Antihelden – Kein Happy End // Review

 

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(Flavamatic/rough trade)

Wertung: Viereinhalb Kronen

Eigentlich wäre das hier der perfekte Kandidat für ein “Battle Of The Ear” gewesen. Doch manchmal sind die vermeintlichen Generationengräben gar nicht so tief, wie man glauben könnte. Denn auf ein erstes, stichpunktartiges Herumfragen im Autorenkreis fand sich kein einziger überheblicher Youngster, der bereit gewesen wäre, das Langspielwerk der beiden Ü30-Rapper wegen akuter ­Retroitis verbal in die Tonne zu kloppen. Der Tenor war vielmehr: Passt doch. Vielleicht ist es ja doch keine ganz so eindeutige Frage der Sozialisation. Vielleicht passt ein Album wie “Kein Happy End” auch perfekt in eine Zeit, in der deutscher HipHop dermaßen durchkommerzialisiert wurde, dass man Echtheit und Spontaneität der kalkulierten Berechnung wieder vorzieht. Inzwischen ist ohnehin jeder Forumuser ein verhinderter A&R, jeder Community-Blogger ein verhinderter Rapper und jeder Vogel mit gefaketem Sido-Twitter-Account gleich ein Risikoforscher in Sachen Web 2.0. Abroo und Q hingegen bringen die Essenz zurück – und man merkt schon, wie ihre Musik das Heraufbeschwören solcher Gemeinplätze fördert, weil sie so unironisch und leidenschaftlich ist, dass man den beiden umgehend das Advanced Chemistry-Verdienstkreuz verleihen möchte. “Kein Happy End” ist Musik, die so klingt wie der Sound, den die Antihelden seit ihrer Jugend in den Neunzigern pumpen – und dies auch heute noch ausgiebig tun. Während der überwiegend von Mortis One, MecsTreem und den Snowgoons gezeichnete, zwischen schranzigem Non Phixion-Sound und ­orchestralem Jedi Mind Tricks-BoomBap pendelnde Soundteppich also ausschließlich Altbewährtes verspricht, so ist die inhaltliche Herangehensweise das klare Alleinstellungsmerkmal der Antihelden. Entgegen aller vermeintlichen Rap-Gesetze stellen sie sich nicht als unbesiegbare Battle-Tyrannen respektive Mobster-Paten dar, sondern zeigen sich so fehlerbehaftet und verletzlich, wie sie als Erdenmenschen eben sind, und stehen zu ihren nachvollziehbaren Schwächen wie Suchtverhalten und Vergangenheitsverklärung. Wenn sie dann an der Seite von Kamp kunstvoll ihre Ex-Freundinnen beleidigen oder zusammen mit Morlockk Dilemma über die “Glühbirnengesellschaft” philosophieren, dann changieren diese Stücke grundsympathisch zwischen Stammtisch und Clubtresen, zwischen Sozialamt und Agentur-Freelancertum, zwischen Jägermeister und Designerdrogen – und sind damit am Ende vielleicht doch näher am Zeitgeist, als es jedes Ke$ha-Album je sein wird. Mir macht’s jedenfalls Spaß. Aber ich bin ja auch schon über 30.

 

Text: Stephan Szillus

 

 

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