Beatbox – Panorama auf die deutsche Beat-Szene // Kolumne

Man hört nicht erst seit Drakes und Kanyes vielbeachteten Shuffle-Moves bei »More Life« und »TLOP«, dass das Albumformat im Sterben liegen soll. Der wachsenden Popularität des Streamings sei Dank, würde sich der einstmals angeblich kohärente Musikkonsum langsam, aber bestimmt immer mehr in einer augenscheinlich zusammenhangslosen Playlist auflösen; eine, in der nur noch Lieblingstracks, aber weder Konzepte, noch gar erzählerische Dramaturgie Platz fänden – all killer, no filler. Und gerade die internationale Beat-Szene scheint von dieser Entwicklung zu profitieren, wenn augenscheinliche Nischenkünstler ein geschmeidig geflipptes Instrumental in einer prominenten Playlist platzieren können. Das wirft aber gleich die Frage auf: Sind Beattapes überhaupt wie klassischen Konzeptalben aufgebaut?

Der Grandmaster der Sample-Nerderei Alchemist hatte bereits Mitte Dezember mit seiner zweiteiligen »French Blend«-Reihe den konzeptionellen Ansatz des Beat-Albums ad absurdum geführt. Insgesamt 21 Blends, Loops, Edits und für ALC typischen No-Drum-Beats verhackstückte der sympathische Musikmaschinist ausschließlich mit seinem frankophonen Sample-Sammelsurium, das sich, gemäß seiner nach wie vor idealistischen MPC-Handhabe, vor allem auf organisches Fundament stützt – ähnliche wie vorangegangene Projekte »Israeli Salad« oder »Russian Roulette«. Anstatt Ziehharmonikaklischees in die Pattern zu quetschen, summiert ALC psychedelische Obscuritas, handverlesene Chanson-Flips und seichte Funk-Loops aus der Grande Nation. Das ist speziell, intensiv, und vor allem kurzweilig, funktioniert aber aufgrund der monothematischen Samplewahl wie ein Konzept.

Die größte Absurdität hat unterdessen Smoke Trees in eine Beat-Wiedergabe­liste getragen. Sein instrumentaler Rechtswisch-Soundtrack »Best Of Tinder-Dates« folgt tatsächlich dem Konzept, den Eindruck seiner jeweiligen Internetbe­kanntschaften nach dem ersten gemeinsamen Treffen zusammenzufassen. Das ist manchmal träumerisch-jazzig wie der Fingerschnips-Break »Date 4: Fatou«, manchmal intim-dezenter Synthsoul wie »Date 6: Anna«. Überhaupt werden hier Samples- und Synthie-Synkopen gleichberechtigt auf die stets eher rudimentären Drumsets kombiniert, was »Best Of Tinder-­Dates« einen unaufgeregt musikalischen Appeal verleiht, den auch J.Dilla begrüßt hätte.

Das Beat-Album funktioniert also auch wie seine besungenen und berappten Verwandten, über erzählerische Konzepte durch ­Sample- oder gar Titelwahl, wenngleich derartige Stränge im instrumentalen Rahmen natürlich begrenzt und meist eher subtil verlaufen. Oft ist es eine Stimmung oder Atmosphäre, die durch Akkorde, Songzitate oder eben der Kompositionsdynamik erst zu einem Kontext werden.

Das Producerteam Symbiz wählt unterdessen für ihre »Broken Chinese EP 1« eine andere, weitaus eindeutigere Variante. Ihre fünf Dancefloor-lastigen Trap-Rave-Abfahrten sind zwar spielerisch, detailliert und bewusst chaotisch bis unberechenbar arrangiert, werden allerdings zusammengehalten durch das Voicing von Zhi MC. Mit mal technisch-versierten Pferdelungen-Pattern, mal effektreichen Halbsatz-Flows, hangelt sich der Berliner ausgerechnet auf Kantonesisch über die wahnwitzigen Viervierteltakte, die gleichermaßen inspiriert sind von den jamaikanischen Soundsystemen und der britischen Rave-Kultur. Das verleiht dem Ganzen einen internationalen Appeal und – im Vergleich zu ihrem Album »Airport Accent« – deutlich tanzbarere Nuancen, deren Universalausdrucksform bedeutet: Party! Nennt es Leuchtreklamen-Trap.

Sinngemäß fungiert ein Beat-Tape wie eine Werkschau, kann für sich genommen also nur eklektisch und zusammenhangslos gesehen werden. Kutmah, der kalifornische Wahl-Berliner, balanciert auf seinem »Masha Beat Tape« entsprechend wahllos durch die Genres: Reggae-, Folk-, Funk- oder Film-Samples, die sich in bewussten Lo-Fi-Drums skizzenhaft und charmant unfertig zu einer Collage der Zwischenräume summiert. Das Ninja-­Tune-Signing aus Los Angeles ist dennoch hörbar Kind von Neunziger-HipHop-Größen, was ihm mit scheuklappenfreien Crate-Digging vor allem hilft, seine Rap-lastigen Arrangements in einen atmosphärischen Mikrokosmos zu konvertieren – ein auditives Über-die-­Schulter-Gucken und ein Beweis dafür, dass auch die alleinige Arrangementform, wie hier das Bedroom-Producer-Demo, ein Konzept sein kann.

Der Kölner Sleepy Mane 666  hat sich ebenfalls für die Release-Bezeichnung »Tape« entschieden und sich ähnlich positioniert wie Kutmah. Auch »WOKE« wirkt erst durch seine technische Programmierung und die Soundauswahl kohärent, weniger durch ein artifiziell erdachtes Konzept wie Alchemists »French Blend«. Sleepy konzentriert sich allerdings nicht auf die Eastcoast-Schule der Neunziger, sondern bedient sich Stil- und Produktionselementen des Memphis-Untergrunds dieser Dekade, aber auch des Clams Casino’esken Cloudsounds der frühen Zehnerjahre. Die verbindende Basement-­Affinität beider Sozialisationen funktioniert dennoch überzeugend gut, wenn er esoterische Elektro-Pop-Samples mit beklemmender Friedhofklaviatur fusioniert und eine Art Prototyp des Ambient-Phonk vorlegt.

Ob instrumentale Releases von dem angeblichen Tod des Albums betroffen sind, lässt sich abschließend nicht direkt sagen. Die Demo-Diversität mancher Beat-Tapes haben die Instrumental-LP von je her nicht diesen Strukturen unterordnen müssen – oftmals lassen sich Instrumentals nur über ihren Entstehungsort oder ihre technische Zusammensetzung kontextualisieren. Doch genau dann, wenn Producer sich entschließen, diese Vorgänge offenzulegen, – wie etwa bei »Best Of Tinder-Dates« – erhebt sich das augenscheinlich formlose Bummtschack-Sammelsurium zu einer ausformulierten Geschichte.

Diese Kolumne erschein erstmals in JUICE #185. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here