»Ich tanze auf dem Grab des Kapitalismus« // Dead Prez im Interview

 

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Man muss nicht alle Ansichten von Dead Prez teilen, um ihre kompromisslose Message-Musik feiern zu können. Mit dem 2000 erschienenen Debüt “Let’s Get Free” setzten M-1 und ­Stic.man die inhaltlichen Eckpfeiler, denen sie bis heute treu geblieben sind. Sie finden die Gründe für die ­Probleme der afroamerikanischen Community bei der Regierung, beim System des Kapitalismus und ­Imperialismus, in der Polizeigewalt und ganz allgemein bei den mächtigen (weißen) Männern, welche die Fäden in der Hand halten. Nebenher wird auch noch gesunde Ernährung propagiert und die allgemeine ­Entwicklung in der HipHop-Subkultur stets kritisch beäugt. Nach dem gemeinsam mit DJ Green Lantern ­eingespielten Mixtape “Pulse Of The People” steht für nächstes Jahr ihr drittes Album “Information Age” an. JUICE sprach bei einem Konzert in Zürich mit dem dynamischen Duo.

Ihr habt angekündigt, dass “Information Age” eine neue Version von “Let’s Get Free” sein soll. Wie darf man das verstehen?
Stic.man: Der Vergleich zu “Let’s Get Free” kommt von den Themen, die wir darauf behandeln. Dieses Mal sprechen wir aber vor allem von Consciousness – in der Absicht, etwas zu verändern. Es geht um die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins: politisches, gesundheitliches oder spirituelles Bewusstsein. Das Wort Information setzt sich aus zwei Teilen zusammen – “in” und “Formation”. Die Soldaten müssen in Formation marschieren. Schlussendlich geht es auch wortwörtlich um das Alter. Viele beginnen während ihrer Jugend zu realisieren, mit was für einem Struggle ihre Eltern zu kämpfen hatten. Sie beginnen Dinge wie Religion und Schule zu hinterfragen und verstehen, was Geld anrichten kann. “Information Age” steht also für den Moment, in dem dir die Realität der Welt bewusst wird. Musikalisch ist das Album aber völlig anders als “Let’s Get Free” – es ist futuristischer Uptempo-Sound, sehr ravig und mit viel Energie.

Würdet ihr “Information Age” also als Weiterführung von “Let’s Get Free” bezeichnen, auf dem ihr ­euren Stil ja definiert habt?
Stic.man: Genau. Die Fans wollen ja immer, dass wir eine Fortsetzung von “Let’s Get Free” machen. Sie müssen aber erkennen, dass wir gewachsen sind und uns verändert haben. Ebenso wollen wir die Gegensätze im Leben aufzeigen. Wenn unsere ­Karriere ein Buch wäre, dann wäre “Let’s Get Free” nur das Inhaltsverzeichnis. Die Kapitel hingegen sind die Alben, die wir danach veröffentlichen – und jedes Kapitel ist anders. Es ist eine konstante Entwicklung.

Dieses Problem haben viele Künstler – haben sie einen Klassiker erschaffen, wollen die Fans oft nur eine Neuauflage davon.
Stic.man: Die Meinungen sind aber sehr individuell – es gibt viele Leute, denen “RBG” besser gefällt. Dieses Album hat eine ganz andere Zielgruppe angesprochen. Unsere Mix­tapes sprechen wiederum andere Leute an, und mit “Information Age” werden wir sowohl unser Kernpublikum wie auch neue Hörer ansprechen können. Wir wollen es uns nicht einfach machen, indem wir nur uns selbst kopieren. Wir versuchen uns immer wieder neu zu erfinden. Wenn du Angst davor hast, zu verlieren, wirst du auch nie etwas Größeres erschaffen.

Mit wem habt ihr für diesen ­futuristischen Sound gearbeitet?
Stic.man: Es sind verschiedene Produzenten beteiligt, aber für die Entwicklung dieses futuristischen Sounds haben wir vor allem eng mit Dirk Pate gearbeitet. Er ist ein neuer Produzent, der über eine klassische Ausbildung verfügt und in Denver lebt. Er ist ein brillanter Produzent, der die Richtung für den Sound des Albums vorgegeben hat. Wir wollten, dass das neue Album wie Filmmusik daherkommt. Die Leute sollten sich wie bei “Matrix” in die Zukunft versetzt fühlen. Dirk Pate hat es verstanden, dies musikalisch umzusetzen. Gleichzeitig hat er den Sound hart gehalten und so eine gute Balance reingebracht. Ich habe ebenfalls einige der Tracks produziert.

