Slaughterhouse: »Man würde ja auch nie sagen, dass ein Schwein einen Schlachthof battlet. Das Schwein wird sterben.« // Feature

Der Versuch, die Lücke zwischen der Szene-inhärenten Ego-Fixierung und dem nicht weniger Genre-immanenten Community-­Gedanken zu schließen, ist nicht neu. An die Kräftebündelung von Solo-Talenten im Kollektiv haben sich ­bereits Jay-Z, Ja Rule und DMX (aka Murder Inc.) oder Ras Kass, Killah Priest, Canibus und ­Kurupt (aka The HRSMN) gewagt – mehr als bloße Kollaborationen sind daraus nicht geworden. Vier der ­führenden Lyricists des Post-Millennium-Raps wollen jetzt den Bann brechen und ­ortsübergreifend die Mächte vereinen: Joell Ortiz aus Brooklyn, Joe Budden aus New Jersey, Crooked I aus L.A. und Royce Da 5’9” aus Detroit haben die Supergroup Slaughterhouse geformt.

Alle vier MCs verbindet dabei nicht nur ein unbestreitbares Talent am Mikrofon und eine jeweilige treu ergebene Fan-Gemeinde, sondern auch vergangene, brüchige Beziehungen mit namhaften Labels (Aftermath, Def Jam, Death Row, Shady), die jeden Einzelnen des Quartetts zwar reich an Erfahrungen, jedoch nicht an Ruhm und Geld machten. Mit dem Track “Move On” hat man sich den gemeinsamen Frust von der Seele geschrieben und widmet sich jetzt weit wichtigeren Dingen: MCs schlachten etwa, und dabei noch Spaß haben. Von Beef will man dennoch nichts hören, als die vier Vorzeige-Lyricists in DJ Premiers HeadQcourterz Studio gutgelaunt zum Interview bereitstehen. Die Egos hat man offensichtlich dem Gruppengedanken untergeordnet – Joell Ortiz, Joe Budden, Crooked I und Royce Da 5’9” sind zu Slaughterhouse verschmolzen. Ein neues Kapitel der Geschichte der Rap-Supergroups öffnet sich.

Wie kommt es, dass sich vier etablierte Rapper zu einer Gruppe zusammenschließen?
Joe: Aus Langeweile. Außerdem wurde ich in ­meiner Karriere immer wieder eines gefragt: Wenn es dich so nervt, was im HipHop abgeht, wieso machst du nichts dagegen? Bitte, jetzt mache ich etwas dagegen. Ich kann, glaube ich, für alle vier sprechen und sagen: Was wir hier machen, unterscheidet sich vom Rest. Wir sind vier MCs, die stolz darauf sind, dass sie etwas zu sagen haben und denen es wichtig ist, wie sie es sagen. Wir sind ein einzigartiges Kollektiv.
Crooked I: Bis jetzt! Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich gerade einige andere Gruppen bilden.
Joe: Die können mich mal.
Royce: Es gibt nur ein Slaughterhouse!
Crooked I: Wir setzen auf jeden Fall einen Trend. Vorsicht also bei Nachahmern. Nein, nur Spaß.


In der jüngeren Vergangenheit gab es ­einige Kollaborationen – das scheint ja gerade ­ziemlich im Trend zu liegen. Was ist so speziell an dem, was ihr…

Joe: Nein, nein. Alle anderen kollaborieren nur, um sich gegenseitig zu helfen und ihre Verkäufe zu pushen. Die machen das nicht, weil sie gerne Zeit miteinander verbringen und ihr Handwerk lieben. Was wir machen, ist damit nicht zu vergleichen! Wir kollaborieren nicht, wir sind eine Gruppe.

