»Es gibt Momente, in denen du einfach nur ausflippst, weil du nicht fassen kannst, wie großartig das Leben gerade zu dir ist.« // B.o.B. im Interview

Die Kollegen von der »XXL« ernannten B.o.B. ­zusammen mit Asher Roth, Kid Cudi und Wale zur »HipHop Class Of ’09«. Einen Haufen Mixtapes, Testimonials und einen ­waschechten Nummer-eins-Hit später bringt er nun sein Debütalbum »The ­Adventures Of Bobby Ray« über Grand Hustle heraus. Neben ­Gitarre und Klavier beherrscht er seit kurzem auch das Cello, versucht den Spagat zwischen Futura-Blazer und Cowboyhut, zwischen Sweet-Sixteen-Feiern und einer Tätigkeit als Labelboss, der für einen kleinen Krieg aufrüstet. Da Turnübungen in engen Spandex besser von der Hand gehen als in Baggy-Jeans, könnte ihm das sogar gelingen.

Was sind deine Kindheitserinnerungen an ­Atlanta?
Vor allem das alljährliche »Freaknic«. Zu dieser Zeit lag jedes Jahr eine ganz besondere Spannung in der Luft. Jeder war aufgeregt, alle drehten langsam aber sicher durch. Die besonderen Zutaten waren eigentlich nur hübsche Mädels, jede Menge Alkohol, laute Musik, freshe Klamotten – und schon kam es zum Ausnahmezustand. Wie ein schwarzer Spring Break. Irgendwann hat es aufgehört, da es zu verrückt wurde. Es gab zu viel Gewalt. Frauen wurden vergewaltigt, in den Straßen war kein Durchkommen mehr, die Hydranten wurden geöffnet, es kam zu Überschwemmungen, überall waren tanzende Menschen. Es war wirklich das Verrückteste, was ich je erlebt habe. Ich war noch sehr jung. Ich weiß bis heute nicht, wie sie es stoppen konnten. Auf einmal kamen weniger Menschen nach Atlanta und es gab es keine Partys mehr.

Atlanta bekommt in den letzten Jahren ­trotzdem sehr viel Zuwachs gerade aus der Unterhaltungsindustrie.
Atlanta ist eine der wenigen Großstädte mit schwarzen Suburbs und einer starken schwarzen Mittelschicht. Außerdem ist Atlanta sehr reich an kulturellen Einrichtungen, ich nenne das immer »New Age Black Culture«. Es gibt mittlerweile ganze Stadtteile, die man fast als »Black Hollywood« bezeichnen könnte, wenn man bedenkt, wer dort alles ein Haus stehen hat. Zur Zeit ist es richtiges Musikmekka mit unzähligen Kanälen, die man nutzen kann. Ein ganz besonderer Vibe, von dem man sich inspirieren lassen kann.

Wie würdest du die Musikszene beschreiben?
Sie ist extrem vielseitig. Atlanta hat eine enorm große Radiolandschaft und zahlreiche Sender, die unterschiedliche lokale Musik spielen. Das hilft dem Untergrund und jungen Künstlern, sich zu ent­wickeln und zu schauen, wie die Öffentlichkeit auf die eigene Musik reagiert. Jetzt, wo der Süden im HipHop anerkannt ist, sind die Radiostationen selbstbewusster geworden und haben eine eigene Stimme. Der Underground tobt gerade, da geht es richtig krank ab. Man mischt alles: OldSchool-­HipHop, Down South, Techno, New York-Style, Blues, Rock, wirklich alles. In den Staaten hast du ja in fast jeder großen Stadt lokale Phänomene. In D.C. gibt es Go-Go, in der Bay Area gibt es Hyphy…

Hat Atlanta denn auch so eine eigene lokale Szene?
Die entwickelt sich gerade. Es gibt sehr viele talentierte und ehrgeizige Künstler, es wird auch wieder mehr Wert auf Lyricism gelegt, was ich extrem befürworte. Ich weiß aber nicht, ob sich eine eigenständige Musikform entwickeln wird, da sich in anderen Städten Ähnliches tut und die ganze Welt durch Radio und Internet näher zueinander findet.

Dein Mixtape »May 25th« bezieht sich ja ­bekanntlich auf das ursprünglich geplante ­Releasedate deines Debütalbums.
Ja, aber die Reaktionen auf die Single »Nothin’ On You« waren so überwältigend, dass alles außer Kontrolle geriet und wir uns darauf einigten, das ­Releasedate auf den 27. April vorzuverlegen.