Wie unterscheidet sich die ­Herangehensweise an ein Mixtape wie “Pulse Of The People” zu der ­Arbeit an einem Album?
Stic.man: Wir stecken dieselbe ­Energie in die Mixtapes. Der Unterschied liegt in der Zeit, die wir dafür ­benötigen. Wenn wir ein Mixtape ­aufnehmen, geht es um das ­klassische HipHop-Ding – wir hören Beats und spitten einfach drauflos. Das ist die Essenz und wichtig für jeden MC, ­damit er in Form bleibt. Bei den Alben nehmen wir uns aber viel mehr Zeit. Es soll ein zusammenhängendes Bild entstehen, dafür arbeiten wir mit anderen Künstlern, holen uns Musiker für die Instrumentierung oder basteln an Skits, so dass sich schluss­endlich alles zusammenfügt. “Pulse Of The People” hatten wir in drei Tagen im Kasten, an “Information Age” ­arbeiten wir hingegen schon, seit “RBG” ­erschienen ist.

Ihr behandelt stets aktuelle ­Themen in eurer Musik. Woher bezieht ihr die Informationen dafür?
Stic.man: Ich lese sehr viele Bücher. Das ist aber nicht der einzige Weg, um an Informationen zu gelangen. Ich lese auch Fitness-Magazine, ich interessiere mich sehr für Vegetarismus, Ernährung, Gartenbau und solche Dinge. Mein Vater hatte “National Geographic” und mehrere Magazine über Gesundheit, Natur und Technik abonniert, die hat er mir dann immer weitergegeben. Ich lerne zudem viel durch die Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe und durch die Leute in meiner Community. Oder durch Menschen, die wir bei unseren Reisen um die Welt treffen und die uns mit Informationen versorgen. Wir sind beide Mitglied des “Uhuru Movement”, einer afrikanischen Sozial­organisation, von der wir politische Bildung beziehen. Wir haben an Kampagnen mitgearbeitet und setzen uns für politische Gefangene ein. ­Diese Aktionen halfen uns, Kapitalismus und Imperialismus zu verstehen, es wurde uns erklärt von Leuten, die seit den Sechzigern dagegen ankämpfen wie Fred Hampton Jr., Assata Shakur, Geronimo Pratt oder Afeni Shakur. Es gibt viele Menschen, mit denen wir Informationen austauschen können.

Die Finanzkrise hat einmal mehr gezeigt, dass der Kapitalismus in dieser Form versagt hat. Ihr habt schon immer gegen den ­Kapitalismus gekämpft. Habt ihr euch darüber gefreut, auch wenn nun viele Unschuldige darunter zu ­leiden haben?
M-1: Ich tanze auf dem Grab des ­Kapitalismus. Nicht dass die Leute denken, ich sei ein böser Zyniker. Ich bedauere es natürlich, wenn Menschen sterben müssen. Aber der Kapitalismus ist geboren, um zu scheitern. Kapitalismus wurde auf meinem schwarzen Hintern geboren. Ich meine das wortwörtlich, niemand hat so unter dem Kapitalismus gelitten wie die Afrikaner. Europa hat den guten Teil des Kapitalismus abbekommen, während Afrika nur die schlechten Seiten zu spüren bekam. Wenn du also von einem sterbenden System sprichst, hast du verflucht recht. Und die Leute wissen noch gar nicht, was alles auf sie zukommt. Sie verlieren ihre Häuser und ihre Jobs, aber das ist längst noch nicht alles.

