, war auch für LX der Weg in die Jugendstrafe nicht weit.

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Was die beiden nun vereint: ihre Familie, die Strassenbande 187. Und der trockene Witz, der als Waffe gegen den trägen Alltag dient. Außerdem: Rap als Perspektive. »Obststand« dürfte nicht nur LX & Maxwell, sondern den Sound der Strassenbande überhaupt über die Grenze von Hamburg hinaus ein gutes Stück bekannter machen. Doch bleiben wir vorerst noch für ein Gespräch nördlich des Elbufers. Nach einem Besuch in Maxwells Hood, inklusive Abstecher zum Asia-Imbiss Huang, seinem persönlichen »Menace II Society«-Spot (»Ich musste mich letztes Mal wirklich zusammenreißen, dass ich mich nicht mit der Dame anlege«) und einem Gang durchs Schanzenviertel, bei dem LX vom einen oder anderen pubertierenden Fan für ein Foto angehalten wird und pädagogische Tipps (»Nicht kiffen, näh!«) verteilt, nehmen wir schließlich Platz auf einer Parkbank hinter der Roten Flora. An diesem ehemaligen Treffpunkt für Junkies und heutigen Mittelpunkt der Gentrifizierung in Hamburg begann für LX & Maxwell einst das Kapitel »187«. Doch lassen wir sie am besten selbst erzählen.

Ihr hattet beide prominente Parts auf dem 187-Sampler, der Anfang des Jahres ziemlich erfolgreich war. Fühlt man sich da überhaupt noch als Newcomer?
MAXWELL: Ich war ja auch mit »High & Hungrig« von Gzuz & Bonez schon in den Top 10. Newcomer? Vielleicht im letzten Jahr noch.
LX: Digger, ich fühle mich sowieso schon so alt, aber Newcomer… Warum nicht? Ist ja mein erstes Album. Richtig Musik mache ich wieder, seit ich vor drei Jahren zu Silvester ein Video mit einem 16er hochgeladen habe. Da war ich noch nicht bei 187, aber habe wieder richtig Bock bekommen, zu rappen.

Und was ging davor?
LX: Boah, das ist mit nem richtigen Absatz verbunden, Digger! Ich war in nem krassen psychischen Loch. Das hatte unter anderem mit einer Ex-Freundin und einem Sohn zu tun, den ich nicht gesehen habe. Ich habe auch ne Ausbildung angefangen, wieder abgebrochen und mich mit irgendwelchen Jobs über Wasser gehalten. Ich bin als 25-jähriger Mann mit der Nike-Tasche wieder bei meiner Mutter eingezogen, weißt du, was ich meine? Ich musste alles von vorne anfangen. Ich hatte nicht mal einen Ausweis – vom 06.06.2006 bis zum 12.12.2012 hatte ich keinen festen Wohnsitz, Digger… Worauf wollte ich jetzt noch hinaus?

 
Wie du wieder zum Rappen kamst?
LX: Durch Bonez. Mein Schwager ist Elektriker, und ich habe ab und zu in seiner Firma ­gejobbt. Eines Tages kam ich von der Baustelle und lief in meiner Arbeitshose übern Spielplatz, als Bonez mit seiner Tochter und seinem Hund dort war. Wir haben kurz geschnackt und er fragte, ob ich Bock hätte auf »187 Allstars 2014«. Er nahm mich dann mit zu Jambeatz, um den Track aufzunehmen. Ich habe extra einen Text mitgebracht, aber Bonez meinte: »Diggi, vergiss das mal, wir schreiben jetzt einen neuen.«
MAXWELL: (lacht) Das hat er bei mir am Anfang auch gemacht.
LX: Ich dachte natürlich, der Text wäre nicht cool. Aber Bonez meinte nur: »Wir machen das halt so, wir schreiben hier vor Ort und nehmen dann auch auf.«

