Dissy – Playlist 01 // Review

(Corn Dawg Records)

»Playlist 01« – während der Titel so nüchtern klingt wie einst Jim Morrison nach nur einer Flasche Wein, wurden musikalisch keine Gefangenen gemacht: Dissys (fka Dissythe­kid) Debütalbum ist eine Geisterbahnfahrt durch Partys, Lärm und Sex – Ventile eines Drop-Outs. Ein wilder Ritt, der ab der zweiten Sekunde kein Halten mehr kennt. Doch es beginnt ganz friedlich mit einer fabelhaften Einleitung: Angezogen von einer unbestimmten Licht- und Lärmquelle, zieht es einen Fuchs zum störenden Fremdkörper in der waldigen Nachtruhe. Auf einer Lichtung wird er fündig: Tanzende Gestalten geben sich dort dem Gebären eines Dämons her, des Zeremonien­meisters, der mit leuchtenden Augen zu Rausch und Ekstase bittet. Und so geschieht es: Wobbelnde Bässe und polternde Drums sind die Peitsche des Gebieters, während eine Komposition aus Psychedelic Rock, Techno, Folk und Rap das Fundament der Weltflucht bieten, in die sich Dissy mit jedem Lied ein bisschen tiefer fallen lässt. Ein freier Fall ins Delirium, der darin brilliert, die Zuflucht im Rausch genauso schizophren (euphorisch und zerrüttet) zu transportieren, wie ihn das lyrische Ich im kurzen Moment des Aufatmens selbst empfindet. Allein der Rap bricht heraus aus dieser atmosphärisch dichten Kunst. So wirkt die konsequent auf Endreimpointen fixierte Flow-Struktur zumeist wie ein etwas sperriges fünftes Rad am Wagen. Dennoch: Die virtuose Zusammenführung ungewöhnlicher Stileinflüsse schafft hier ein einzigartiges Stück Musik im Kosmos Deutschrap. Neben eindrucksvollem Vibe und den überragenden Refrains hallen vor allem inspirierte Zeilen über Dissys verkorkste Beziehungskisten nach. Warum er sich als Prototyp des gesellschaftlichen Losers sieht und seine Kunst den rauschenden Momenten des Ausbruchs aus genau dieser Rolle widmet, bleibt aber leider ein Geheimnis.

Text: Till Bötcher

Playlist 01
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