Wie wichtig ist es dahingehend, dass ihr Zeit miteinander im Studio verbringt?
Joell: Sehr wichtig, wir sind gute Freunde. Bei diesem Projekt bin ich in erster Linie Freund, dann erst MC. Wir haben als MCs angefangen, als wir den ersten Slaughterhouse-Song gemacht haben [“Slaughterhouse” auf Joe Buddens “Halfway House”, Anm. d. Verf.], dann sind wir Freunde geworden. Und natürlich ist es mir wichtig, bei meinen Freunden zu sein. So oft es geht, denn das ist alles, was ich habe: meine Freunde und meine Musik. Wir versuchen so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Wir würden uns wahrscheinlich jeden Tag sehen, wenn wir nicht so weit auseinander wohnen würden. Unsere Leidenschaft verbindet uns.
Royce: Mir war es wichtig zu sehen, woher die Jungs kommen. Ich habe jeden in seiner jeweiligen Hood getroffen, um zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. Wir sind jetzt eine globale Gang.

Wie lang kennt ihr euch denn schon?
Joe: Scheiße, keine Ahnung.
Joell: Das genaue Datum kenne ich auch nicht.
Joe: Ich bin ja auch nicht der Typ, der eine Freundin hat und dann die Tage bis zum Jahrestag zählt. So was ist mir scheißegal. Dafür strenge ich mein Gehirn nicht an.
Royce: Ja, so was machen Männer nicht. Ich weiß nicht mal, wann mein Jahrestag ist.

Ist es musikalisch wichtig, gemeinsam im ­Studio aufzunehmen?
Joe: Wieso fragst du, wie wichtig diese Sachen sind? Verstehst du es denn nicht? Wir setzen uns nicht hin und sagen: Hey, es ist wichtig, dass wir Zeit gemeinsam im Studio verbringen. Es passiert einfach. Täglich. Wenn du ein gemeinsames Ziel hast und daran arbeitest, dann passiert es einfach so. Ja, diese Sachen sind wichtig, aber sie passieren ganz natürlich.

Für einen Song macht es also keinen ­Unterschied, wenn ihr nur Dateien hin und her schickt?
Joe: Das haben wir auch schon gemacht. Wir sind ja nicht besser als alle anderen, die das so machen. Da nehme ich uns nicht aus. Aber ich lerne viel von den drei Jungs. Deswegen nehme ich lieber mit ihnen gemeinsam auf. Von einem Rechtsklick und Download kann ich nichts lernen. Das ist einer der Gründe, wieso ich Teil des Ganzen sein wollte – um von Menschen zu lernen, die schon so lange dabei sind und so viel erlebt haben.

Ist Rap denn ein Individualsport?
Crooked I: Es ist, was du daraus machst. Für mich ist es ein Sport. Punkt!
Joell: Für mich ist es ein Mannschaftssport. Alleine kann man es nicht machen. Eine Person kann vielleicht das Gesicht eines Teams sein, aber es bleibt ein Teamsport.
Crooked I: Stimmt, gemeinsam im Team ist es am besten. Alleine geht es nicht. Als Solokünstler hast du ein Management-Team und eine Plattenfirma.