 
Wie seid ihr beide für das Album zusammen­gekommen?
MAXWELL: Ich rappe ja schon ein bisschen länger, und nun war es an der Zeit für ein Album. LX kam gerade zu 187; er hat gut gerappt, ist mit auf Tour gekommen und ich mochte ihn. Er hatte auch seinen Hype mit dem »Compton«-Track, also fragte ich, ob er nicht Bock habe, das Ding mit mir zusammen zu machen.
LX: Auf der Tour haben wir geplant, ein, zwei Tracks aufzunehmen, sie Bonez zu zeigen und ihm ein gemeinsames Tape vorzuschlagen. Er kam dann aber von sich aus mit der Idee auf uns zu.
Wie darf man sich überhaupt die Arbeit an eurem Album vorstellen?
MAXWELL: Man trifft sich morgens, fährt mit dem Zug nach Bargteheide, sitzt dann auf der Couch, rollt ein, zwei Dinger und dann fängt Jam auch schon an zu produzieren.
LX: Wir haben uns dreimal die Woche im Studio verabredet und fast jedes Mal einen Song fertig gemacht. Digger, am liebsten würde ich einfach jeden Tag mit ihm Session machen und saufen. Aber er und ich haben halt auch viele Sachen zu tun.
MAXWELL: Der Junge wohnt im Westen, ich wohne in Mitte, da kann man sich nicht jeden Tag treffen. Jeder muss sein Obst verdienen.
LX: Der Junge ist auch echt anstrengend – so jung und voller Energie. (beide lachen)

Apropos Obst: Was hat es mit den Früchten auf sich?
MAXWELL: Obst ist Ott, ein Synonym für Gras.
LX: Ich erkläre dir, was Obst ist: Sonnenenergie, in eine Hülle eingeschlossen – lange haltbar, erfrischend und nahrhaft. Obst ist Genesung und Auslese – das Gegenteil von Krebs.

LX, du erwähnst eigentlich in jedem Track Tupac. Dein größter Einfluss?
LX: Ich hör eigentlich nur Tupac und 50 Cent. Und Dr. Dre. An Alben wie »Get Rich or Die Tryin’« und »2001« kommt für mich bis jetzt nichts ran. Ich finde da immer wieder so viele Details, obwohl ich das schon als kleiner Junge gepumpt habe. Da hab ich kein Wort verstanden, aber allein das Gefühl hat mir viel gegeben, wenn mich alles abgefuckt hat. Die Kultur führt dich auch dahin, den Text zu verstehen. Wo ich herkomme, brechen die meisten nach der Hauptschule ab und haben keine Englischkenntnisse. Das Gefühl der Musik hat erst mein Interesse an der Sprache geweckt. R. Kelly und Dr. Dre haben mir Englisch beigebracht.

Auf einmal bringen die einen Film raus, was geht denn?! Die können nicht ertragen, dass ich bei Youtube zuerst erscheine, wenn du »Compton« eingibst.
– LX

Was hat euch früher genau abgefuckt?
LX: Digger, alles! Ich glaube, ich bin ein Magnet für Missverständnisse. Schon mit zwölf habe ich immer mit meinen Lehrern diskutiert, in der Schule war ich überhaupt ein Störenfried. Viele Maßnahmen, die man mir wahrscheinlich aufgrund meiner Missverständnisse auferlegt hat, haben mich immer mehr abgefuckt. Sozialpädagogengeschichten und so; wenn Leute beurteilt haben, wie meine Mutter mich erzogen hat oder was für meine Zukunft besonders wertvoll wäre. Bla bla bla, sieht man ja jetzt: Der einzige Weg für mich, legal Geld zu verdienen, ist HipHop-Musik.
MAXWELL: Jap, das kann ich unterstreichen.

Ich nehme an, ihr habt irgendwann auch deutschen Rap gepumpt, immerhin rappt ihr heute auf Deutsch.
MAXWELL: Ich habe eigentlich nur deutschen Rap gehört, ich verstehe bis heute kein Englisch. Tupac und so habe ich durch meinen großen Bruder gehört und dadurch natürlich automatisch gefeiert. Er hatte auch so große Ketten mit Wu-Tang- oder Ruff-Ryders-Symbolen vom Dom [Hamburger Kirmes; Anm. d. Verf.]. Ab einem bestimmten Alter habe ich aber nur noch gefeiert, was ich auch verstanden habe.