In dem Track »Fuck The Money« sprichst du über die negativen Seiten des Ruhms.
Ja, das Spiel hat eben sowohl negative als auch positive Seiten. Es gibt Momente, in denen du einfach nur ausflippst, weil du nicht fassen kannst, wie großartig das Leben gerade zu dir ist. Ich erinnere mich noch an den Auftritt während der »The Great Hangover Tour« mit Kid Cudi und Asher Roth im The Tabernacle, einer großen Konzerthalle in Atlanta mit Platz für über 4.000 Menschen. Der Laden war komplett ausverkauft. Als ich »I’ll Be In The Sky« spielte, hat das ganze Publikum mitgesungen. ­Diese Momente vergisst du nicht. Gleichzeitig wird man ständig enttäuscht, belogen, hintergangen und ­betrogen.

Würdest du denn wirklich aufhören, sobald du genügend Geld verdient hast?
Nein. Als ich den Text schrieb, war ich extrem ­genervt und verbittert. Das musste ich einfach loswerden, außerdem gab der Beat und das Vocal-Sample das Thema ein wenig vor. Ich muss mich daran gewöhnen, dass das Gute nur neben dem Schlechten existieren kann. Man muss verhasste Dinge tun, um das zu bekommen, was man sich wünscht. Letztlich hat mich gerade all der Frust an den Punkt gebracht, an dem ich jetzt angelangt bin. Es geht immer weiter.

Auf dem Mixtape benutzt du einen Mobb Deep-Beat, genau wie Down South-Beats und ­poppige Elemente. Wird das Album die gleiche Richtung verfolgen?
Ja. Ich finde, dass das Album nach mir klingt. Jemand, der sich mit meiner Musik bis jetzt beschäftigt hat, wird sehen, dass ich alle meine Einflüsse verarbeitet habe. Ich mache Musik, die du im Auto hörst, während du die Küste entlang fährst. Neben dir sitzt deine Freundin, und am Himmel zeichnet sich der Sonnenuntergang ab. Diese Musik liebe ich, das ist mein Lieblingsstyle. Ich mag auch ruffe Sachen, so ist es nicht. Mittlerweile bin ich in der Lage, harte Tracks zu produzieren und empfinde das auch als besondere Herausforderung. Popsongs zu schreiben ist ebenfalls schwer, wenn man einen gewissen Anspruch hat und versucht, catchy zu klingen, ohne kitschig zu werden.

Auf die Frage, was du am meisten hasst, war die Steuererklärung deine Antwort. Drake hat in »Goin’ In 4 Life« die Line: »Cash only, ­transactions homie, and please no receipts the feds like to explore those«. Wie gehst du an die ­Sache heran?
(lacht) Ich sammle jetzt alle Rechnungen und Belege. Am Ende kriegen sie dich ja doch. Das muss einfach sein. Trotzdem ist es die nervigste Sache, die es für mich gibt. Ich hasse es. Aber man sollte sich nie mit dem Finanzamt anlegen. Die haben schon so viele erwischt, davon sollte man die Finger lassen.

Wer hat alles für dein Album produziert?
T.I. und ich haben zusammen produziert, dann noch Little C von Grand Hustle, er hat »Rubber Band« von Young Dro produziert. Wir drei haben hauptsächlich zu dritt an den Beats gesessen. Dr. Luke hat auch ­etwas beigesteuert. Er gehört zu den besten Pop-­Produzenten, die wir im Moment haben. Er hat ´»I Kissed A Girl« von Katy Perry geschrieben und unzählige andere Hits gehabt. Das Team bei Grand ­Hustle und Rebel Rock weiß genau, was mein Style ist, aber man lässt mir auch genügend Freiheit.

Wie war die Situation für dich, als dein Labelboss T.I. im Gefängnis saß?
In der Zeit hatten wir wenig Kontakt, da er niemanden sehen wollte und keinen Besuch empfing. Ich hab ihm ein Buch geschickt: »Conversations With God« von Donald Walsch. Meiner Meinung nach ein sehr gutes Buch, das gar nicht so religiös ist, wie der Titel vermuten lässt, sondern sich einfach mit dem Leben an sich beschäftigt. Er mochte das Buch. Als er dann frei kam, gingen wir sofort ins Studio. In dieser Zeit sind auch die Tracks entstanden, die es auf das Album geschafft haben.

Du bist dieses Jahr für das Splash!-Festival ­gebucht. Freust du dich?
Auf jeden Fall, ich habe bis jetzt nur Gutes darüber ­gehört. Wenn das Wetter stimmt, wird es sicher großartig. Im Sommer werde ich eine neue Show konzipiert haben und kann endlich mit den Songs vom Album touren, da freue ich mich ganz besonders drauf.

Text: Ndilyo Nimindé

 

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