Eminem vs. Staiger

Eminem-Monster-2
 
Der Name Eminem ist für mich sehr eng mit dem Namen Savas verbunden, denn Kool Savas hat mir ­Eminem quasi vorgestellt. »Der Kool«, wie ihn manche Veranstalter und Manager gerne nannten, ­befand sich zu dieser Zeit für einige Wochen bei seinen Verwandten in Aachen und hatte viel Zeit. Ich glaube, er wollte dort seinen Führerschein machen. Neben den Fahrstunden verbrachte er seine Tage damit, ins nahegelegene Köln zu pendeln, um sich im Plattenladen von Groove Attack die neuesten HipHop-Platten ­anzuhören. Wir telefonierten ab und zu und dabei berichtete er mir aufgeregt von zwei ­Neuentdeckungen, die er gemacht habe, als da wären: »The Antidote« von Lootpack und eine Platte von einem Typen ­Namens Eminem, die »The Slim Shady LP« heißen würde. Ich notierte mir die beiden ­Tonträger, wobei ich mir Eminem buchstabieren lassen musste, weil Savas den Namen immer wie »M & M« aussprach – was im Übrigen ja auch richtig ist, heute aber fast keiner mehr weiß. Wenn es um Musik ging, war Savas ­immer schon sehr begeisterungsfähig und diese Begeisterung färbte auf mich ab, weshalb ich mir die beiden Alben auch sofort besorgte.
 

 
Tatsächlich gehören sie bis heute zu den ­Schätzen meiner Plattensammlung und mit zum Besten, was ich mir jemals gekauft habe. Ich weiß noch, wie ich gerätselt habe, was für ein Typ dieser Eminem wohl sein mag. Wir wussten, dass Dr. Dre ihn gesignt hatte. Wir wussten, dass er irgendwie aus Detroit kommen sollte und jung, arm, aggressiv und unglaublich hungrig war. Aber wir wussten tatsächlich nicht, ob er weiß oder schwarz ist, was zu diesem Zeitpunkt immer noch ein riesiges Thema war. Wir konnten es auch nicht unbedingt herausfinden, weil Eminem auf dem Cover nicht zu erkennen war. Also rätselten wir herum. Was waren das noch für Zeiten, in denen das Internet noch nicht allgegenwärtig war und es somit noch Geheimnisse gab. Was uns blieb, war die Musik und die war auf jeden Fall verstörend. Irgendwie war das anders als alles, was man davor im Rap gehört hatte. Es war verrückt und ausgedacht und gleichzeitig doch irgendwie authentisch. Offensichtlich spielte der Künstler in seinen Raps eine Rolle, was in den auf Authentizität fixierten Neunzigern ein absolutes Novum war, doch offensichtlich war er in dieser Rolle auch ungemein ehrlich. Drogenkonsum und Gewaltfantasien. Verschobene Realitäten und eine quäkige Stimme, die absolut nicht cool sein wollte und gerade deshalb sehr cool war. Die Art und Weise, wie dieser Eminem seine Geschichten erzählte, unterschied sich von allen anderen Rappern, die ich bis dahin gehört hatte – weshalb ich ihn dann kurze Zeit später in einem Interview auch dazu befragte.
 