 
Und was war das damals?
MAXWELL: Bushido. Und Eko mit »König von Deutschland«. Um 2008 herum bin ich auf Hamburger Rap gestoßen – auf »Willkommen auf St. Pauli« von Nate 57 und »Mehr geht nicht« von Bonez bin ich voll hängengeblieben. Genau in diesem Park, in dem wir gerade sind, hab ich dann auch angefangen, mit Bonez und Gzuz zu chillen. Da war ich gerade mal 15. Im Video zu »Wie weit es geht« von Gzuz haben ich und zwei Kollegen Gzuz und Freunde in klein gespielt. Ein paar Jahre später habe ich Bonez in Hamburg West wiedergetroffen, und er fragte, ob ich Bock hätte zu rappen.
LX: Ahn mal diesen Altersunterschied! Ich habe Word Cup mit Tyron [Tyron Ricketts; Anm. d. Verf.] auf Videokassetten aufgezeichnet. Ich habe alles aufgesogen, was mit deutschem HipHop zu tun hatte, auch Mixery Raw Deluxe mit MC René. Damals hab ich in Schenefeld gelebt, ich erinnere mich an eine Jam im Juks mit Fettes Brot, Stieber Twins, Afrob und Spezializtz. Und Samy Deluxe hat mittags im strömenden Regen gespielt. Im Sommer haben wir uns immer bei jemandem einquartiert, dessen Eltern im Urlaub waren, und haben uns Klassiker wie »Menace II Society« und »Wild Style« reingezogen und Domino gespielt.

Maxwell, wo bist du denn aufgewachsen, bevor es nach Hamburg West ging?
MAXWELL: Lübecker Straße, 22087. Da habe ich 15 Jahre gelebt, mit meiner Mutter und meinen Geschwistern. Dann ist meine Mutter krank geworden und ich musste den pädagogischen Weg gehen – Jugendwohnung, Betreuer und all der Scheiß. Ich hab dann ne eigene Wohnung bekommen, und nach zwei Jahren harter Partyphase flog ich raus. Aber ich stehe und rappe immer noch, mir geht es besser denn je!

 
Apropos Westen: LX, wieso eigentlich »Compton«?
LX: »Compton« ist einfach entstanden, als Jambeatz auf so nem Gerät rumgedrückt hat, da ein geiler Beat rauskam, ich auf dem Sofa saß, ­einen Joint geraucht habe und zu rappen anfing: »Bauchtasche voll mit Plomben/Du fängst dir ne Bombe/Aus der Jacke von Lonsdale/Du kannst kommen« und so weiter. Man freestylt einfach rum, irgendjemand findet ne Zeile geil und dann baut man daraus etwas.
MAXWELL: Ich freue mich übrigens krass auf den Kinofilm von N.W.A.!
LX: Ja Mann, ein absurdes Schicksalsding. Auf einmal bringen die einen Film raus, was geht denn?! Die können nicht ertragen, dass ich bei Youtube zuerst erscheine, wenn du »Compton« eingibst. (alle lachen) Nee, im Ernst: Rapper benutzen Metaphern. Und bei Compton ist direkt klar, was gemeint ist, oder? Ich sage dir, worauf die Line »Bauchtasche voll mit Plomben« basiert: Bei uns im Viertel fahren kleine Jungs mit nem BMX rum und werden von Leuten geschickt, um Drogen zu verteilen. Die haben ne Bauchtasche voll mit Plomben, da kannst du zu jeder Uhrzeit Kokain kaufen. Als Rapper bin ich ein Spiegel der Straße, also spreche ich das an. Ich distanziere mich auch davon, dass das verherrlichend ist. Das ist eher so ein »Hallo, guck mal, was da abgeht!«

Vorhin hat ein Junge um ein Foto gebeten. Der war vielleicht 14 und du hast ihm davon abgeraten, zu kiffen.
LX: Ich treffe oft Kids in der Entwicklungs­phase, für die alles cool ist, was die Eltern ­scheiße finden. Wenn die mich auf Youtube sehen, wie ich sage, dass ich Tüten verkaufe, sehen die nicht, dass ich damit meine Vergangen­heit verarbeite und in Zukunft alles andere will, als Tüten zu verkaufen. Die denken: »Wow, bist du verrückt, Digger! Kannst du mir mal nen ­Zehner klarmachen?« Aber so läuft das nicht.

