Lance Butters: »Ich glaube, das wird alles ganz böse enden« // Interview

Lance Butters ist als Battle-Rapper groß geworden. Wer genau hinhörte, konnte aber schon auf »Blaow« merken, dass den Unsympath aus Überzeugung mehr als nur die Whackness der Game-Konkurrenz beschäftigt. Auf seinem zweiten Langspieler »Angst« versucht Butters also, klarzukommen.

Auf deiner neuen Platte »Angst« behauptest du, du hättest vor niemandem Angst außer vor dir selbst. Meinst du das ernst?
Es geht darum, dass ich eine Art habe, an Dinge heranzugehen, die mir Angst macht. Anders gesagt: Wenn irgendein Rapper ankommt und mich disst oder ich nicht gut verkaufe, dann sind das keine echten Probleme. Daran scheiterst du nicht. Du scheiterst an dir selbst; an der Art, wie du an Dinge herangehst. Und wenn man das einmal erkannt hat, dann kann man sagen: »Ja, ich habe nur Angst vor mir selbst.« Alles andere sind belanglose Außeneinwirkungen.

Seit deiner »Die Welle«-EP vor zwei Jahren war es relativ still um dich. Was hast du bis »Angst« gemacht?
»Die Welle« kam ja im Oktober 2016, dann haben wir eine Tour gespielt, und im Februar 2017 hab ich dann schon begonnen, an »Angst« zu arbeiten. Dann dauert die ganze Schriftverkehrkacke mit dem Label ewig, im August war ich mit Alan [Ahzumjot, der »Die Welle« und »Angst« produziert hat; Anm. d. Verf.] im Kreativurlaub in Holland, und dann hieß es einfach: schreiben, schreiben, schreiben. Ich weiß, dass das nach außen immer so wirkt, als würde man nichts tun, sobald man mal ein halbes Jahr keine Promo macht. Aber ich bin auch nicht der Typ, der sich sagt: »So, jetzt machen wir nochmal zehn Tracks und hauen die raus.« Ich kann nur releasen, wenn ich weiß, dass ich was zu erzählen habe.

Bleibt irgendwas auf der Strecke, wenn man die ganze Zeit so beschäftigt ist?
Ja: Geld verdienen. Als ich letztes Jahr die Platte gemacht hab, hab ich halt keine Festivals gespielt und hatte deswegen einfach absolut kein Cash mehr. Versteh mich nicht falsch: Ich wäre nicht lieber arbeiten gegangen. Realistisch gesehen hätte ich aber Anfang 2017 sagen müssen: »Scheiß drauf, ich muss mir ne Arbeit suchen.« Das ist natürlich auch ein Ego-Ding. Du weißt, du bist ein selbstständiger und – in Anführungszeichen – erfolgreicher Musiker und hast funktionierende Releases. Da brauchst du ein bisschen, bis du realisiert, dass du trotz der Streaming-, trotz der Verkaufs-, trotz der Tourzahlen eigentlich arbeiten gehen müsstest.

Denkst du, da läuft etwas falsch?
Natürlich läuft da was falsch. Stell dir mal vor, du gehst in ein Café oder eine Disko und es gibt keine Musik mehr: Spätestens dann merkst du, wie wichtig Musik wirklich ist. Aber als Urheber siehst du halt nicht viel. Klar, ich hab auch ein Majorlabel, aber das größere Problem ist, dass du als selbstständiger Musiker in Deutschland in keiner Weise unterstützt wirst. Das Finanzamt ist eigentlich nur dabei, dich zu ficken. Das Lustige ist aber, dass die Kids denken: »Lance Butters? Der muss Millionär sein.«

Wann ist die Idee zu »Angst« gekommen?
Da gibt es zwei Punkte. Erstens: Die Idee war eigentlich schon zu »Blaow«-Zeiten da. Klar, in »Blaow« ging es natürlich noch viel mehr um »Rap über Rap«; mit dem Debüt wollte ich also die Brücke vom Battlerap zur Figur Lance Butters schlagen. Aber schon damals dachte ich mir: »Mann, mich kotzen eigentlich so viele Sachen an. Nicht nur andere Rapper.« Zweitens ist 2017 alles so ein bisschen eingebrochen und ich war von allem extrem abgefuckt. Wenn ich dann abends Musik gemacht habe, dann war das notgedrungen sehr negativ. Wenn’s dir schlecht geht, schreibst du eben nicht mehr über andere Rapper. Da denkst du dir nur: »Ey, ist halt einfach alles kacke gerade.«

So was in Musik zu verarbeiten, hört sich nicht leicht an.
Naja, ich kann nur über Sachen schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Insofern hatte ich mit dem Texten jetzt keine großen Probleme – obwohl es natürlich aufs Gemüt schlagen kann, wochenlang in den eigenen Wunden zu bohren und sich Tag für Tag mit der eigenen Negativität auseinanderzusetzen.

Hat das Texten für dich dann etwas Therapeutisches?
Normalerweise nicht. Ich bin generell eine sehr reflektierte Person; das heißt, da gibt es jetzt keinen riesigen Aufarbeitungsprozess. Obwohl manche Dinge natürlich erst Fakt werden, wenn man sie aufschreibt. Man fragt sich dann schon mal: »Will ich eigentlich wirklich so sein?«

Man muss sich wohl auch fragen, ob einem diese Selbstreflexion gut tut, oder?
Exakt. Und es ist ja so: Jeder hat seine Probleme. Jeder hat seine Scheiße zu tragen. Man darf nicht immer glauben, dass sich alles nur um einen selbst dreht.

Aber woher kommt überhaupt der Impuls, die eigenen Probleme in eine kreative Form zu packen?
Das sind einfach die Dinge, die mich beschäftigen. Ich könnte kein Album mehr machen, auf dem ich über 14 Tracks Rapper battle. Das juckt mich einfach nicht mehr.

Denkst du, junge Leute haben heute mehr Angst als früher?
Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Ich glaube, die sind alle am Arsch. Der Druck durch Social Media ist doch so unglaublich groß. Da wirst du dumm. Außerdem wird man ja heutzutage mit dieser »Du kannst alles werden«-Einstellung groß. Das muss man eben auch erst einmal verstehen: Nein, du kannst nicht alles werden. Das ist einfach Quatsch. Also ja, ich glaube, wir werden immer unzufriedener. Ich glaube, das wird alles ganz böse enden.

Spürst du als Musiker eine Verpflichtung, daran etwas zu ändern?
Nein. Mir liegt nichts daran, soziale Projekte zu starten oder den Kindern Lehrkurse zu geben. Es ist natürlich so, dass die andere Seite, die ganzen »Lebensgenießer«, viel zu laut sind. Aber ich habe mit meiner Musik generell nicht vor, irgendwelche Reaktionen hervorzurufen. Wenn sich Leute in meiner Musik verstanden fühlen, dann habe ich alles erreicht. Ob die Platte dann auf Eins chartet oder auf Hundert oder gar nicht, ist mir wirklich völlig egal.

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