Kanye West & Jay-Z Review #12

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Da wir »Watch The Throne« in unserer neuen Ausgabe #138 aufgrund schlechten Timings nicht berücksichtigen konnten, unterziehen wir die 16 Tracks der »Deluxe Edition« einer täglichen Track-by-Track-Rezension. Wir verzichten dabei bewusst auf die Nennung inoffizieller Links zu den jeweiligen Songs. »Watch The Throne« ist bei iTunes ganz einfach zu erstehen oder eben in den Weiten des Internets anderweitig zu finden. Heute besprechen wir den elften Track: »Why I Love You«.

 

»Uh, I love you so – but why I love you, I’ll never know.« – dämlicher geht’s ja eigentlich gar nicht mehr. Diese sinnfreie Sentenz aus »I Feel a Song (In My Heart)« von Glady’s Knight & The Pips machten sich im letzten Jahr schon die beiden Frenchmen von Cassius zu eigen. Sie verpassten dem schmalzigen Siebziger-Song einen gehörigen Arschtritt, schoben das Ganze ein paar Umdrehungen nach oben und machten daraus einen astreinen Frenchhouse-Pitchbanger.

 

Damals eher auf den Kitsuné-Poolparties für die Avantgarderaver in der Leinenhose als Begleitmusik zum Gurke-aus-dem-Gin-Tonic-Glas fischen gedacht, ereilte den Track bald das Schicksal so manches Szenehits. Nägelkauende Citroen-Agenturfuzzis spürten den Song auf und veredelten den Werbespot für den neuen DS4-Flitzer mit »I Love You So« von den Herren Zdar und Boom Bass.

 

Gut, der Jiggamann und der Louis Vuitton-Don interessieren sich vermutlich eher wenig bis gar nicht für französischen Kleinwagen – das dürfte jedem klar sein, der »Watch The Throne« wenigstens einmal etwas genauer durchgehört hat. Vermutlich hat Kanye den Track sich halt von irgendeinem Blog gezogen. (Es ist zu bezweifeln, dass West die Cassius-Vita kennt und sich darüber bewusst ist, dass die Jungs nicht nur echte House-Pioniere sind, sondern eigentlich aus dem HipHop kommen.) Nachdem er sich das Ding in die MPC geladen und nochmal einen Tempozahn zugelegt hatte, war aber leider etwas Ähnliches zu beobachten, wie schon bei seiner letzten Frenchman-Adaption. Wie auch bei seiner »Stronger«-Sampelei des Daft Punk-Duos anno 2007 tönt die Weiterverarbeitung für Kenner des Originals etwas inspirationslos, wird aber von allen Newbies gnadenlos abgefeiert und für ein wahnsinnig irres Ding gehalten.

 

Insgesamt ist das also einer dieser 2.0-Hipstersamplesongs, auf die sich vor gut fünf Jahren alle so wunderbar einigen konnten. Aber: genug geärgert. Weil: irgendwie klingt’s natürlich trotzdem geil. Auch, weil Kanye da gegen Ende wieder so ein kammermusikalischer Ausbau des Ganzen liefert und nochmal klarmacht, was dieser »stadium status« eigentlich genau war. Und spannend ist ohnehin, dass hier ein bereits auf einem Sample basierender Track gesamplet wird. Sowas wird im ewigen Rekurrierungszyklus der Popkultur in Zukunft wohl noch öfter vorkommen.

 

Doch, genug der musikalischen Belange, hin zum gesprochenen Wort. Das fällt – wohl zum Erstaunen aller – recht puristisch und ohne großen Schnickschnack aus. Keine Stardesigner, Sportboote, Tipps zum Kokainschnupfen oder falsche kulturgeschichtliche Namedroppings. Nur simpelste Fakten und eine Auflösung der Thronfolgerfrage gegen Ende.

 

»Picture if you will that the throne was burning. Rome was burning and I’m sitting in the corner all alone burnin‘.« Die Hater haben’s mal wieder geschafft. Oder, wie Jan Delay sagen würde: Alles ist im Arsch. Gut. Der Thron, der brennt. Rom? Ebenfalls. Und Jay-Z, der brennt auch und sitzt in der Ecke. Ist aber alles halb so wild.