Der Junge wohnt im Westen, ich wohne in Mitte, da kann man sich nicht jeden Tag treffen. Jeder muss sein Obst verdienen.
– Maxwell

Spürt man denn mit steigender Bekanntheit auch mehr Verantwortung?
MAXWELL: Ach, was heißt schon Verantwortung? Guck dir mal einen Horrorfilm an. Wer trägt dafür die Verantwortung?
LX: Wenn Jean-Claude Van Damme und Arnold Schwarzenegger den bösen Terroristen jagen, ist dabei alles erlaubt. Bei GTA kannst du Nutten im Auto ficken und Leuten den Kopf wegschießen. Die Gesellschaft liebt es, wenn alles erlaubt ist. Wenn ich sage »Komm zum Obststand!«, dann ist das ne Straftat? (lacht)

Maxwell, auf dem Album heißt es einmal »Technik vom Feinsten«. Wie wichtig ist euch so etwas wie gute Reimtechnik?
MAXWELL: In der Zeile beziehe ich mich aufs Fußballspielen. Bei Rap ist mir das nicht immer wichtig, Hauptsache man ist real. Kollegahs Technik ist zum Beispiel top, aber das ist mir auch zu anstrengend. Ich brauche Rap, den ich smooth hören kann.
LX: Unsere Technik ist sehr unbewusst, würde ich sagen. Wo andere viel schreiben, brauche ich oft nur ein Wort. Ich schreibe auch Zeilen und streiche dann immer mehr davon aus, bis nur noch ein paar Worte übrig bleiben. Es reicht auch mal eine Viererkette, die sitzt.

So wie in »Compton«.
LX: Ich halte es extra primitiv und stumpf – weniger ist mehr. Mit ner coolen Hook sind eh fünfzig Prozent sicher. Dazu muss ich sagen, dass ich die letzten zehn verpassten Jahre nun mit Maxwell in zwei Monaten nachgeholt habe; ich musste echt Leistung erbringen. Und auch Maxwell war immer am Start, obwohl er zwischendurch todeskrank war. Es gibt für uns beide zwei Möglichkeiten – wieder auf der Straße Scheiße machen oder hiermit unsere Leben in den Griff kriegen. Für mich ist das richtig krass, meiner Bewährungshelferin mit 28 Jahren zu sagen, dass deutscher HipHop eine positive Sozialprognose ist. Da ist vielleicht ein bisschen Gras im Video, aber das Ganze läuft gut, wir fahren auf Tour, verkaufen CDs, das ist für mich eine Perspektive. Damit habe ich nie gerechnet. Meine Mutter hat Rap meine ganze Jugend über gehasst, heute kommt sie auf mein Konzert, ist VIP und feiert mich zu Tode. Sie hat sogar meine Box vorbestellt. (lacht)

 
Ihr sprecht gerne von Authentizität.
MAXWELL: Das ist alles, ohne geht es nicht. Wenn ein Schlagersänger von Malle und Cocktails erzählt, ist das auch okay, wenn es das ist, was er erlebt.
LX: Ich habe das Gefühl, Authentizität ist der einzige Grund, warum wir beide rappen und das Album gemacht haben. Viele in Deutschland wollen den von Hartz IV lebenden Haze-Ticker verkaufen (LXs Handy klingelt), aber die wollen selbst nicht der Asoziale sein, der Probleme auf dem Amt hat und seine Frau und Kinder verliert, weil keine Kohle da ist. Die wollen nur das Produkt vom Prototyp Straßenhustler verkaufen. Das ist der Moment, in dem sich Fler einschaltet und sagt: »Ey Torch, hör mal auf, vom Sprühen zu rappen, wir malen doch hier die Züge.« Und in dem Moment schalte ich mich ein und sage: »Digger, rede doch nicht von ganz hinten im Bus, wenn du deinen Siebener bar bezahlen kannst.« (lacht) Aber vom Ding her ist das auch nicht mein Bier, jedem soll alles gegönnt sein.
(LXs Handy klingelt. »Hallo? […] Nein, Diggi. Wenn ich was höre, rufe ich dich an.«)

Text & Fotos: Wenzel Burmeier

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #168 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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