Interview: Lance Butters

Lance Butters

 

Er behauptet, mehr Mädchen als Fußball-Casanova Antonio Cassano beehrt zu haben und wirft in seinen Songs schon mal die »vier Elemente über den Haufen«. Auf seinem Unterarm prangt ein Wu-Tang-Tattoo. Lance Butters, der neben seinem Namen auch seinen bittersüßen Sarkasmus der US-Serie »South Park« entlieh, nimmt diesen Rap-Film ernst. Maskenträger, VBT-Teilnehmer, Klicks im Millionenbereich und eine ausverkaufte EP – und doch unterscheidet sich die »Cool Story« des Neu-Ulmers von denen seiner Internet-Mitstreiter. Four Music und Landstreicher Booking kümmern sich mittlerweile um die ermüdenden Aspekte seines Rapper-Daseins. In Bennett On fand er einen Hausproduzenten, der mit seinen charakteristischen, maßgeschneiderten Beats die selbstgefälligen Ansagen des Antihelden untermalt. Zum Splash!-Festival erscheint seine zweite EP »Futureshit«, mit der er seinen Ruf als Foren- und ­Reimligen-Rapper endgültig hinter sich lassen will. Wer den Mittzwanziger unmaskiert kennen lernt, erlebt ein Kontrastprogramm zu den überzeichneten Battle-Phrasen und der Anti-Alles-Rhetorik. Hallo Kunstfigur! Hallo Abstraktionsfähigkeit!

 

Wann bist du in der Kleinstadt zum ersten Mal mit HipHop in Berührung gekommen?
Ich habe 2007 mit Rap angefangen. Ich war ziemlich alleine, was das anging. Es gab in meinem Freundeskreis keinen, der Beats baute oder mich irgendwie in die HipHop-Elemente einweihte. Durch die RBA habe ich Gefallen daran gefunden. Man sieht da schnell, wie gut man ankommt und bekommt Verbesserungstipps. Die Leute fanden das wohl nicht allzu schlecht.

 

Welche Künstler haben dich beeinflusst?
Das waren vor allem andere Rapper aus der RBA, zum Beispiel Chissmann. Ich höre, seit ich elf bin, amerikanischen HipHop und irgendwann wollte ich es selbst ausprobieren. Immerhin war es anonym und wenn es nicht geklappt hätte, hätte es auch keinen interessiert. Im Nachhinein musste ich feststellen, dass die Beats gar nicht zu mir passten. Das waren zum Teil irgendwelche schlimmen Free-Beats. Es gab da ein Forum, in dem Leute Instrumentals selbst geschraubt haben, und da war auch Ben aktiv. Irgendwann fand ich eine Art von Beats, die zu mir passte, eine bestimmte BPM-Geschwindigkeit, bei der man sagt: Okay, da komm ich cooler als auf so Doubletime-Dingern.

 

Welche Rolle spielte für dich die Berliner Battle-Szene der Jahrtausendwende um M.O.R. und den Royal Bunker?
Ich habe immer schon deutschen Rap gehört, das Hamburger Zeug und natürlich Berliner Rap. Das war die Zeit, in der ich mich intensiv mit HipHop auseinandergesetzt habe. Als ich mit elf Jahren den Wu-Tang Clan entdeckte, fehlte mir natürlich noch das komplette Wissen dahinter. Als Jahre später dann das Berliner Zeug kam, wusste ich schon mehr über die Hintergründe Bescheid.

 

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Vor deiner »Selfish«-EP nahm man dich ja hauptsächlich als Battle-Rapper wahr.

Also private Sachen, die nicht im Internet gelandet sind, waren natürlich auch Verarbeitungsgeschichten über Freundinnen und so, der übliche Scheiß. Aber für die Öffentlichkeit gab es immer nur Battle-Rap. Das ist einfach am leichtesten. Wenn du anfängst zu rappen, beginnst du nicht damit, Liebesgeschichten zu schreiben oder über deinen toten Hund zu rappen. Du battlest einfach.

 

In der Außenwahrnehmung hat es so ­gewirkt, als wüsstest ihr genau, wie ihr euch zu verkaufen habt.
Wir hatten nicht den Überplan vom Geschäft. Aber wir wussten, dass unsere ersten Schritte gut überlegt sein müssen. Es gibt einfach zu viele Rapper, die die falschen Moves gemacht haben. Wir wollten von Anfang an voll und ganz dahinterstehen. Wenn ich in zehn Jahren die EP, das Merchandise oder die Videos sehe, will ich sagen können: Okay, für die Zeit war das die beste Lösung. Aber was heißt wohlüberlegt? Wir hatten immer den Plan und die Voraussetzung, im »Game« etwas Bestimmtes zu repräsentieren, also halten wir uns da auch dran.