Und wie läuft das in der Gruppe, wenn jeder Einzelne von euch sagt, dass er die Nummer eins ist?
Joell: Jetzt sagen wir eben, wir sind als Gruppe die Nummer eins.
Joe: Wir sind die Nummer eins. So heißt auch unsere erste Single: “Number One”. Wenn ich mich außerhalb dieses einzigartigen Kollektivs bewege, dann habe ich ein Ego. Aber innerhalb gibt es kein Ego. Es würde anders nicht funktionieren.
Crooked I: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mein Ego ablege.
Joe: Verstehst du, du sprichst gerade nicht mit Joe Budden, du sprichst mit Slaughterhouse. Ich bin ein Zahnrad in der Maschine. Nein, warte, ich bin mehr als ein Zahnrad! (lacht) Natürlich haben wir alle unsere eigene Geschichte und unsere Solo-Karrieren. Das hat aber einen Scheiß mit Slaughterhouse zu tun. Das ist unser Debütalbum und genau so fühlt es sich auch an. Ich bin mir sicher, so geht es auch den anderen. Wenn das Album herauskommt, dann werde ich genauso aufgeregt sein, wie bei meinem eigenen Debüt. Der Grund: Es ist neu. Nicht nur für mich oder den Rest, sondern für Musik im Allgemeinen. So etwas gab es schon ewig nicht mehr.
Crooked I: So etwas gab es noch nie! Glaubt jeder von uns als Individuum, dass er der Shit ist? Ja. Jeder von uns glaubt, dass niemand ihm das Wasser reichen kann. Und jeder von uns weiß: Wenn wir uns zusammenschließen, sind wir der absolute Shit.
Joe: So etwas hat es noch nicht gegeben.
Crooked I: Das ist das erste Mal im HipHop, dass Brooklyn, Detroit, Kalifornien und Jersey ­zusammenkommen. Das gab es noch nie.
Joe: Ich will noch einen Schritt weiter gehen: Bis jetzt gab es in Gruppen wie dieser immer einen, der nicht oder schlecht gerappt hat.
Royce: Bei uns gibt es keinen Leadsänger. Bei uns folgt eine zitierwürdige Line auf die andere. So etwas gab es noch nie und wird es nie wieder geben.
Crooked I: Genau das meinte ich damit, dass wir einen Trend setzen. Wir sind die erste multiregionale Gruppe.
Joell: Wir sind die Ersten bei einigen Sachen: erste multiregionale Gruppe, erste Gruppe, in der jeder dope ist und die erste Gruppe, in der jeder seine Solo-Fans mitbringt.
Joe: Hoffentlich auch die erste Gruppe, die es schafft, zusammen zu bleiben. Ich will nicht, dass das unser erstes und letztes Album wird.

Wie schlägt sich das denn musikalisch nieder, dass ihr aus verschiedenen Regionen kommt?
Crooked I: Es wird zu einem grenzenlosen Sound, mit dem jeder etwas anfangen kann.
Royce: Der Sound wird universell.

Wenn eure Musik für alle ist, kann euch denn jeder verstehen?
Crooked I: Ja. Denk an einen Pianisten, der ein emotionales Stück spielt. Ohne jedes Wort weißt du, dass es ein trauriges Stück ist. Emotionen und Gefühle sind universell. Wenn ich darüber rappe, wie scheiße mein Tag war, dann versteht man das von hier bis nach Deutschland. Das ist ganz natürlich und übergeht alle Sprachbarrieren.

Was ist mit den Lyrics? Kann jemand, der kein Englisch kann, euch überhaupt als Lyricists würdigen?
Crooked I: Würdigen vielleicht nicht, aber wenn sie wissen, wie man auf einen Beat flowt, dann wissen sie es zu schätzen, wenn ein Rapper zu einem Instrument wird. Ich kann kein Französisch, aber wenn ich Rap aus Frankreich höre, merke ich, wann ein Rapper wack ist und wann nicht.
Joe: Wir reden hier von einer Musik, die vor ein paar Jahren von Reggaeton übernommen wurde und keine Sau eine Ahnung hatte, wovon die Jungs da erzählen. Das hat niemanden davon abgehalten, mit dem Hintern zu wackeln.
Royce: Keine Sau hat Bone Thugs-N-Harmony verstanden und die haben über 37 Millionen Platten verkauft. (Gelächter)

Ihr scheint großen Spaß zu haben, wenn ihr ­zusammen rumhängt…
Joe: Hör auf zu sagen, dass wir zusammen ­rumhängen! Wir sind eine verdammte Gruppe. Eine ­Person! Das ist keine Kollaboration, wir hängen nicht zusammen rum. Wir sind eins!
Crooked I: Du solltest eher sagen: “…wenn Slaughterhouse Musik macht.”

