Dr. Martens Tough As You // Interview mit Kelvyn Colt und Kyle Flamigni

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Der Rapper Kelvyn Colt hat sich aus dem Untergrund heraus einen Namen in der internationalen Musikindustrie gemacht. Als englischsprachiger Künstler im deutschsprachigen Raum hat er es dabei nicht immer leicht gehabt. Nun möchte er der nächsten Künstlergeneration den Einstieg in die Branche erleichtern. Gemeinsam mit Kyle Flamigni, einem in Berlin lebenden Musiker, Produzenten und Tontechniker, unterstützt Kelvyn als Mentor im Rahmen der Tough As You Initiative aufstrebende Talente dabei, ihre Vision zu verwirklichen.

Neben dem kreativen Support innerhalb der Musik-Community sind Studiozugang und technische Unterstützung essentiell. Nur wenige Musiker*innen haben die Möglichkeit, mit professionellen Soundsystemen und moderner Technik zu arbeiten. Genau bei dieser fehlenden Infrastruktur setzt das Projekt an.

Mit finanzieller Unterstützung von Dr. Martens stellte Kyle unter Guidance von Kelvyn drei aufstrebenden Künstler*innen – PNKSAND, K.ZIA und Leroy Menace – ein voll ausgestattetes Musikstudio zur freien Verfügung. Kyle’s Reveal Studio befindet sich im Herzen Berlins und diente den drei talentierten Artists als Raum zum Produzieren, Schreiben, Aufnehmen und Mastern ihrer individuellen Projekte. Mit diesem schöpferischen Schaffensprozess möchte Kelvyn als Mentor des Projekts außerdem Knowledge-Austausch, Networking und gegenseitigen Support innerhalb der Musik-Community fördern.

Wir haben mit Kelvyn Colt und Kyle Flamigni über das Projekt, ihre Ziele und ihre ganz persönlichen Erfahrungen in der Musikindustrie gesprochen.

Kelvyn, du bist ein Mentor für die Tough As You Initiative von Dr. Martens. Was ist das Ziel des Projekts?

Kelvyn: Es gibt mehrere Ansätze, die alle dem gleichen Ziel folgen: Wir wollen die nächste Generation von Künstler*innen mit den richtigen Werkzeugen und dem Wissen ausstatten, wodurch sie unabhängige und voll funktionsfähige Artists werden, die die Industrie verstehen, in der sie operieren. Wenn sie dann bei einem Majorlabel landen, wissen sie genau, worauf sie sich einlassen.

Was ist deine Aufgabe innerhalb der TAY Initiative?

Kelvyn: Zusammen mit Kyle, ein talentierter junger Künstler aus Berlin, den ich bewusst für dieses Projekt ausgesucht habe, möchte ich weitere Artists auf verschiedenen Ebenen unterstützen und ihnen einen Raum zum Schaffen bieten. Ein weiteres Projekt innerhalb von TAY ist unser Workshop mit „ROOTS Berlin”. Das ist ein Projekt, das ich eigentlich schon vor dem Lockdown umsetzen wollte. Hier werden Expert*innen aus der Branche ihre Weisheiten und Erfahrungen teilen, wobei der Fokus auf POC’s und Schwarzer Kultur liegt.

Welche Vorteile kannst du deinen Mentees bieten?

Kelvyn: Ich gebe ihnen Zugang zu meinen Erfahrungen und meinem Wissen.

Kyle, wie haben Kelvyn und du euch kennengelernt?

Kyle: Wir haben uns auf eine sicke Art kennengelernt. Als ich nach Berlin gezogen bin, sagte man mir, dass er der Typ sei, zu dem man aufschaut, den man respektiert und mit dem man arbeiten möchte. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich hier niemanden und hatte gerade erst angefangen, meine Kunst voll und ganz zu priorisieren. Sechs Monate später, direkt nach dem ersten Lockdown, habe ich Yves getroffen, einen Bruder und großartigen Producer, der mir Zugang zu meinem ersten professionellen Studio ermöglichte. Ein paar Wochen später lud er mich ein, Kelvyn kennenzulernen und vielleicht sogar mit ihm zu arbeiten. An Tagen wie diesen hörst du auf, an Zufälle zu glauben und beginnst, an dich selbst zu glauben.

