Kanye West & Jay-Z Review #8

Watch-The-Throne5

 

Da wir »Watch The Throne« in unserer neuen Ausgabe #138 aufgrund schlechten Timings nicht berücksichtigen konnten, unterziehen wir die 16 Tracks der »Deluxe Edition« einer täglichen Track-by-Track-Rezension. Wir verzichten dabei bewusst auf die Nennung inoffizieller Links zu den jeweiligen Songs. »Watch The Throne« ist bei iTunes ganz einfach zu erstehen oder eben in den Weiten des Internets anderweitig zu finden. Heute beäugen wir den achten Song »Welcome To The Jungle« genauer.

 

Der passionierte Kunst-Sammler, Alicia Keys-Gatte und Reebok-Werbeträger Swizz Beatz bekam bereits im Zuge der Aufnahme-Sessions zu »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« die Chance, zwischen Kanye und Jigga den Hook-Motivator zu geben. Auf »So Apalled« durfte er jedoch nicht als Produzent in Erscheinung treten, den Beat besorgten Kanye, Mike Dean und No I.D.. Auf dem iTunes-Rekord-Album »Watch The Throne» hat er nun auf einem Song auch die Deutungshoheit im Studio übernommen. Natürlich wieder mit einer je nach Stimmung eingängigen oder penetrant-nervigen Hook-Ansage. Auf die Retro-Sause mit Q-Tip-Drums folgt also handelsüblicher Swizzy-Wahnsinn im Club-Tempo. Also direkt der nächste Song über die Weibaz?

 

Weit gefehlt. Kanye hält sich auf »Welcome To The Jungle« beinahe komplett zurück. Er leitet die Hova-Strophen mit melancholischer Ansage ein, die die Stimmung des unspektakulären In-Die-Fresse-Instrumentals ins Gegenteil wandelt: »Just when I thought I had everything, I lost it all. So ‚que sera‘, get a case of Syrah. Let it chase the pain, before it goes too far.« Da ist wieder einer dieser introspektiven Momente, die Kanye im Genre etabliert hat und aus denen Rapper mittlerweile ganze Songs, ach was, ganze Karrieren machen: Das Jammern auf höchstem Niveau. Das schreckliche Gefühl, wenn man im Maybach sitzt und nur den teuersten Rotwein hat, um die Tränen zu trocknen. Das traurige Leben an der Spitze. Dass Kanye hier »Que sera, sera« zitiert, ist dabei so großartig konsequent inkonsequent. Denn irgendwie hat man es sich ja gar nicht anders ausgesucht. »Que sera, sera.« Es kommt, wie es kommt. »Whatever will be, will be.«

 

Den Rest, sprich zwei großartige Verses, besorgt Jay-Z – nennt ihn ab sofort »The Black Axl Rose« – mit größtmöglicher Vehemenz. Er steigt ein mit einer Erinnerung an sein früheres Ich, das zwischen den Sozialbau-Kolossen von Brooklyn das eine oder andere Gramm vertickt hat, um sich die neuen Nike Airs leisten zu können. Nichts neues. Doch danach wird es heftig. Die richtig tiefen Einblicke in die dunklen Ecken seiner Seele lässt Jay nur selten zu – »Welcome To The Jungle« ist einer dieser seltenen Gelegenheiten.

 

Er beklagt den Verlust seines Vaters, seines Onkels und seines Neffen: »Paralyzed by the pain, I can barely move. My nephew gone. My heart is torn.« Mitgefühl. »Sometimes I look to the sky. Ask why I was born.« Irgendwie müssen die Rezensenten, die »Watch The Throne« als hochglanzpoliertes Angeber-Album ohne Seele abgekanzelt haben, diese Zeilen überhört haben. Der König sitzt auf seinem Thron, schaut in den Himmel und fragt, wieso er geboren wurde. Selbstzweifel auf einem Angeber-Album?

 

In der zweiten Strophe geht es noch weiter in die Tiefe. Hova zollt seinen verstorbenen Musiker-Kollegen Michael Jackson (»Rest in peace to the leader of the Jackson 5«) und Pimp C (»I died in my sleep, I’m still Big Pimpin.«) Tribut. Er beschreibt sich selbst als gequälte Seele, die sein Innerstes vor der Öffentlichkeit versteckt. Er fragt seine Mutter, wo sein Lächeln abgelieben sei. Diese bleibt eine Antwort schuldig und so betäubt sich Shawn mit Champagner und Weed – und verliert sich. »I’m losing myself, I’m stuck in the moment.« Um sich dann doch wieder zu fangen. »I look in the mirror. My only opponent.«

 

Eine so ehrliche und offene Seelenspiegelung des vielleicht größten Rappers aller Zeiten hätte man direkt im Zentrum eines Albums mit Riccardo Tisci-Artwork nicht erwartet. Eine emotionale Verbindung zwischen Swizz Beatz und Jays Lyrics lässt sich auch nach mehrmaligem Hören nur schwer herstellen – aber das ist im Endeffekt auch egal. Vor einigen Monaten, als Jay gerade dabei war, »Decoded« zu promoten, wurde er nicht müde, den Charlie Roses der Welt zu erklären, warum Rap-Texte moderne Lyrik sind. Er hätte ihm einfach diese zwei Strophen vorlesen sollen.

 

On to the next one.

 

Text: Sascha Ehlert