Ich arbeitete damals beim Radiosender Fritz und gleichzeitig für mehrere kleine HipHop-Magazine. Aus irgendeinem Grund hatte ich ein Eminem-Interview ergattert, wobei ich heute nicht wirklich sagen kann, wieso überhaupt. Vielleicht konnte mich der zuständige Promoter gut leiden, vielleicht hatte ich auch einfach nur Glück. Das Interview selbst fand wiederum in den Räumlichkeiten von Jam FM statt, weswegen ich dann später zur Sendeleitung von Radio Fritz einbestellt wurde, die überhaupt nicht amused darüber waren, dass ich einen Beitrag für die Konkurrenz gemacht hätte. Nur mit Mühe konnte ich das Missverständnis aufklären. Gleichzeitig wurde mir aber beschieden, dass man auf das Interview, das ich geführt hatte, sowieso keinen Wert legen würde, da der Kollege André Langenfeld, seines Zeichens Berliner HipHop-Radio-DJ-Legende, für ein exklusives Interview mit Eminem nach London fliegen würde. Eminem befand sich damals in der wohl interessantesten Phase seiner Karriere. Irgendwie Geheimtipp, kurz vor dem großen Erfolg. Noch nicht wirklich oben, aber auch nicht mehr wirklich Underground. Der nächste große Superstar kurz vor dem großen Erfolg. Und die Plattenfirma setzte auf ihn. Aus diesem Grund durfte André dann auch tatsächlich mit nach London fliegen, saß auch in derselben Maschine wie der Rapper, da dieser aber keine Lust auf ein längeres Gespräch hatte, fiel das Interview einfach aus. Kollege Langenfeld kehrte mit leeren Händen aus London zurück, doch mein Interview wollte der Sender dann trotzdem nicht. Ich war nicht real genug. Für alle anderen Publikationen war das Thema dann auch nicht wichtig genug und so gammelte das Interview nun fast anderthalb Jahrzehnte vor sich hin und wurde nie veröffentlicht.
 
Großmäulig verkündete ich deshalb neulich gegenüber der JUICE, dass ich noch ein unveröffentlichtes Interview mit Eminem bei mir zu Hause rumliegen hätte. Sogar noch auf MiniDisc, ein Format, das sich nie wirklich durchgesetzt hat und heute zurecht vom Markt verschwunden ist. Die Redaktion war begeistert. Ein altes Interview aus den Anfangstagen? Her damit! Also habe ich mich auf die Suche nach dem Datenträger gemacht, fest überzeugt, dass ich genau wüsste, wo es zu finden ist. Guter Dinge durchsuchte ich die erste Kiste, in der ich meine Interviews gesammelt habe – nichts. Ich schaute mir alles zweimal an, doch eine MiniDisc mit dem Aufkleber »Eminem Interview 1999« konnte ich nicht finden. Scheiße. Das bedeutete nichts Gutes. Hatte ich das Gespräch vielleicht auf Kassette aufgenommen? Also durchsuchte ich auch noch meinen Tape-Fundus, was bei einem ehemaligen Besitzer eines Kassetten-Labels eine eher undankbare Aufgabe ist. Ich wühlte mich durch mehrere Kisten mit Ferro- und Chrombändern und tatsächlich fand ich dabei so einiges: zum Beispiel das Original-Master vom »Sintflows«-Tape der Sekte und ungefähr ein halbes Dutzend Fettes-Brot- und Freundeskreis-Interviews. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich die so oft interviewt habe. Ich habe ein Buddha-Monk-Interview, was heute keinen Menschen mehr interessiert, und ich habe Originaltöne von einem HipHop-Gottesdienst, der in einer Kirche im Wedding stattgefunden hat. Ich habe das erste »Berlin Nr. 1 Tape« wiedergefunden und unzählige Mixtapes von P.F. Cuttin und Tony Touch – aber keine Kassette mit der Aufschrift »Eminem«. Enttäuscht ließ ich die letzte Kassette wieder in die Kiste zurückfallen. Das Interview blieb verschollen. Ich hatte das vielleicht wichtigste Interview meiner Journalistenlaufbahn verloren. Ich Idiot.
 