Dennoch leiden die Menschen in eurer Community mehr unter der Krise als diejenigen, die schon vorher davon profitiert haben.
M-1: Nach dem Regen wird immer Sonnenschein kommen.
Stic.man: Wir befinden uns nun in einem neuen historischen Abschnitt, in dem die Leute verstehen, dass sie eine Gesellschaft und eine Wirtschaft wählen können, die für sie arbeitet. Zuvor hatten viele Leute das Gefühl, dass der Kapitalismus zwar nicht perfekt ist, aber immerhin das beste von all den unperfekten Systemen. Im Kapitalismus haben sie die Wahl, ob sie lieber einen Hamburger oder Chicken Wings essen wollen. Aber diese Wahl zu haben, muss nicht immer unbedingt das Beste für das Volk bedeuten. Nun ist es Pflicht der Regierung, dem Volk behilflich zu sein, damit das Individuum und die Communitys wieder mehr Macht bekommen. Die Regierung hat nicht die Pflicht, dafür zu sorgen, dass jeder einzelne Millionen verdient. Aber sie muss sicherstellen, dass jeder an der Wirtschaft teilhaben und davon profitieren kann, ohne dabei anderen Schaden zufügen zu müssen. Das ist die Pflicht der Regierung. Der Kapitalismus hat gezeigt, dass es nur um Profit geht. Es gibt auf der Welt jedoch auch Beispiele für ­Sozialismus, Kommunismus, ­Kommunalismus oder andere Systeme, die noch gar keinen Namen haben, in denen es um Liebe, Familie und die Gemeinschaft geht und wo man fair miteinander umgeht.

Welches System würdet ihr euch denn wünschen? Sozialismus und Kommunismus sind ja auch ­bereits gescheitert.
Stic.man: Ich würde nicht sagen, dass diese Ideen gescheitert sind – sie wurden nur nicht richtig umgesetzt. Es geht mir nicht um den Namen eines Systems. Ich meine, Karl Marx war ebenfalls ein rassis­tischer Motherfucker, was viele Leute nicht wissen. Schluss­endlich müssen die Menschen entscheiden. Ich weiß derzeit nur, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat. Und egal wie das neue ­System heißt, es muss einfach fair sein.

M-1, du warst vor kurzem in ­Palästina und hast die Situation dort mit derjenigen in deiner Community verglichen, da alle unter demselben Imperialismus zu leiden haben. Würdest du so weit gehen und sagen, dass weltweit alle armen Menschen mit denselben Problemen zu kämpfen haben?
M-1: Ja. Es wird ein Krieg gegen die Arbeiterklasse und die armen Leute geführt. Die ganze Welt ist infiziert vom Imperialismus. Die Gebäude in Gaza sehen aus, als ob sie abgebrannt oder bombardiert worden wären – genau wie in Brownsville. Es sieht nicht in allen Communitys so aus, aber alle sind ohne Zweifel dem Druck des Imperialismus ausgeliefert und müssen mit denselben Konsequenzen rechnen.
Denkst du, dass man eure Musik weltweit versteht, weil es überall ähnliche Probleme gibt?
M-1: Klar. Überall herrscht Krieg. Aber die Elite versucht sicherzustellen, dass die Leute das vergessen. Die Mittel- und Oberschicht ist zufrieden, wenn sie den Fernseher einschalten kann und nicht an die Probleme denken muss. Aber an einem Ort wie Brooklyn kann das nicht passieren, die Probleme verfolgen dich bis in dein eigenes Haus. Wenn man den Imperialismus ignoriert, wird man zu seinem stillen Partner. Aber wenn du dir bewusst bist, dass wir attackiert werden, dann fühlst dich unbehaglich, selbst wenn du Millionen auf dem Konto hast. Man denkt immer noch: “Verdammt, alles ist im Arsch.”

Ihr habt am “Untitled”-­Album von Nas mitgewirkt, das politische und soziale Themen ansprach und gleichzeitig ein kommerzieller Erfolg war. Wie wichtig ist es, dass ­solche Inhalte auch von einem breiten ­Publikum wahrgenommen werden?
Stic.man: Es gibt keinen Künstler, der mit seiner Musik nicht so viele ­Menschen wie möglich erreichen möchte. Ich denke, es ist wichtig, dass Künstler, die kommerzielles ­Potenzial haben, diese Macht auch nutzen. Hingegen müssen die Künstler, die etwas zu sagen haben, aber nicht über kommerzielles Potenzial verfügen, daran arbeiten, mehr Leute zu erreichen, ohne ihre Message zu opfern.

Neben der Musik sind von euch auch schon Bücher erschienen. Ist es euch wichtig, alle möglichen Kanäle zu nutzen, um eure Message zu den Leuten zu bringen?
Stic.man: Das Buch “The Art Of Emcee-ing” dreht sich eher um das Leben als Rapper. Wir wollen uns definitiv nicht auf die Musik limitieren lassen. Ich will das Handwerk eines MCs auch für den Bereich des Schreibens und der Kommunikation nutzen. Mich interessieren auch viele andere Aspekte des Business’ – ich bin Geschäftsführer der Online-Firma Boss Up (bossupbu.com). Ich denke, es ist wichtig, finanziell unabhängig zu sein, speziell wenn man eine Message hat. Denn oftmals betteln die Leute nach Geld, um ihr Movement zu finanzieren. Ich hingegen werde immer verschiedene Dinge neben der Musik machen, um nicht zu abhängig davon zu sein.