 

»And they want me dead, but I’m so sorry but I just can’t die for you.« Geht einfach nicht. Ist halt Jigga, der gleich weitermacht und den blasphemischen Prahlhans gibt. »Get fly more, get high more, cry boy, why for? When the grief is over, beef is over. I’ll be fly when Easter’s over.«

 

Da haben wir es schwarz auf weiß: Jay-Z wird der Jaysus jetzt. Der Heiland. Der Messias, der sich nach Ostern dann aber wirklich die Raprente da oben im Himmel gönnt. Und dann, kurz bevor wir denken, dass es jetzt auch mal gut ist mit der ganzen Selbstbeweihräucherung, droppt er diesen Bosssatz: »I tried to teach niggas how to be kings and all they ever wanted to be was soldiers.«

 

Da werden nochmal fix alle I-Dötze vom Vatter abgewatscht. Dafür, dass sie den Rap kaputtgemacht haben. Im Endeffekt ist es ihm aber auch egal, weil das Schloss immer größer wird, die Mauern immer höher ragen. Sollen die das da unten doch alle mit sich ausmachen. Jigga zieht sich zurück in sein schickes Anwesen und fertig ist die Laube.

 

Oder geht es hier vielleicht gar nicht ums große Ganze? Also um alle, die »Best Rapper Alive« sagen oder es auch nur denken? All diese argen Worte könnten auch ganz spezifisch an eine Roc-A-Bande gerichtet sein, mit der man einst ziemlich auf Welle gemacht hat und die mittlerweile allesamt glauben, sie hätten zu wenig vom Kuchen abbekommen.

 

»Same people that I fought for, that I fight for, that I ride for, that I live for, that I die for. Be the reason that these niggas is alive for. And they want me dead. But I’m so sorry but I just can’t die for you. But I can make em put their hands in the sky for you.«

 

Das klingt schon schwer nach den Beans und Dames, die man hie und da noch immer mit zum Diamanten geformten Händen in der Luft begrüßt, oder? Klar kann sich Jay-Z einen feuchten Dreck um die Disses und Anfeindungen von den ehemaligen Zöglingen scheren und die dummen Sprüche locker von der Schulter streichen, während er an der Spitze der Forbes-Liste sitzt. Aber es tut halt trotzdem weh, wenn du jahrelang den kleinen Finger gereicht hast und sich jetzt all die Nutznießer darüber aufregen, dass sie nicht an den Pinky Ring durften.

 

»So the love is gone. Til blood is drawn. So we no longer wear the same uniform. Fuck you squares. The circle got smaller. The castle got bigger. The walls got taller. And truth be told after all that said. Niggas still got love for you.«

 

Während Mr. Hudson da Glady’s Knight backt und wir nochmal über des Carters‘ Verse nachdenken, würde jetzt eigentlich eine Anbandelung und Adaption an die flammende Rede von Jay-Z seitens Kanye West folgen. Gerade weil er es ja fulminant gezeigt hat, wie man vom Jigga profitieren kann, um dann aus seinem Schatten zu treten.

 

Weit gefehlt! Der zweite Verse gehört selbstredend auch Jay-Z. Er ist ja der König. Und jetzt gilt es, nochmal genau auf den Thron zu gucken. Gab der King sich im ersten Verse noch recht distanziert und arschcool, geht es jetzt um einiges emotionaler zur Sache. Rausgerissenes Herz und so Krams. »Wasn’t I a good king?« Rhetorische Frage mit breiten Schultern oder vielleicht doch Rückschau mit Träne im Auge?

 

Und Kanye? Der gibt den eifrigen Ja-Sager zu der Linken des Thrones, der unterstützend gegen des Jiggas Paranoia in der Popkultur angeht. Muss er ja auch, schließlich würde er nur zu gern irgendwann auch mal da oben sitzen. In dem Schloss mit dem hohen Mauern und so einer Göttergattin wie Beyoncé – die »Watch The Throne«-Idee auf der zweiten Deutungsebene.

 

Und wie das Stück nach hinten dann mit den ganzen Streicherspirenzchen ausbricht, hat man immer noch dieses Bild vor Augen: Jay-Z auf dem Thron – sinnierend und resignierend zugleich, während der übereifrige Kanye am roten, hermelinbesetzten Königsmantelrockzipfel hängt und nur darauf wartet, endlich übernehmen zu dürfen.

 

»Weißt du«, sagte neulich ein guter Freund zu mir. »Am Ende des Tages sind das zwei geile Typen beim geile-Typen-Sein. Im Detail mag das peinlich und bizarr sein, im Gesamteindruck eher nicht.«

 

On to the next one.

 

Text: Jan Wehn

 

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