 
Dabei bedeutete mir dieses Gespräch von damals wirklich viel. Eminem stand am Anfang seiner Karriere und aus irgendeinem Grund fühlte ich mich mit ihm seelenverwandt. Da er genau ein Jahr jünger ist als ich und ich damals ebenfalls Vater einer Tochter geworden war, bildete ich mir ein, dass wir was gemeinsam hätten. Dementsprechend aufgeregt war ich, als ich im Gebäude von Jam FM erschien, wo der Rapper gerade seine Radio-Promo herunterspulte. Ich wurde in einen schmucklosen Raum gebeten, wo kurze Zeit später Marshall Mathers samt seinem Partner Proof erschien, um sich auch noch kurz meinen Fragen zu stellen. Eminem beantwortete alles eloquent und mit der Amerikanern eigenen profihaften Unverbindlichkeit. Selbst als ich auf seine Tochter zu sprechen kam, blieb er cool und gelassen. Was er denn tun würde, wenn seine Tochter die gleichen Sachen veranstalten würde, wie jene, die er in seinen Songs propagiert, wollte ich von ihm wissen. Eine heikle Frage, bildete ich mir ein, weil man bei diesen Amerikanern ja nie weiß, wann sie sich belästigt fühlen und das Interview ganz einfach abbrechen. Ich hatte schon diverse Horrorgeschichten gehört, von Kollegen, die in Fettnäpfchen getreten waren und dann verantwortlich dafür gemacht wurden, dass ganze Interviewtage abgesagt wurden. Ich schwitzte, doch der Mann aus Detroit antwortete lässig: »I’m gonna kick her ass!« Das konnte ich als Vater nur zu gut verstehen und wieder fühlte ich mich ihm ein Stückchen näher. Also dachte ich, ich kann ihm auch die nächste Frage stellen. »Wenn ich mir deine Sachen so anhöre, dann habe ich das Gefühl, das sie anders sind als andere Rap-Sachen, eher so Singer-Songwriter-mäßig. Fühlst du dich in einer Singer-Songwriter-Tradition?«
 
Das Gesicht von Eminem versteinerte sich. Mit zusammengekniffenen Augen schaute er mich an: »What do you mean?« »Oh, oh«, dachte ich. Fehler. Ganz schwerer Fehler. Und gleichzeitig stellte ich fest, dass mein Englisch nicht ausreichen würde, dieses Missverständnis aufzuklären. Was ich damit sagen wollte, ist, dass ich das Gefühl habe, dass die Art und Weise, wie du deine Geschichten erzählst, mich aus irgendeinem Grund eher an einen Bob Dylan erinnern. Es sind erfundene Geschichten einer Alter-Ego-Figur, die gleichzeitig du sein könntest, aber eben nicht du bist und deshalb ein Stück weit wir alle sind. Aus diesem Grund kann man diese Geschichten viel besser nachvollziehen als bei anderen Rappern, die immer nur von sich selbst erzählen und wo man keine Chance hat, mit in diese Rolle zu schlüpfen, weil man ja nicht sie sein kann … yaknowhatimean – und jetzt erklär das alles mal auf Englisch! Das konnte ich nicht und so starrte ich einfach mit schreckgeweiteten Augen zurück. Ich konnte es ihm nicht erklären und vor meinem inneren Auge sah ich ihn schon aufstehen und wutentbrannt den Raum verlassen, empört über diese unglaublich ­dumme Frage dieses minderbemittelten deutschen Journalisten.
 

 
Da kam mir Proof zu Hilfe. Proof, den sie später erschossen haben, und dem ich wirklich von Herzen wünsche, dass er in Frieden ruhen möge. Proof, der sich bis zu diesem Zeitpunkt ganz im Hintergrund gehalten hatte. Proof, der mir aus der Patsche half. »What he means«, begann Eminems Partner mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, »that you put the shit to another level.« Ich atmete aus. Eminems Augen ­weiteten sich wieder und hatte er vorher eine fast lauernde Körperhaltung angenommen, so entspannte er sich nun sichtlich. Damit konnte er was anfangen. Das konnte er verstehen, ein Ruck ging durch seinen Körper und er wurde wieder zur professionellen Interviewmaschine: »Oh yeah. Definitely. I put the shit to another level.« Ich bekam Entspannungskopfschmerzen. Ein Stein fiel mir vom Herzen und eine Betonplatte löste sich von meinen Schultern. Oh mein Gott, ich habe es überlebt. Ich hatte die Klippe umschifft. Proof hat mich gerettet, das Interview wurde nicht abgebrochen, selbst wenn es nach ein paar weiteren belanglosen Fragen und nach ungefähr zwanzig Minuten beendet wurde. Schließlich sei man ja nicht zum Vergnügen hier, sondern auf Promo-Tour. Der nächste Termin wartet.
 