Man hört ja immer wieder von ­einer sogenannten “HipHop ­Police”. Denkt ihr, dass ihr aufgrund eurer Texte überwacht werdet?
Stic.man: Wenn du mich fragst, ob es eine von der Regierung finanzierte, auf CIA-Ebene agierende Kraft gibt, die versucht, HipHop-Musik zu unterdrücken, lautet die Antwort definitiv: Ja! Das ist ein Fakt. Diese Kraft agiert auch international. Wir waren eben erst in London. In England gibt es das “696-Formular”. Die Regierung zwingt die Veranstalter, dieses Formular auszufüllen – aber nur die Veranstalter von HipHop-Konzerten! Sie müssen Fragen zu den Künstlern beantworten und deren bürgerliche Namen und Adresse angeben, außerdem demografische Fragen über die Besucher. Schlussendlich werden die Events auch von der Regierung überwacht. Das ist eine klare Diskriminierung von HipHop. Aber das ist nur ein Beispiel für die speziellen Abteilungen bei der Polizei, die nur dafür geschaffen wurden, um die Rechte der HipHopper unter dem Vorwand der Sicherheit einzuschränken. Was sie wirklich wollen, ist Kontrolle über die Bevölkerung. Sie wissen, dass HipHop das Potenzial dazu hat, eine organisierte Widerstandskraft zu sein.

Eure Texte sollen also die Hörer zum Widerstand bewegen?
Stic.man: Die Texte sind nur ein Teil der Revolution. In der Revolution geht es um Macht. Auch wenn du nur ein revolutionäres Wort von dir gibst, aber in der richtigen Position bist, kannst du Millionen von Menschen erreichen.

Wenn also 50 Cent einmal in ­seinem Leben etwas Revolutionäres sagt, hat es mehr Gewicht als all eure Texte zusammen?
Stic.man: Es geht nicht darum, was wichtiger ist. Der Auftrag der Regierung ist es, jede potenzielle Gefahr zu unterdrücken. Ich will damit nicht sagen, dass 50 Cent ein Revolutionär ist, aber er ist in einer Machtposition. Oftmals verstehen so genannte Revolutionäre nicht, dass es bei der Revolution darum geht, sich in eine Machtposition zu versetzen. Es nützt nichts, sich nur bei den Mächtigen zu beschweren, gegen sie zu protestieren und sie zu bekämpfen. Man muss versuchen, selbst an die Macht zu gelangen. HipHop ist ein weltweites Phänomen, mit dem man unglaublich viele Leute erreichen kann. Viele revolutionäre Organisationen in den USA haben nicht die Möglichkeit, nach Europa zu fliegen und in verschiedenen Städten Halt zu machen. Sie müssten dafür zuerst Geld auftreiben, während HipHop die Möglichkeit bietet, Geld zu verdienen, die Leute zu erreichen, mit verschiedenen Nationalitäten in Kontakt zu kommen und eine Message zu verbreiten. Das macht HipHop revolutionär, auch wenn die HipHopper selbst das oft nicht erkennen. Die Regierung hingegen hat das längst begriffen.

Habt ihr deshalb früher bei Major-Plattenfirmen veröffentlicht, um deren Macht zu nutzen?
Stic.man: Es ist ein Mittel zum Zweck. Man nutzt die Plattform und die Maschinerie für die eigenen Interessen, aber man arbeitet nicht mit dieser Maschinerie zusammen. Viele verstehen das nicht. Es gibt Künstler, die revolutionäre Ziele vorgeben, aber nur reich und berühmt werden wollen. Dann gibt es Künstler, die vorgeben, nur reich und berühmt werden zu wollen, tief in ihrem Herzen aber zu einem revolutionären Schritt bereit wären. Schau dir Muhammed Ali an. Als er in der besten Position in seiner Karriere war und Millionen verdient hat, entschied er sich dazu, gegen den Krieg und die Regierung Stellung zu beziehen. Das hat ihn seinen Titel und viel Geld gekostet.

Text: Fabian Merlo
Fotos: Lukas Mäder

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