Long Arm – The Branches

    Wenn man an HipHop aus Russland denkt, fallen einem allenfalls wenige MCs ein, die sich auch in Europa einen Namen gemacht haben. Aber russische Produzenten? Komplette Fehlanzeige. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Heimlich, still und leise hat sich in Russland eine höchst spannende Beat Generation entwickelt, deren Output die Herkunft der osteuropäischen Beatschmiede mit keinem Ton verrät. Vielmehr ist diese Szene international ausgerichtet und orientiert sich an allem, was da seit J Dilla und Flying Lotus, seit Exile und Hudson Mohawke so in der Welt der zerhackten Samples und gebrochenen Beats so kreucht und fleucht. Mit dem ambitio­nierten Berliner Underground-Label Project: Moon­circle (PMC) hat sich nun auch eine Plattform für Produktionen straight outta Russia gefunden. Long Arm ist vielleicht der spannendste Vertreter der jungen russischen Produzentenszene. Zumindest verbindet er auf seinem Debütalbum »The Branches« zeitlose Downtempo-Harmonien mit TripHop-Elementen sowie Jazzgefrickel zu einem eigenen Sound.

    Für »Power Of Rain« begnügt sich der detailversessene Long Arm gerade mal mit einem atmosphärischen Flöten-Sample, auf das er seinen Beat aufbaut. Was seine Produktions­weise aber eigentlich ausmacht, sind ständige Themenwechsel. In dem über sechsminütigen »After 4AM« entwickelt Long Arm diesen Ansatz annähernd zur Perfektion. Er variiert das Grundthema in diesem Lied vier- bis fünfmal und führt den Zuhörer durch verschiedene Themen­komplexe, die fließend ineinander übergehen. Der sphärische Charakter geht trotzdem nie verloren. Nur in »Dummy« wagt er sich an vertrackte Drums, bastelt einen komplexen, fast überladenen Tune und bricht so einmal die Strukturen auf. Sonst ist Long Arms Debütalbum aber eine enorm melodische, teilweise fast schon wehmütige Platte, auf der der Produzent über weite Strecken einem klaren Soundentwurf folgt. »The Branches« ist am Ende vielleicht nicht gerade die Platte, die den Brainfeeder-Jungs zeigt, wo’s als nächstes hingeht, denn dafür ist der entworfene Klangkosmos nicht visionär und zukunftsorientiert genug. Aber ein überaus amtliches Instrumental-Debüt eines talentierten Produzenten ist es allemal.

    Project: Mooncircle/hhv.de

    Julian Gupta