Kalim im Interview: »Ich würde immer noch Drogen verkaufen, wenn es Rap nicht gäbe« // Feature

Fast fünf Jahre ist es her, dass Kalim mit »Sechs Kronen« einen Erdrutsch im Straßenrap auslöste. Heute erscheint sein neues ­Album »Null auf Hundert«.

Wie schon die letzten Alben wirkt »Null auf Hundert« sehr strukturiert und reiht sich nachvollziehbar in deine Legacy ein. Auffällig ist, dass du »Thronfolger« mit dem Track »1994« begonnen hast und das Intro der neuen Platte dein Geburtsjahr als Namen trägt: »1992«.
Ja, genau. 1994 war das Jahr, in dem mein jüngerer Bruder geboren wurde, dem hatte ich das letzte Intro gewidmet – einfach weil er mir alles bedeutet. Diesmal habe ich es als passend empfunden, mit dem Jahr meiner Geburt einzusetzen. Weil mein Ritt von Null auf Hundert genau dort beginnt. Dass die Alben immer gut strukturiert sind, stimmt. Die Tracklist besteht zum Beispiel immer aus zwölf Songs. Das ist für ein Album nicht besonders lang, aber ich will es unbedingt vermeiden, auch nur einen einzigen Skip-Song zu veröffentlichen. Das ist auch der Grund, warum ich meinen Input insgesamt ziemlich gering halte: Alles was rauskommt, soll die bestmögliche Qualität haben.

Die erste Single »Offenes Verdeck« ging schon im August letzten Jahres online. Es ist unüblich, dass das dazugehörige Album erst so viel später erscheint.
Die Platte sollte eigentlich schon im November 2018 kommen. (lacht) Aber ich habe dann doch noch sehr viel länger daran gesessen als ursprünglich geplant. Das lag gar nicht an den Texten, die habe ich innerhalb kürzester Zeit geschrieben. Es waren eher die Produktionen, die am Ende so viel Zeit in Anspruch genommen haben. Die Soundästhetik ist mir fast am wichtig­sten, die soll einzigartig sein. Und damit die Leute das auch peilen, feile ich zum Beispiel ewig an meinen Adlibs. Ich wollte diesmal so richtig zur Schau stellen, dass ich in meiner ganz eigenen Spur fahre.

»Wer wegen Geld anfängt zu rappen, kann in der Musik gar nicht er selbst sein«

Man merkt, dass ihr die 808s und Hall-Effekte, die den Kalim-Singature-Sound federführend abrunden, noch exzessiver zum Einsatz gebracht habt als früher.
Gerade an den Effekten haben wir über die Jahre immer wieder geschraubt. Wir haben ja schon 2016 damit angefangen, meine Stimme konstant an diesen Hall zu koppeln. Auf dem neuen Album haben wir das alles noch einmal perfektioniert. Da sind wir jetzt genau auf dem richtigen Level.

Seit 2017 ist im Deutschrap unheimlich viel passiert. Wie hast du die Entwicklungen für dich eingeordnet?
In erster Linie freut es mich, dass Rap zur Zeit so gut angenommen wird. Wenn man die »Thronfolger«-Zeit mit heute vergleicht, liegen wirklich Welten dazwischen. Das Genre ist allein durch das Streaming viel breiter geworden und wirft für alle Beteiligten deutlich mehr Geld ab. Das ist eine gute Entwicklung und kommt mir natürlich auch zugute. Ich muss aber sagen, dass ich persönlich so gut wie gar nichts feiere. Und das sage ich nicht, weil ich hängengeblieben oder selbst Rapper bin. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich mit allen Künstlern, die ich selbst höre, auch zusammen Musik mache – doch von der ganz neuen Welle an Künstlern catcht mich keiner. Vielleicht liegt das daran, dass ich zu tief in die Materie gehe.

Nervt es dich dann nicht, dass die Musik der Leute, die wesentlich oberflächlicher arbeiten als du, trotzdem erfolgreicher ist als deine?
Nein, damit kann ich umgehen. Ich bin einfach kein Typ, der 24/7 alles in Insta-Storys dokumentiert. (lacht) Und auf musikalischer Ebene gibt es eben zwei Arten von Künstlern: Die, die einfach raushauen, und die, die sich intensiv mit ihrer Musik auseinandersetzen. Ich will das nicht bewerten, schließlich hat jeder seine eigene Fanbase. Capi kann zum Beispiel machen, was er will. Seine Fans juckt es nicht, wenn er einfach einen Rough-Mix raushaut. Und das ist völlig in Ordnung. Ich bin froh, dass ich eine Schiene gefunden habe, die ich ganz alleine und ohne ersthafte Konkurrenz fahren kann. Ich bin sehr musikalisch und gleichzeitig trotzdem so Straße wie kein anderer. Ich glaube das macht mich aus. Die Kehrseite ist mein Perfektionismus: Den müsste ich eigentlich ein bisschen zurückschalten, weil er mich zu sehr ausbremst.

Text: Alex Barbian

Dieses Feature erschien in JUICE 192. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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