Joell Ortiz – Free Agent

Die Welt ist böse! Muss so sein! Wie sonst könnte ein MC wie Joell Ortiz ein »Free Agent« sein, während taumelnde und tanzende Li-La-Laune-Bären im Wochentakt 100K für ihre Videos verhuren? Normalerweise hätten nach dem Split von Dre im Jahre 2008 keine zwei Wochen bis zu einem neuen Signing vergehen dürfen. Böse Welt eben – aber keine verlorene. Durch das Zusammenfinden des Slaughterhouse, das soeben bekanntlich einen Shady-Deal eingefahren hat, wird auch Joell nicht mehr lange nach einer repräsentativen Labelheimat suchen müssen, um endlich die verdienten Solo-Trüffel einzufahren. Verdient deshalb, weil Mr. Ortiz auf »Free Agent« einmal mehr zeigt, wie man ein Mic zu zerlegen hat. Der überstrapazierte Begriff Hunger ist jedenfalls ein fest verwachsenes Element seiner unbestreitbaren Skillz, die aber leider nur dann unfickbar in den Gehörgang fahren, wenn der Beat wie bei dem Übertune »Battle Cry« die passende Unterlage liefert. Man fährt einen Ferrari ja auch nicht mit Diesel, right? So geht die erste Hälfte des Albums aufgrund der durchaus ­roughen, aber zeitweise langweiligen Beat-Auswahl samt einem B-Ware-Premo (»Sing Like Bilal«) etwas baden.

Die Sonnenseite wird dann aber mit besagtem Just Blaze-Brett »Battle Cry« eingeläutet und ab dann auch aufs Gas getreten. Large Pro zieht alles aus der MPC (»Oh!«), während »So Hard« mit der lieblichen Anna Yvette direkt in den Nackenmuskel geht, DJ Khalil wie immer verlässlich abliefert (»Cocaine«) und mit »Call Me« ein unkäsiger Club-Tune vorhanden ist. So ist die zweite Hälfte eher obere Liga, ganz klar Musik aus dem großen Apfel und vielleicht am Ende sogar schlüssiger als ein Album voller Klimperklaviere. Auch dass Royce und The LOX mitspitten, ist logischer und treffsicherer als jedes Snoop-, Nate- oder Fiddy-Feature. Doch im Ergebnis ist »Free Agent« trotzdem nicht mehr als eine halbwegs kurzweilige Scheibe eines leider immer noch unterbewerteten MCs mit reichlich Luft nach oben im Beat-Picking. Der Gesamteindruck ist daher auch schwächer als die Einzelbetrachtung oben genannter Höhepunkte, auf denen Ortiz immer wieder einen nahezu unfickbaren Flow auspackt.

eOne/Groove Attack

Matthias Schädl