Earl Sweatshirt – Some Rap Songs // Review

Ein stark verdichtetes und schwer zu verdauendes Stück Musik: Earl Sweatshirts Output ist die Antithese zum HipHop-Tagesgeschäft.

Wertung: Fünf Kronen

(Tan Cressida/Columbia)

Hot and bothered astronaut? Wir erinnern uns dunkel: Anfang 2010 erschien mit »Earl« plötzlich ein kompromissloses, leichtfüßiges Weirdo-Mixtape, das später exemplarisch für DIY-Projekte aus dieser Dekade stehen würde. Thebe war da gerade erst 16 Jahre alt und seine hingerotzte Eloquenz beeindruckend. Fast Forward, 2018: Der Hype um Earl und die Leute der einstigen Odd Future ist längst ein anderer geworden. Zwei Jahre Zeit hat er sich für sein drittes Studioalbum »Some Rap Songs« gelassen. Noch immer ist sein Output als Antithese zum HipHop-Tagesgeschäft zu lesen. Und noch immer klingt das Ganze wie ein geleakter Soundcloud-Ordner. Dass Thebe hier aber bewusst tiefstapelt, ist Methode. Die unpolierte, kantige Ästhetik orientiert sich deutlich an den Vorbildern DOOM und Madlib. Zwischen avantgardistischem Jazz-Rap und dreckig geloopten Lo-Fi-Beats, verschwimmen die Grenzen zwischen gut und schlecht ins Unendliche. Auch persönlich öffnet sich der sonst so introvertierte und allmählich gereifte Rapper seinem Publikum. Auf »Playing Possum« samplet er eine Keynote seiner Mutter und kontrastiert mit einem Auszug aus einem Gedicht seines im Januar verstorbenen Vaters Keorapetse. Familiäre Todesfälle als junger Erwachsener zu verarbeiten, ist eine verdammt schwierige Aufgabe. Auch mit dem Closer-Track »Riot!« verewigt Thebe Blutsverwandtschaft und samplet den gleichnamigen Song seines Onkels Hugh Masekela, der ebenfalls im Januar verstarb. Obwohl er es nicht geschafft hat, vor dem Tod seines Vaters das Album präsentieren zu können, so bedeutet das für ihn gleichzeitig ein Stück Trauerbewältigung: »Say goodbye to my openness, total eclipse/Of my shine that I’ve grown to miss when holding shit in«. Sein depressives Testament, das er bereits mit dem vorigen Album ablegte, setzt sich hier fort. Auf dem Track »Azucar« jedoch gesteht er sich ein »I only get better with time«, was nicht zuletzt auch dieses Album zeigt. Earl Sweatshirt hat ein fokussiertes, stark verdichtetes und schwer zu verdauendes Stück Musik geschrieben, das sich wie ein Ende und ein Anfang zugleich anfühlt.

Text: Tim Tschentscher

Some Rap Songs [Explicit]
  • Tan Cressida/Columbia
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