Jalil – Reifeprozess [Interview]

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Lange nichts gehört von Jalil. Früher nannte er sich Reason, musste seinen Namen aufgrund einer Patentgeschichte allerdings ändern und machte sich im Anschluss an die 2012 veröffentlichte EP »Sinneswandel« rar. Nun aber ist der Ex-Maskulin-Soldier mit seinem ersten richtigen Album »Radikal« zurück. Nicht unbedingt radikal, aber doch durchaus bemerkenswert sind auch die Veränderungen, die er durchgemacht hat.
 
»Sinneswandel« über Wolfpack war dein letztes Release. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?
Das meiste war eher privater Natur und hatte weniger mit Musik zu tun. Ich habe meine Energie gebündelt und versucht, mein Leben auf die Reihe zu kriegen: zu arbeiten, nebenbei weiteres Geld zu verdienen, mir ein schönes Zuhause einzurichten und persönlich Seelenfrieden zu finden. Bei mir ist privat viel passiert über die letzten Jahre, was dazu führte, dass ich öfters an einem Punkt war, an dem ich keinen Bock mehr auf Musik hatte.
 

 
Was waren das für private Dinge?
Genau zu der Zeit, als der Beef mit Summer Cem war, hat meine Mutter Krebs bekommen. Kurz darauf wurde diagnostiziert, dass mein Sohn einen Herzfehler hat. Es kam einfach alles auf einmal. Dann kam noch dazu, dass ich mich privat viel mit Fler gestritten habe. Ich musste irgendwann die Bremse ziehen, weil mir alles zu viel wurde. Wenn schon Dritte auf mich zukommen und mir sagen, dass meine Mutter in einer Woche operiert wird, und ich das nicht mal von ihr selbst mitkriege, weil ich mit diesen ganzen Beefgeschichten beschäftigt bin – wozu tue ich mir den ganzen Stress an? Ich habe meine Familie vernachlässigt, und das ging einfach nicht mehr. Die meisten Leute, mit denen ich Stress hatte, kannte ich nicht mal persönlich. Der einzige Beef privater Natur war der mit Fler. Aber die ganze Sache mit den Leuten aus NRW – ich hab die noch nie persönlich gesehen. Warum soll ich mich mit denen streiten?
 
Hast du noch Kontakt zu Leuten wie Fler?
Nein, schon seit Jahren nicht mehr. Das letzte Mal habe ich 2012 mit ihm gesprochen. Da hat er mich aus dem Nichts angerufen, weil irgendein Araber aus Berlin ein paar Aktionen mit seinem Stiefvater gebracht hat, und ich kannte den halt. Aber warum hätte ich zwei Jahre nach der Trennung noch irgendwelche Straßensachen für ihn klären sollen?
 
Apropos Straßensachen: Du meintest eben, du hättest inzwischen einen legalen Job. Hast du die Straße mittlerweile ganz hinter dir gelassen?
Größtenteils, ja. Ich kenne eben noch viele Leute und bin auch mit vielen Leuten unterwegs. Aber für mich persönlich hat sich das Thema erledigt. Dadurch kam auch diese »Sinneswandel«-Sache. Ich hab’s vielleicht falsch angepackt, aber mein ganzer Fokus lag ja darauf, davon wegzuwollen und etwas Positives zu vermitteln. Das neue Album ist jetzt zwar wieder mehr Street geworden, aber auf einem nachdenklichen Level. Die ganzen Jungs, mit denen ich aufgewachsen bin, sind immer noch da, wo sie vor zehn Jahren waren, sind aber alle fünf, sechs Jahre älter als ich. Ich hab mit meinen 27 Jahren mehr erreicht als die mit über dreißig.
 

 
Wie hat sich diese ganze Vorgeschichte auf dein neues Album ausgewirkt?
Ich persönlich würde das Album stilistisch zwischen der EP und dem Mixtape, das davor rauskam, ansiedeln. Es ist etwas härter geworden als die EP, aber nicht so ignorant wie »Weiße Jungs bringens nicht« – eher auf einem Streetlevel. Ich packe auch das erste Mal in meinem Leben viele Geschichten aus – auch so Streetsachen aus meiner Vergangenheit; Dinge, die mir passiert sind.
 
Meinst du mit härter musikalisch oder textlich?
Beides. So hat man mich bisher noch nicht gehört. Ich hab auch technisch ein bisschen mehr ausgepackt; hab mir auch etwas mehr Freiraum genommen, mehr rumgespielt, Doubletime gerappt und solche Sachen; Dinge, die ich vorher nie gemacht habe, um den Leuten zu zeigen, was ich kann. Früher habe ich das selbst immer etwas außen vor gelassen, weil ich dem Reason-Image entsprechen wollte. Aber mit dem neuen Album ist das vorbei. Jetzt zeige ich, was ich kann.
 
Wo vermutest du deine Zielgruppe?
Es ist ja immer noch Straße. Diese ganzen Leute in diesen ganzen Vierteln, in diesen ganzen Armutsvierteln, die so existieren in ganz Deutschland – die können sich damit schon identifizieren. Denn das sind Sachen, die sie alltäglich sehen, die jeden Tag auf der Straße passieren.
 