Wie helfen euch eure eigenen Erfahrungen als Schwarze Künstler, andere BIPoC Artists als Mentoren zu unterstützen?

Kelvyn: Ich kenne den Struggle, dem man in der hiesigen, aber auch der internationalen Musikindustrie ausgesetzt ist, vor allem als Schwarzer Mann. Hoffentlich kann ich helfen, teure Fehler zu vermeiden und die Artists mit den richtigen Werkzeugen auszustatten. Ich bin überzeugt, dass wir mit „ROOTS Berlin”, das komplett von Frauen geleitet wird, vor allem auch Schwarze Frauen unterstützen können.

Kyle: Ich glaube, jeder von uns, der es allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft hat, ist in der Position, den Nächsten in der Reihe zu unterstützen, der noch auf dem Weg dahin ist. Ich habe Wege entdeckt und Möglichkeiten genutzt, die sicherlich helfen. Ich sehe es als meine Aufgabe, diese mit anderen zu teilen.

Vor welche Herausforderungen wurdet ihr auf eurem Weg gestellt?

Kelvyn: Selbst heute gibt es noch vieles, womit ich umgehen muss. Ein grundlegendes Problem ist, dass es in Deutschland keine Infrastruktur für internationale oder englischsprachige (Rap-)Musik gibt. Also ist es für uns umso wichtiger, eine eigene Fanbase und ein Publikum aufzubauen, um überhaupt Möglichkeiten zu schaffen.

Kyle: In meiner Jugend war ich zu weiß für die Schwarzen Kids und zu dunkel für die Weißen. Es war seltsam. Man fängt schnell an, seinen Platz in der Gesellschaft in Frage zu stellen und sich entfremdet zu fühlen. Du läufst durch das Dorf deiner Großmutter und hörst die Kinder „Mzungu” rufen, was „Weißer” bedeutet. Gleichzeitig fühlst du dich entfremdet, wenn du auf ein vornehmes Internat gehst und dich die weißen Mitschüler angreifen, wenn du auf dem Weg zu deinem Zimmer bist. Die Mädchen haben keine Gefahr dargestellt, bis du realisierst, dass sie sich wegen deiner Hautfarbe nie für dich interessieren werden. So bin ich aufgewachsen.Vor Kurzem war ich auf einer Party und ein ugandisches Mädchen (ich bin selbst Ugander) fragte mich, wie ich mich identifiziere. Ich habe offensichtlich mit Schwarz geantwortet. Sie hat mich dann ziemlich verstört gefragt, ob ich dazu denn das Recht hätte. Alkohol macht so eine Konversation nicht einfacher (ich trinke nicht), aber zwei Stunden später war klar, dass du als mixed Person wohl nie so richtig zu einer Gruppe dazu gehörst. Das sind meine Hürden.Klar, letztens wurden meine Jungs und ich im Restaurant von einem Ehepaar wie Tiere im Zoo angeschaut und am Flughafen kann ich sicher sein, dass sie mich nach den Drogen in meinem Melanin durchsuchen werden. Aus diesen Gründen sehe ich mich als Schwarz und unterdrückt und angewiesen auf Wiedergutmachung – aber irgendwie zögerst du etwas, dahinter zu stehen, wenn es Fragen bei denjenigen gibt, die eigentlich hinter dir stehen sollten.In der Musik sind wir meiner Meinung nach alle Eins. Ich muss diese Details nicht in meinen Songs verarbeiten, weil ich einen Raum der Resonanz bieten möchte. Wenn dieser sozial, ethnisch oder spirituell aufgeladen ist, dann nur, um Perspektiven und Verständnis zu ermöglichen. Das stellt ein Hindernis in sich selbst dar, aber ich glaube mit ganzem Herzen daran, also lasse ich mich nicht davon abbringen. Ich habe gerade eine Dokumentation über Bob Marley gesehen. Er wurde fast dafür ermordet, nach Frieden und Einigkeit zu streben und einen Raum zu schaffen, in dem Menschen ihre Unterschiede überwinden und zusammenkommen können. Ich weiß, dass ich keine „Redemption Songs” mache, aber wenn die richtige Zeit kommt, um für etwas einzustehen, weiß ich, was ich zu tun habe – und wie ich diejenigen leiten kann, die mir folgen wollen.

