Juse Ju: »Ich will keine größenwahnsinnigen jungen Männer mehr hören« // Interview

Juse Ju hat die Manege des Deutschrap-Zirkus schon in vielen Rollen bespielt. Als rhetorisch geschickter Battlerapper, der bei Rap am Mittwoch die plumpen Beleidiger nach Hause schickt, als Moderator der nächtlichen Rap-Dosis beim Radiosender Fritz und als Hassobjekt derer, die meinen, deutscher Rap dürfe nicht lustig und selbstironisch sein. Nun veröffentlicht er sein neues Album »Shibuya Crossing«.

Sein Aufwachsen in Japan war bis dato selten Thema seiner Raps – bis er Ende 2016 mit Fatoni zusammen im Kulturauftrag des Goethe-Instituts in die Präfektur Tokyo reiste. Vorher musste noch ein Song her, dessen Video man mit flimmernden Bildern der Metropole unterlegen kann. Es entstand »DA.YO.NE«, nach einem japanischen Satzanhängsel, im Deutschen etwa vergleichbar mit »Nicht wahr?«. Nun, ein Jahr später, steht »Shibuya Crossing« in den Startlöchern, sein viertes Album, das er als sein bisher feingeschliffenstes künstlerisches Statement ansieht. Ein autobiografisches Werk soll es sein, und die eigene Biografie hat Juse Ju an viele unterschiedliche Orte geführt. Drei Songs erzählen jeweils aus dem Stadtteil Shibuya in Tokyo, wo er aufwuchs, bis er elf war, sowie dem schwäbischen Kirchheim unter Teck sowie El Paso in Texas, wo er mit 17 und 18 gelebt hat. Die Platte ist eine Amalgamierung der Einflüsse dieser drei so unterschiedlichen Orte – als Metapher dafür steht die berühmte Kreuzung in Tokyo, die das Cover ziert.

Ist die Kreuzung von Shibuya, die auf deinem Plattencover zu sehen ist, das japanische Äquivalent zum Times Square?
Ja – auch weil jeder die Bilder davon kennt. Wenn Galileo mal wieder einen Bericht über ein Eulen-Café in Shibuya oder Roppongi produziert, dann filmen sie immer zuerst diese Kreuzung. Shibuya ist sehr jung, hip und poppig.

Es gibt nur einen Track, der tatsächlich aus Japan erzählt. Kann man den Titel noch in eine andere Richtung deuten?
Ich hatte zunächst überlegt, das Album einfach »Shibuya« zu nennen. Denn wenn du in Tokyo ein Kind mit einem Teenager-Bruder bist, der dort abhängt, ist das ein Sehnsuchtsort. In Tokyo wollen alle nach Shibuya, da sind halt die geilen Läden. Ich habe das »Crossing« hinzugefügt, weil es auf dem Album um eine Biografie ohne ein Zuhause geht. Ich habe alle Orte nur gekreuzt. Im HipHop reden viele vom »Dis wo ich herkomm«, aber ich habe das nicht. Ich fühle mich in Tokyo zwar zu Hause, meine Teenager-Erinnerungen stammen aber aus Kirchheim und El Paso.

»Männliches Unfehlbarkeitsgehabe geht mir auf den Sack!« (Juse Ju)

Fühlst du dich an Orten, die mal deine Heimat waren, inzwischen fremd?
Ich habe keine Heimat im klassischen Sinne, dafür aber Erinnerungen, Freunde und Familie – das ist meine Heimat.

Du beschwerst dich auf der Platte darüber, in die Schublade »lustiger kluger Rap« eingeordnet zu werden. Was würde denn besser passen?
Das liegt an der Absurdität unser Zeit: Attribute wie lustig und klug werden im Rap mit wack gleichgesetzt. Gleichzeitig wird realsatirische Scheiße gefeiert, in der jemand seine Welt kitschig auf Huren und Heilige reduziert und diese Heiligen ansingt. Ironie ist ein künstlerisches Stilmittel, das ich ab und an nutze, ich habe gleichzeitig aber auch superviele Songs, die kein Stück ironisch sind.

Die erste Videosingle-Auskopplung ­»7Eleven« mit Fatoni und Edgar Wasser ist aber genau so ein selbstironischer Track.
Ich mache ironisierte Musik, weil mir dieses männliche Unfehlbarkeitsgehabe auf den Sack geht. Mit einer Platte, auf der mir jemand auf 15 Tracks bloß sagt, dass er der Beste ist, kannst du mich jagen. Zumal jeder hören kann, dass derjenige das nicht ist und es dadurch unfreiwillig komisch wird. Ich will keine größenwahnsinnigen jungen Männer mehr hören. Humor und Ironie ermöglichen es aber auch, nicht klar Stellung zu etwas beziehen zu müssen. Ich verstehe, was du meinst. Ich ärgere mich aber, wenn mir das vorgeworfen wird, weil die Leute häufig nur zwei Videos von mir gesehen, aber kein ganzes Album gehört haben. Nimm nur »German Angst«, einen meiner bekanntesten Solo-Songs: Davon ist kein Wort ironisch gemeint. Ich sage: »Ihr habt Angst vor Dingen, die nicht existieren. Ihr seid Idioten!«. Nur weil ich das nicht mit komischem Pathos und Streichern unterlege, ist es doch nicht weniger ernst gemeint.

Dein Track »Propaganda« ist wiederum ein gutes Beispiel für einen ironischen Text, der klar Stellung bezieht.
Fatoni meinte damals auch, dass der Song möglicherweise stärker wäre, wenn ich im Stile von Zugezogen Maskulin einfach wütend draufschlage. Ich habe mich aber dagegen entschieden und rappe aus der Perspektive derer, die ich kritisiere. Das ist natürlich kein neues Stilmittel, aber so konnte ich das Thema besser herausarbeiten. Es geht darin eben nicht um Verschwörungstheoretiker oder die AfD, sondern um Leute aus der HipHop-Szene; um Leute, die in Buxtehude kiffend vor ihrem Rechner sitzen und denken, sie hätten die Welt verstanden; denen es nicht darum geht, die Welt zu verändern, sondern nur darum, sich über die Welt zu stellen, nach dem Motto: »Ich weiß, dass die Bundesregierung uns belügt! Ich decke auf!«

Statt eine Abwehrhaltung zu provozieren, lässt du diese Positionen also vom lyrischen Ich vor Augen führen.
Das ist der beste Weg, diese Haltung anzugreifen. Man darf nicht vergessen: Einer von denen, die so denken, ist der derzeit mächtigste Mensch der Welt! Vor 15 Jahren hat man als Rapper noch solche Positionen eingenommen, um anti zu sein und auf die Kacke zu hauen! Justus Jonas, einer meiner Lieblingsrapper, hat damals gesagt: »Stalin lebt noch und tarnt sich als Gregor Gysi!« Da hatte das noch etwas Fiktionales. Heute glauben Menschen das wirklich und richten damit ernstzunehmenden Schaden an. Man muss die Arbeit der Bundesregierung und das, was auf der Welt passiert, nicht gut finden. Aber man darf nicht denken, dass es läuft wie bei »Star Wars«. Du kannst doch nicht allen Ernstes glaube, Angela Merkel würde eine Umvolkung planen, nur weil du das bei irgendeinem Spinner im Internet gelesen hast. Seid meinetwegen unzufrieden, aber glaubt doch nicht jeden Scheiß!

Foto: Oh My

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #185. Die aktuelle Ausgabe im Shop versandkostenfrei bestellen.

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