Ist in dieser Hinsicht für dich der Frankfurter Straßenrap auch ein Bezugspunkt? Die hatten ja auch immer diese boden- ständigen Geschichten aus der Hood.
Ich feiere die Sachen, auch die neuen, aber gerade die alten waren immer so aus einer Großer-Bruder-Perspektive. Das war nie mein Approach. Auf dem Album wollte ich vor allem aus meinem Leben erzählen. Nicht dieses »Ey, nimm den Kopf hoch« oder »Mach dies nicht«. Ich erzähle die Dinge, wie sie passieren, aber auch mit den Nebenwirkungen. Heißt, wenn du auf der Straße bist, kann es auch passieren, dass einer deiner Freunde abgestochen wird oder durch Drogen stirbt.
 

 
Das Album heißt »Radikal«. Bezieht sich das auf deinen Sinneswandel?
Mit »Radikal« meine ich, dass alles seine Wurzeln hat und wir einfach an diese Wurzeln gehen. Wir zeigen den Ursprung von dem, was in dieser Generation bei vielen Leuten schiefläuft – von der Kriminalität bis zum Drogenmissbrauch. Das ist das Radikale an diesem Album: Wir zeigen, woher das kommt.
 
Wo siehst du denn die Wurzel allen Übels? Ist das System schuld oder die Leute selbst?
Es ist eine Mischung aus beidem: die Einstellung und das Umfeld. Ich denke, das Problem ist größtenteils die Hoffnungslosigkeit. Viele Leute sehen keine Perspektive. Man muss bedenken, dass die Leute in der Vergangenheit in diese Viertel häufig reingedrängt wurden und nun eben dort aufwachsen. Und wenn man realisiert, dass man aus einem Elternhaus stammt, in dem die Eltern nicht wirklich viel aus ihrem Leben gemacht haben, ist es eben sehr schwer, über diesen Schatten zu springen und zu sagen, ich werde jetzt derjenige, der Multimillionär wird. Wenn du siehst, wie gut es anderen Leuten geht, kommen halt die Missgunst und der Neid. Da will man auch haben, was der andere hat, aber nicht, indem man arbeitet, sondern indem man es von denen nimmt – so entsteht Kriminalität. Es ist eben der einfache Weg. Es gibt wenige Leute, die die Zähne zusammenbeißen und sagen: »Okay, dann fresse ich eben fünf Jahre lang Scheiße, damit es für mich danach besser wird.«
 
Was war für dich der Anlass, die Zähne zusammenzubeißen und aus dem Kreislauf auszubrechen?
Zum einen natürlich mein Sohn. Ich habe mir gesagt, ich will für ihn mein Leben in den Griff kiregen. Aber auch, weil ich als Mensch sehr ehrgeizig bin. Ich bin ein guter Beobachter und sehe, wie die Leute in meinem Umfeld leben und was sie machen; ich versuche immer, das mit mir selber zu vergleichen. 2012 war ich bei meinem Vater in Amerika. Da hab ich das erste Mal gesehen, was ich nicht sein will, was mich mit ihm verbindet und wo ich einen Cut machen will.
 

 
Weil dein Vater ein Gangster ist?
(lacht) Nein, gar nicht. Mein Vater ist ein fleißiger Typ, der viel arbeitet und da drüben sein Haus hat. Dem geht es wirklich gut. Ich meine viel mehr die private Ebene. Er ist ein einsamer Mann, der in seinem Leben nie wirklich das zusammenbekommen hat, was er wollte. Sei es eine Familie oder ein Leben, das ihn glücklich macht. Ich will nie so enden, habe ich mir gesagt: Ich möchte keine falschen Leute um mich haben.
 
Welche Ziele steckst du dir?
Meinen Seelenfrieden finden und ein ruhiges Leben haben, glücklich sein; Familie haben, zufrieden sein. Mir geht es nicht mal um Reichtum, sondern darum, einen positiven Eindruck zu hinterlassen – sei es im Rap oder im Leben. Schon das Album ist für mich ein sehr großer Meilenstein. Dabei ist es mir egal, ob ich davon 50 CDs verkaufe oder 50.000. Allein das in meinem Leben geschafft zu haben, ist für mich schon eine Erfüllung.
 
Wie wichtig ist dir Rap denn überhaupt angesichts der Tatsache, dass du berufstätig bist?
Es ist meine Leidenschaft. Ich mag Musik. Ich bin sehr musikfanatisch. Ich muss immer Output haben, das ist für mich ein Ventil. Natürlich wird mir die Arbeit immer wichtiger sein, solange ich damit mehr verdiene als mit Rap. Aber wenn der Tag kommt, an dem ich mit Musik mehr Geld mache als mit meiner Arbeit, dann wird sich das sofort ändern. Momentan ist es jedoch nicht das, wovon ich lebe, und deshalb ist es nicht meine oberste Priorität zu sagen, ich bin Rapper. ◘
 
Text: Oliver Marquart
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #162 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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