Wie wichtig ist der Zugang zu einem professionellen Studio für neue Künstler*innen?

Kyle: Sehr wichtig. Im Studio kann man von einer gewissen Qualität ausgehen, die man ansonsten nur mit einer Menge Erfahrung bekommt. Ich habe in Studios außerdem meine wichtigsten Connections geschlossen. Viele wegweisende Dinge können zu Beginn einer Karriere dort passieren.

Kelvyn: Ich glaube, dass das traditionelle „Studio for hire” nicht mehr so wichtig ist, weil man einfach und preiswert zu Hause aufnehmen kann. So hab ich auch angefangen: eine gecrackte Software, billiges Equipment und jede Menge YouTube-Tutorials. Heute habe ich den Luxus, mit Engineers ins Studio gehen zu können, wodurch ich mich voll und ganz aufs Schreiben und die Produktion konzentrieren kann. Ich glaube, dass es auch für neue Künstler*innen wichtig ist, diese Erfahrung zu machen. Es motiviert, man lernt, mit anderen zusammenzuarbeiten und es gewährleistet ein gewisses Level an Qualität, vor allem bei der Aufnahme von Instrumenten.

Warum ist es wichtig, dass ihr jungen Künstler*innen eure Betreuung, euren Rat und eure Erfahrungen zur Verfügung stellt?

Kyle: Ich glaube, dass wir nur behalten können, was wir haben, wenn wir es weitergeben. Das haben meine OGs in mir verankert und ich glaube daran, weil es ein Vermächtnis schafft. Ein Vermächtnis ist wichtig, weil es definiert, was wir zurücklassen und weil es den Lauf der Geschichte beeinflusst.

Kelvyn: Mir ist es wichtig, das zu machen, weil ich mir damals genau das gewünscht hätte. In der UK, wo meine Karriere begann, hab ich an jedem Musikseminar und an jedem Event teilgenommen, um zu networken und um von anderen Leuten zu lernen.

Eines der Ziele von Tough As You ist, Grenzen innerhalb der Industrie zu sprengen. Welche Veränderungen wünscht ihr euch für die Zukunft?

Kelvyn: Ich glaube, dass die Veränderungen, die ich mir wünsche, ein eigenes Interview verdient hätten. Kurz gesagt sind es aber eine Kultur aus Wissen, Erfahrung und eines Rollenbewusstseins. Zu wissen was erwartet wird und was man selbst von der Industrie erwarten kann.

Kyle: Ich würde mir wünschen, dass Artists mehr Tools zur Verfügung gestellt bekommen, um die Industrie zu verstehen. Außerdem würde ich mir mehr Frauen in allen Bereichen der Musikindustrie wünschen. Das würde zu mehr Harmonie und dementsprechend zu mehr Erfolg und Langlebigkeit führen.

Welchen Rat würdet ihr jedem*r aufstrebenden Künstler*in mit auf den Weg geben?

Kyle: Arbeite hart, sei fokussiert und vertraue in eine höhere Macht.

Kelvyn: Konzentriere dich zuerst auf deine Kunst – und dann darauf, sie rauszubringen. Wenn dir letzteres schwer fällt, hol dir jemanden, der gut darin ist. Du brauchst nicht die größten, sondern die hungrigsten Spieler in deinem Team!

Mehr Infos zum Projekt findet ihr hier. Zudem werden im Rahmen der Tough As You Initiative auch noch andere Konzepte mit aufstrebenden Künstler*innen und Organisationen umgesetzt. Kelvyn supported neben Kyle Flamigni auch die Organisation Roots Berlin, um gemeinsam junge Artists der BIPoC Community aus Deutschland mit Branchenexperten zu vernetzen und ihnen wertvolle Tipps und Infos zu vermitteln. Neben Kelvyn fungiert auch Serious Klein als Mentor – zuletzt bei einem Projekt mit „Oroko Radio”, einer unabhängigen Online-Radiostation. Er selbst hat seine Wurzeln in Ghana und schafft damit ein internationales Projekt, in dem sich Newcomer*innen aus Deutschland und Ghana austauschen und voneinander lernen können.

Einen Überblick über alle Tough As You Projekte findet ihr auf der Webseite von Dr. Martens.

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