So standen wir kurze Zeit später allesamt vor dem Aufzug, der uns nach unten bringen sollte, und ich hoffte, noch ein wenig Aufmerksamkeit erheischen zu können und vielleicht noch ein, zwei private Worte. Doch Eminem beachtete mich nicht mehr. Wieso auch? Er hatte zu tun. Witze machen mit seiner Entourage, die damals noch aus zwei oder drei Begleitern bestand. Und vor allem musste er sich um seinen Pegel kümmern. Während wir noch auf den Fahrstuhl warteten, zog Eminem unvermittelt einen Flachmann aus seiner Jackentasche und genehmigte sich einen großen Schluck. Das kam vollkommen unprätentiös und so selbstverständlich, dass ich mir dachte: »Der Typ ist Alkoholiker.« Das war keine Show, das war nicht gespielt, das war echte Sucht und wie sich später herausstellte, sollte ich Recht behalten. Zwischen 2006 und 2010 musste sich Eminem aufgrund verschiedener Abhängigkeiten aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um schließlich nach mehreren Therapien endlich clean zu werden. Doch bereits damals konnte man erkennen, wie zerbrechlich der Star war.
 
Zerbrechlich, aber erfolgreich. In den nächsten Jahren lieferte Marshall Bruce Mathers III den Blueprint dafür, wie eine erfolgreiche Rap-Karriere verlaufen kann. Das Rezept ist eigentlich relativ simpel, verlangt aber eine gewisse ­künstlerische Tiefe. Zunächst stellte er sich uns als der wahnsinnige Slim Shady vor, der die konservativen Sittenwächter im Viereck springen ließ und die Kids begeisterte, dann öffnete er mit Marshall Mathers die persönliche ­Trickkiste und ließ uns teilhaben am »echten« Leben. Dann kam »The Eminem Show«, die das alles zusammenfügte – und ab da war dann eh alles egal. Noch heute behaupte ich, dass wenn sich Savas an diesen Dreierschritt gehalten hätte, seine Karriere steiler und erfolgreicher verlaufen wäre. Erst das »Pimplegionär«-Album, dann das »Savas Yurderi« Album und ab da hätte er machen können, was er will. Sido hat sich ­definitiv daran gehalten und wurde dadurch zum Popstar. Erst kam »Maske«, dann kam »Ich«, dann kam die Synthese aus beidem und der Vorhang fürs ganz große Kino ging auf.
 

 
Für Undergroundfanatiker wie mich ist das dann wiederum der Punkt, an dem ich mich meistens verabschieden muss. So auch bei Eminem. Konnte ich »Marshall Mathers« noch einiges abgewinnen, begann ich mich spätestens bei »The Eminem Show« zu langweilen. Natürlich kann ich auch heute noch das außergewöhnliche Talent des begnadeten Rappers aus Detroit ­erkennen und würdigen, und ich versuche mich immer wieder in ein HipHop-Kid von heute hineinzuversetzen, das zum allerersten Mal eine Eminem-Platte hört. Wie krass muss das sein, wenn man Rap mag und plötzlich hört man diesen Typen mit seinen ­außergewöhnlichen Skillz. Allein, es will mir nicht wirklich gelingen und dieser Funke, den ich damals fühlte, als ich zum ­allerersten mal »Slim Shady« hörte, er will einfach nicht mehr überspringen. Das ist traurig.
 
Text: Marcus Staiger
Foto: YouTube
 
Dieser Artikel erschien in JUICE #155.