 

Was war das für ein Gefühl, als die ersten Anfragen größerer Labels kamen?
Total krass. Natürlich verkauft man seinen Arsch nicht an irgendein Rotz-Label. Als die ersten Leute anfragten, war das zunächst befremdlich. Wir hatten klare Vorstellungen und sortierten erst mal aus. Aber ein paar Kandidaten gab es schon, mit denen wir uns zusammensetzten und deren Angebote wir uns anhörten.
Bennett On: Wichtig war vor allem, dass die Leute Bock auf uns hatten und uns den Scheiß abnehmen, den wir nicht machen wollen. Wäre jemand angekommen, der gemeint hätte: Jungs, wir hätten da was mit euch vor, hätten wir sowieso gleich abgesagt.

 

Weiterhin alles selbst zu machen, war keine Option?
Doch, klar. Wir haben für die »Selfish«-EP zusammen mit The Sexy Kids Revolution alles selbst geregelt. Am Ende waren wir beide davon genervt. Ich hasse es, wenn ich Musik machen muss, aber dann mehr Zeit am Telefon mit irgendwelchen Fremden verbringe. Ob das ein Channel ist, der mit dir Klicks machen will oder sonst etwas. Wenn ich nur noch mit fremden Menschen zu tun habe und die Mucke nicht mehr ausleben kann, dann geht mir das gegen den Strich. Es war schon wichtig, dass die Leute bei Four nicht nur den Hype sehen, sondern das gesamte Konzept von uns verstehen und das auf professioneller Ebene weiterführen.

 

 

Mit Casper und Marteria hat Four Music ja bewiesen, dass sie Künstler, die bereits einen Namen in der Szene hatten, nachhaltig aufbauen und auf die nächste Stufe bringen konnten.
Sie zeigen einfach, dass man jahrelang mit Künstlern zusammenarbeiten kann, ohne dass dieser sich dabei verrenkt oder verkauft. Zur Not müssen die sich ändern, nicht umgekehrt.
Bennett On: Ich glaube auch, dass sich eher das Label durch unsere Musik im öffentlichen Erscheinungsbild ändert als umgekehrt. Es war von Anfang an klar, dass wir unsere musikalische Schiene durchziehen und dabei keine großen Anstrengungen für die geschäftliche Seite aufbringen wollen.

 

Ihr habt also nicht das Gefühl, dass Four mit euch ein Risiko eingeht.
Nein, das wurde von Anfang an klar kommuniziert. Aber man hört natürlich auch viel Schlechtes über Labels. Das ist im Alltag doch genauso: Auf je mehr Leute du dich verlassen musst, desto weniger läuft es rund.
Bennett On: Letztendlich sind das einfach Leute, ob auf Major- oder Independent-Basis, die dafür sorgen, dass deine Musik an den Mann kommt. Sobald man seine CD für ’nen Fünfer am Straßenrand verkauft, ist man ja theoretisch schon im Business. Insofern ist diese Anti-Haltung zwar immer noch vorhanden, aber in dem Moment, in dem du ein Produkt verkaufst, kannst du dich dem System schon gar nicht mehr verwehren.

 

Besteht nach dem Erfolg von Cro nicht ­wieder die Gefahr, dass jeder gesignt wird, der den Takt treffen kann, und sich so eine Blase aufbaut, die wieder zu platzen droht?
Das sieht man ja jeden Tag: Rapper X signt hier, Rapper Y kriegt dort einen Verlagsdeal. Ich frage mich, ob die Leute wirklich dahinter­stehen, oder ob denen die Musik völlig egal ist und rein verkaufstechnische Gründe dahinterstecken. Wir haben das Gefühl, dass wir berechtigterweise da sind, wo wir jetzt stehen. Aber das sagt wohl jeder über sich.

 

 

Viele VBT-Rapper, die über eine riesige Online-Fangemeinde verfügen, konnten diese nicht in eine Käuferschicht umwandeln.
Die hatten ja schon 100.000 Facebook-Likes, ohne irgendwas auf den Markt gebracht zu haben. Als ich beim VBT aufhörte, hatte ich 8.000 Likes, jetzt habe ich 100.000. Mit solchen Zahlen fangen die schon an. Aber das sind VBT-Fans, die kannste geschenkt haben.

 

Wie aussagekräftig sind Klicks überhaupt noch?
Sie sagen zumindest nichts über deine Qualität aus. Für Labels sind diese Zahlen natürlich interessant. Das VBT ist für mich so was wie »DSDS« in der Rap-Version. Du siehst, wie der Künstler heranwächst und wie er seine erste Runde einreicht. Die erste Vorrunde ist dann der Recall. Der Zuschauer wächst mit dem Künstler mit.
Bennett On: Das erweckt natürlich bei den Labels Interesse, zu sehen, wie Klickzahlen und Aufmerksamkeit steigen. Dahinter steckt ja eine potenzielle Käuferschaft. Aber man sollte nicht so naiv sein und sagen: Ich habe jetzt 100.000 Fans und jeder zweite kauft meine CD. Wir haben nie gesagt, dass wir das machen, um groß rauszukommen. Wir hatten einfach eine ähnliche Vorstellung von Style und hätten darauf geschissen, wenn es keinen interessiert hätte.

