Hirntot Records: »Die haben den entsprechenden Gewaltdarstellungsparagraphen erweitert – unsertwegen!« // Interview

 
Der Kampf gegen euch kam aber vor allem deshalb zustande, weil ihr euch textlich explizit gegen bestimmte Personen und die Polizei gerichtet habt, oder?
Blokkmonsta: Ja, wie auf der »1. Mai EP: Steinschlag«. Zehn Tracks gegen die Polizei. Mit Abmetzeln und Familien schlachten.
Schwartz: Aber wie gesagt: Die haben den entsprechenden Paragraphen so gedehnt, dass die Polizei als eigene Volksgruppe durchgeht. Nur deshalb konnten sie uns überhaupt wegen Volksverhetzung anklagen.
Blokkmonsta: Beim Song »Friss oder stirb« wollten die uns auch einen wegen Volksverhetzung reindrücken, und zwar wegen der Zeile, halt dich fest: »Dieser Penner stinkt wie Scheiße.«
Schwartz: Die haben uns allen Ernstes unterstellt, wir würden Obdachlose mit Fäkalien gleichsetzen. Und mal abgesehen davon, dass selbst das Blödsinn ist, hat mein Anwalt die berechtigte Frage gestellt: Wo sind Obdachlose denn eine Volksgruppe?
Blokkmonsta: Wenn der Staat sagt, Obdachlose würden nie wieder den Schritt in die Gesellschaft schaffen, ist das in meinen Augen eine viel größere Volksverhetzung, als jemandem zu sagen, er stinke wie ein Penner. Letzteres ist einfach Umgangssprache, wie man sie an jeder Berliner Schule spricht. Aber davon bekommen die Politiker in ihren Villen natürlich nichts mit.

Welche Spuren hat dieser Kampf gegen den Staat bei euch hinterlassen?
Blokkmonsta: Am Anfang waren wir total verstört. Und seit der ersten Hausdurch­suchung habe ich eine Paranoia. Die wirkt sich so aus, dass immer einer zugucken muss, wenn ich in meiner Wohnung oder im Studio die Tür abschließe. Wenn ich alleine bin, bin ich mir nach fünf Minuten nicht mehr sicher, laufe den Weg wieder zurück und gucke nach; eine Zwangsneurose, die mich bis heute verfolgt.

Wann war die letzte Hausdurchsuchung bei dir?
Blokkmonsta: Ende 2015. Seither bleibe ich immer bis mindestens sechs Uhr wach, egal wie müde ich bin – weil ich Angst habe, dass die sonst nachts wieder bei mir im Schlaf­zimmer stehen.

Wie lief diese letzte Hausdurchsuchung ab?
Blokkmonsta: Ich habe nachts vorm Rechner gehangen und im Hausflur plötzlich Treppen knarren gehört – Altbau halt. Daraufhin bin ich direkt zur Wohnungstür, und da haben die schon angefangen, die mit dem Rammbock zu bearbeiten. Ich wollte denen sogar die Tür aufmachen, aber die nur: »Auf den Boden! Polizei« Mit der Spitze des Rammbocks sind die dann durch die Tür gekommen und haben direkt ihre Knarren auf mich gerichtet. Daraufhin habe ich mich auf den Boden geworfen und die Arme über den Kopf verschränkt, nur in Boxershorts. Dann sind die rein, vermummt, mit Schilden und MP-5s im Anschlag. Einer von denen ist mir dann mit dem Knie in den Rücken gesprungen und hat mich mit Kabelbindern gefesselt. Dann haben sie angefangen, meine Wohnung auseinanderzunehmen, während ich im Wohnzimmer in die Ecke gestellt wurde. Wenn ich mich mal umgedreht habe, habe ich sofort eine Schelle kassiert mit der Ansage: »Guck auf den Boden oder ich fick dich!«

