Falco: »HipHop hat nie etwas mit mir zu tun gehabt« // Feature

Vor 20 Jahren, am 6. Februar 1998, steuerte Falco seinen Jeep in einen heranrasenden Bus – und wurde endgültig zur Legende. Als Popstar von Weltformat bleibt er in Österreich unerreicht. Aber war er auch für HipHop wichtig?

»In Wien musst’ erst sterben, dass sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang«, hat Hans Hölzel alias Falco einmal gesagt. Ein wenig wehleidig und dramatisch dürfte er gewesen sein, »der Hansi«. Ein waschechter Wiener halt. Aber er hatte schon recht: Erst nach seinem Tod wussten ihn seine Landsleute wirklich zu würdigen. Heute gilt er als National Treasure. Als Österreichs erster und größter Popstar.

Aber Falco war mehr als das. Er brachte den Sprechgesang in die deutsche Popmusik: Im Herbst 1981 erschien »Der Kommissar«. Das Riff hatte Produzent Robert Ponger von Rick James’ »Super Freak« geklaut. Falco ventilierte dazu eine Variation eines alten Kinderverses: »Drah di ned um, oh oh oh«. Die Single schoss in Deutschland, Österreich und sogar Japan auf die Eins. Auch in New York nahm man Notiz: Afrika Bambaataa baute den Song in seine DJ-Sets ein. Angeblich soll er Falco den ersten weißen Rapstar genannt haben. Der stellte diesbezüglich selbst keine Ansprüche. »Ich habe den ‚Kommissar‘ nicht aufgenommen, weil ich HipHop machen wollte, sondern weil ich mir gedacht habe, es ist irgendwie geil, in deutscher Sprache zu rappen«, erklärte Falco 1996 in der Radiosendung »Tribe Vibes«. »HipHop hat von seiner gesellschaftspolitischen und sozialkritischen Geschichte her nie was mit mir zu tun gehabt.« Der Wiener Musikjournalist und HipHop-Pionier Werner Geier sah das anders: »Wenn es bei HipHop um eine Revolution geht, dann um die, genauso konsumieren zu können wie all die weißen Arschlöcher: maßlos, ohne Ziel und Sinn. Deswegen war Falco HipHop.«

»HipHop hat von seiner gesellschaftspolitischen und sozialkritischen Geschichte her nie was mit mir zu tun gehabt.« (Falco)

Seine Attitüde war das eine, sein Sprachgefühl das andere. Als HipHop aus der Bronx nach Europa schwappte, witterten Witzbolde und Prominente ohne Gesangstalent ihre Chance. Wer eene-meene-muh-und-raus-bist-du reimen und dabei mit der Hand fuchteln konnte, verstand sich als Rapper. Falco war einer der ersten, der die neue Kunstform stilvoll übersetzte. Mit der Grandezza von Bowie, dem Duktus von Oskar Werner und der Sprachverliebtheit seines Deutschlehrers Ernst Jandl pickte er sich die besten Worte aus dem Hochdeutschen, Wienerischen und Englischen heraus. Er reimte mit »Schmäh«, jener spitzbübisch abgefederten Arroganz, für die man die Wiener liebt oder hasst. Oder beides. Das war eigenständig, sensationell, breitenwirksam. Man hielt sich nicht lange damit auf, von HipHop zu sprechen. Das war einfach Pop.

Seit ein paar Jahren gibt es neue Popstars aus Österreich. Wanda und Bilderbuch, RAF Camora und Yung Hurn. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein, aber eines ist ihnen gemein: Sie alle berufen sich auf die eine oder andere Weise auf Falco. Ihm ist es als erstem gelungen, die engen Grenzen seiner Heimat zu überschreiten. Weil er seine Herkunft zur Tugend erhob, statt sie zur verleugnen. Soll noch einer sagen, das hätte nichts mit HipHop zu tun!

Text: Reiner Reitsamer
Illustration: Liam Tanzen

Dieses Feature erschien erstmals in JUCIE #185. Back-Issues können im Shop versandkostenfrei nachbestellt werden.

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