 

Wie erklärt ihr euch denn den Erfolg von Battle-Formaten wie VBT, Rap am ­Mittwoch und der RBA?
Das liegt an der Nähe von Künstler und Fan. Die Möglichkeit, zu zeigen, dass jeder es schaffen kann. Du brauchst heute keinen ­bekannten Rapper mehr, der dich erwähnt, im Video mittanzen lässt, oder dir einen Adlib in seinem Song schenkt. Ein normaler Vorstadt- oder Dorfjunge kann eine Kamera in die Hand nehmen und etwas erschaffen. Ich denke, das lässt viele träumen.
Bennett On: Außerdem geht das Ganze sehr auf den Ursprungsgedanken von HipHop zurück. Mit Competition hat alles angefangen und jetzt findet das eben auf Internetbasis statt. Es hat sich von der Jam im Dorfclub auf YouTube verschoben. Dabei hat sich lediglich der Raum geändert, wo HipHop stattfindet. Jeder kann daran teilnehmen. Die Reichweite ist heute eine ganz andere.

 

Deine Beats klingen teilweise sehr ­elektronisch. Du scheinst nicht nur von Rap-Produktionen beeinflusst zu sein.
Bennett On: Ich bin da viel offener ­geworden. Früher habe ich nur mit Samples gearbeitet. Irgendwann kam dann Flying Lotus, der einen frischen Wind reingebracht hat, was elektronische Elemente und Groove betrifft. Hudson Mohawke macht richtig gute Sounds. Ich lasse mich von vielen Leuten beeinflussen, von Dilla bis Dexter. Prinzipiell höre ich mir alles an.

 

 

Käme ein Umzug nach Berlin für euch ­eigentlich in Frage?
Ich wohne noch nicht lange in Ulm und da bleibe ich auch erst mal. Ich habe in Berlin kein Studio und mein Produzent wohnt in Meppen. Obwohl das bei uns sowieso alles über Dropbox läuft. Es stand am Anfang zur Debatte, da mein Manager hier wohnt. Mir ist meine Freizeit aber so viel wichtiger als diese Mucke. Ich bin lieber zu Hause und hänge mit meinen Leuten rum, die mit der ­Musikindustrie nichts am Hut haben.

 

Spielt deine Anti-Haltung da auch eine Rolle, dass du gerade jetzt nicht nach Berlin willst, weil jeder dorthin zieht?
Nee, gar nicht. Trend-Dinge extra zu boykottieren, das mache ich nicht. Ich komme aus einem kleinen Pissdorf am Bodensee. Es wäre für mich ein großer Schritt gewesen, jetzt hochzuziehen und das, was ich in Ulm aufgebaut habe, wieder hinter mir zu lassen.

 

Aber die Musik ist ein Vollzeitjob für dich?
Ja. Das geht auch gar nicht mehr anders, mit den Auftritten an Wochenenden und den Festivals. Das klingt vielleicht immer so krass, unter der Woche sitzen wir natürlich auch viel rum. Die »Selfish«-EP habe ich während der Schulzeit und neben meinem 400-Euro-Job aufgenommen. Nachts musste ich schreiben, tagsüber war ich in der Schule und anschließend auf der Arbeit. Ich bin sehr bequem und schnell überfordert, wenn es viel zu tun gibt.

 

Sind die Chancen auf dein Wunsch-Feature mit Casper eigentlich gestiegen?
Hoffen wir das Beste. Das liegt natürlich nahe, klar. Wir haben schon geredet und sind wohl beide nicht abgeneigt gegenüber der Idee. Aber wenn, würde das auf unserem Album stattfinden, auf einem Beat von Bennett.

 

Warum trägst du eigentlich die Maske?
Im Endeffekt trägt jeder eine Maske, auf seine Art und Weise. Da steckte auch nie ein krasser Marketing-Move dahinter. Ich wollte einfach nicht erkannt werden. Dafür ist mir meine Privatsphäre zu wichtig. Der Fokus soll auf der Musik liegen und nicht von Oberflächlichkeiten bestimmt sein. Mit dieser ­Einstellung bin ich aufgewachsen.

 

Großer Comic-Fan warst du aber nie, oder?
Nein. Die erste EP von Ben, Coru und mir hieß »Frank Castle Cooking Gang« und erschien in einer 333er-Auflage. Frank Castle ist der Punisher. Im Nachhinein dachten wir auch: Fuck, das ist ja schon wieder Marvel. Aber der Name ist einfach krass. Ich finde Batman und Iron Man jedenfalls am coolsten. Deren Superkraft ist Geld und damit kaufen sie sich einfach die krasseste Technik und sind die Bosse. Die Parallelen zu Tony Starks, der sehr selbstverliebt ist, ergaben sich zufällig. Wenn der Plan aufgeht, die Maske ein Leben lang zu tragen, würde ich es auf jeden Fall machen. Für mich ist das eine Form der Identitätswahrung.

 

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