Okay, wenn Slaughterhouse also Musik macht, dann habt ihr offensichtlich ziemlich viel Spaß. Was passiert aber, wenn der Spaß vorbei ist?
Royce: Es ist genau das Gleiche wie bei einem Schauspieler, der in einer Szene weinen soll. Er denkt an etwas Bestimmtes und findet diese Emotion. Ich kann in die Booth gehen und Wut finden. Das ist für mich ganz einfach. Da muss ich nur an meine Vergangenheit denken.
Crooked I: Für mich war die Booth schon immer wie Therapie.
Joell: Eigentlich wollen wir immer Spaß haben, auch wenn wir sauer sind.
Joe: Und egal wie es uns geht, was dabei ­herauskommt, ist Slaughterhouse. Irgendjemand wird ­immer geschlachtet.
Würdet ihr das Battlerap nennen?
Royce: Nein, beim Battlerap hat der Gegner ja eine Chance. Man würde ja auch nie sagen, dass ein Schwein einen Schlachthof battlet. Das Schwein wird sterben. Auf dem Weg in den Schlachthof quiekt das Schwein, weil es weiß, dass es ­geschlachtet wird. Es hat keine Chance.
Crooked I: Amen, Bruder.

Gab es eigentlich Probleme beim ­Geschäftlichen, als Slaughterhouse immer mehr Form angenommen hat?
Joell: Darum haben wir uns nicht gekümmert.
Royce: Wir haben erstmal nur gerappt, und als sich verschiedene Möglichkeiten ergeben haben, ging es erst mit dem Geschäftlichen los. Zu Beginn war von Business keine Rede. Irgendwann war uns klar, dass wir uns darum kümmern müssen, aber wir wollten das fern von uns halten.

Es gab also keine Probleme, vier verschiedene Künstler mit verschiedenen Business-Deals auf einem Label zu signen?

Crooked I: Nein, da gab es keinerlei Probleme.
Royce: Ich sehe, wo du das Problem suchst: Wie wenn vier Konzerne vier verschiedene Produkte verkaufen und dann zusammen ein Produkt anbieten. Aber: Du hast es hier mit vier Individuen zu tun, die die totale Kontrolle über ihr eigenes Business haben.
Joell: Wir mussten uns nur zu viert zusammen­setzen. Das hat vielleicht zwei Minuten gedauert.

Ihr könnt euch mittlerweile glücklich schätzen, die volle Kontrolle über eure Musik zu haben.
Royce: Wir kennen das Spiel mittlerweile. Das hätte vor sieben Jahren wahrscheinlich nicht funktioniert. Wir haben alle in unseren Solo-Karrieren so viele Fehler gemacht und so viel daraus gelernt. Jeder von uns war an einem Punkt, an dem es aussah, als sei seine Zeit gekommen, aber dann ist nichts ­passiert. Der Fehler wird uns nicht mehr passieren.

Und E1 Records, das ehemalige Koch Records, war dafür die beste Alternative?
Crooked I: Ja. Wir standen alle in der Vergangenheit irgendwie schon mit Koch in Beziehung. Im ­Indie-Bereich macht denen niemand etwas vor.
Royce: Es war die richtige Entscheidung in dem Moment, weil wir gar nicht auf der Suche waren. Koch kam auf uns zu und hat die Chance genutzt, als Erster unsere Vision zu erkennen. Das rechnen wir ihnen hoch an. Außerdem wollten die Fans dieses Album, also haben wir unsere Chance genutzt.

Wie wird denn die Zukunft aussehen?
Für ­jeden stehen auch wieder Solo-Projekte an.

Royce: Die Maschine arbeitet weiter, zu unserem Vorteil. Ich werde mich jedenfalls an jedes Solo-­Projekt von den Jungs hängen und davon ­profitieren. Ich vertraue ihnen und ihrer Musik. So können wir innerhalb der Gruppe und jede Solo-Karriere strategisch planen. Wir wollen ein Jahr lang die komplette Kontrolle über das Game ­übernehmen. Und das wird uns auch gelingen.

Übersättigt ihr damit nicht den Markt?
Crooked I: In der heutigen Mikrowellen-­Generation? Auf keinen Fall.
Royce: Ich bin der Meinung, dass du mit guter ­Musik keinen Markt übersättigen kannst. 

Text: Alex Engelen

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