Chance The Rapper – The Big Day // Review

Chance The Rapper liefert ein langes und überladenes Album, dass der gewohnten Progressivität seiner Mixtapes nicht standhält.

(Chance The Rapper)

Wertung: Drei Kronen

Wer hätte gedacht, dass Chance The Rapper am Ende ausgerechnet an seiner Halbherzigkeit scheitern würde? Mit drei für manche nervigen, aber unbestritten kühnen Mixtapes hat er sich als Visionär etabliert, stets in Bewegung zwischen Sounds ebenso wie Underground und Mainstream. Dass er nun endlich sein definitives Statement in Form eines Debütalbums vorlegen möchte, passt zu seinem Szene- ebenso wie Bezieh­ungsstatus – Letzterer stellt in Form einer Hochzeit den Rahmen zu »The Big Day«. Chance will trotz allem hungrig wirken, kämpft sich über 77 Minuten durch Gospel, Juke, Pop, Rock, Funk, Soul, evaluiert seine Vergangenheit und die Rolle als Familienvater, verpflichtet Weggefährten, Rookies, Exoten und versucht, bei all dem die Lockerheit nicht zu verlieren. Dabei mangelt es an ganz anderer Stelle: Nicht nur ist das Album zu lang, es will sich auch nicht zwischen aufregender Wunderkammer und schlüssiger Erzählung entscheiden, wodurch die fehlende Qualität etlicher Stücke noch schwerer ins Gewicht fällt. Das locker gemeinte »Hot Shower« bleibt blasse Skizze, der Krach-Freak-Out in der pastoralen Langeweile des Titeltracks peinlicher Versuch, das knappe Feature der weirden CocoRosie im sonst dichten »Roo« eine Ablenkung. Etliche Beats wirken wie stereotype Stellvertreter für Stile, die noch auf »The Big Day« landen sollten, für deren Vollversionen aber Zeit, Geld oder Ideen fehlten. Leider macht auch Chance als Protagonist keine gute Figur, weder lyrisch noch technisch oder melodisch. Bisweilen rauschen ganze Parts vorbei, und erst die Gäste zeigen, was möglich gewesen wäre, wie eine eruptive Megan Thee Stallion in »Handsome«, oder die Indie-Meister Death Cab For Cutie, deren Hook zu »Do You Remember« all den Kitsch logisch erscheinen lässt, der in Chances salbungsvollen Macklemore-Flow-Verses sauer aufstößt. Wirklich aufhorchen lässt erst das nüchterne »Sun Come Down«, in dem schon mal quasi-testamentarisch die Angelegenheiten des Rappers geregelt werden. So schlimm ist es noch nicht, aber Chance muss aufpassen, nicht zu einem ehedem spannenden Gimmick-Rapper zu werden.

Text: Sebastian Berlich

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