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Jay Electronica – A Written Testimony // Review

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Jay Electronica – A Written Testimony // Review

(Roc Nation/ Universal)

Wertung: Fünf Kronen

Jay Electronica ist ein Vorreiter. Er galt schon als viraler HipHop-Hoffnungsträger, Internetphänomen und traditionsbewusster Lyricist, bevor überhaupt jemand wusste, wer Kendrick Lamar ist. In der öden Post-Shady/Aftermath-Ära hatte sich US-Rap Ende der 00er-Jahre im Hypermaskulinismus seiner Goldketten verfangen und trat zwischen Eurodance-Samples und unbedarftem Autotune-Genöle auf der kreativen Stelle. Jay hingegen war anders, poetisch, puristisch und, nun ja, anspruchsvoll. Ein Rapper mit den Fähigkeiten eines spirituellen Führers, schon 2007. Doch anstatt, wie damals üblich, mit Mixtapes das Game zu überfluten, streut er über Jahre nur Singles ins Internet, um dann wieder zu verschwinden. Posts werden gelöscht, Songs offline genommen und regelrechte Happenings wie »Exhibit A (Transformations)« oder »Exhibit C«, beide mit a little help from Just Blaze entstanden, tragen aber nur zur Legendenbildung um Jay Electronica bei. Kaum verwunderlich also, dass Jay Z in all dieser Aufregung 2010 bekannt gab, den damals 34-Jährigen unter Vertrag genommen zu haben und das Debütalbum »Act II« in Aussicht stellt. Doch es passiert: nichts. Jetzt, nach 13 Jahren (!), ist mit »A Written Testimony« das erste Album in Electronicas Diskografie erschienen. Das Nation-Of-Islam-Mitglied nennt es aber selbst »return of the Mahdi«, der Nachkomme Mohammeds, der das Übel aus der Welt bringen soll. Schon hier, auf dem zweiten Song »The Blinding«, hebt Jay seine Ausnahmestellung mit mythischen Querverweisen aufs Podest. »A land before altar boys, synagogues, and shrines, man was in his prime/ Look how far I go in time just to start a rhyme«, heißt es auch rekapitulierend etwa auf »Shiny Suit Theory«. Nicht ohne Vorteil, dass sich auf acht der zehn Anspielstationen dann auch noch Label-Chef Jay Z beteiligt und in so einem traditionalistischem Umfeld sich lyrisch ebenfalls auf höhere Mächte konzentriert. »Hov here to deliver you like Moses/ So it’s indisputable fact: we the chosen «, rappt er zum Beispiel auf »Flux Capacitor«. Mohammed, Jesus, Five-Percenter-Symbolik, schwarze Pharaonen, Synagogen – der Glaube ist allmighty hier. Moasik-gleich schüttet das Duo denkwürdige Textsteine auf all die klassizistischen Sample-Flips von u.a. No I.D., Swizz Beatz, Hit Boy, Alchemist und vor allem Jay Electronica selbst, bis letztlich eine Rap-Koloss entstanden ist, der Zeit und Trends überlebt wie die Pyramiden von Gizeh, äh, der Nubier. Auch weil, oder trotz dessen, dass ein Großteil der Songs bereits seit Jahren kursiert und sich Trends damit automatisch verweigert, ist es der Fokus, kleine Sensationen zu erdenken, anstatt den nächsten Hit zu schnell-schießen. Das macht »A Written Testimony« zu einem unerschütterlichen Monolith. Ruhe, Nachhaltigkeit, Besinnung – ein Album für Zeiten wie diese.

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