Klingt schlimm.
Blokkmonsta: War es auch. Und seitdem renne ich bei jedem Geräusch, das ich nachts höre, ans Fenster und gucke durch den Türspion, weil ich einfach Optik schiebe.
Schwartz: Man fragt sich auch, warum die es so auf uns abgesehen haben, wenn man bedenkt, was sonst so alles in Deutschland passiert. Im Endeffekt haben wir nur Musik gemacht, die zwar sicherlich nicht jedem gefällt, aber wie da gegen uns vorgegangen wurde, das steht in keiner Verhältnismäßigkeit zu dem, was wir gemacht haben.
Blokkmonsta: Klar: Wenn eine ängstliche Mama eine CD von uns bei ihrem Kind findet, dann leuchten die Alarmglocken und sie meldet das. Das kann ich nachvollziehen und verstehe daher, dass die Polizei ermitteln muss. Aber die Art und Weise und das Ausmaß, wie gegen uns vorgegangen wurde – das will mir nach wie vor nicht in den Kopf.

Wie steht ihr denn zu den üblichen Vorwürfen, ihr würdet eure Hörer zu Gewalttaten anstiften?
Blokkmonsta: Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Niemand wird gewalttätig, weil er Musik von mir gehört hat. Da muss schon in der Kindheit, in der Erziehung und im Umfeld viel falsch gelaufen sein, damit jemand diese Schwelle überquert.
Schwartz: Es sind immer mehrere unglückliche Faktoren, die zusammenkommen, damit ein Mensch gewalttätig wird. Aber all diese Faktoren zusammenzutragen und zu analysieren, das ist den meisten Leuten zu kompliziert. Die wollen eine einfache Erklärung haben. Aber so einfach ist es nicht.
Rako: Es gibt auch Studien, die ganz klar belegen: Durch Kunst oder sogenannte Killerspiele wird keine Gewalt freigesetzt. Gewalt wird vielleicht reflektiert, aber nicht induziert – das ist ein Unterschied.
Blokkmonsta: Für Eltern ist es eben leichter, uns als Sündenböcke hinzustellen, als selbst die Verantwortung für Fehlentwicklungen bei ihrem Kind zu übernehmen. Aber ich sage ganz klar: Wir sind weder Erzieh­ungs­berechtigte noch Lehrer – und deshalb nicht diejenigen, die Kindern beizubringen haben, wie sie sich verhalten sollen.
Rako: Häufig sind diejenigen, die mit dem Finger auf Musiker zeigen, auch diejenigen, die Leute zu Außenseitern gemacht haben; zu Außenseitern, die dann Gewalttaten
begehen. Die Fingerzeig-Leute bündeln ihren Selbsthass und übertragen den auf andere, damit sie sich nicht mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten auseinandersetzen müssen.

Wofür steht Hirntot heute?
Blokkmonsta: Wir stehen für Zusammenhalt und Loyalität. Wer uns etwas Gutes tut, bekommt das zehnfach zurück. Wir reichen jedem die Hand – egal, welche Herkunft der hat, welchen Kontostand, ob der cool ist oder nicht. Ich habe Respekt vor jedem, aber ich erwarte, dass man mich ebenso respektiert. Nur so kann ein gemeinsames Miteinander funktionieren.
Schwartz: Und wir stehen dafür, uns nicht unterkriegen zu lassen – egal, was für Steine man uns in den Weg legt.
Nils Davis: »Blokkhaus« von 2014 war so was wie ein Neustart. Viele haben da erst angefangen, uns ernst zu nehmen, weil wir plötzlich Leute wie Savas, Eko und Prinz Pi auf der Platte hatten. Aber ganz ehrlich: Zeig mir mal einen Rapper, der in Deutschland so viele Alben veröffentlicht hat wie Blokk!
Schwartz: Und so viele Features gemacht hat wie er!
Blokkmonsta: Gibt es außerdem einen deutschen Rapper, der einen Song mit Ice-T gemacht hat [»Double OG« von 2012; Anm. d. Verf.]? Eben. ◘

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173

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