Amar – Erst Straße dann Rap // Review

(Chapter One / Universal)

Wertung: Drei Kronen

Immer wieder diskutiert man am Rapstamm­tisch über jene Rapper, die HipHop noch dieses eine herausragende Album schulden, weil sie das Potenzial besitzen und aus ihrem ewigen Talent nie alles rausgeholt haben. Ex-Optik-Army-Member Amar ist so ein Fall. Auf dem Papier sammelt der Mühlheimer Topwertungen für Stimmeinsatz, hat auch im fortgeschrittenen Technikkurs aufgepasst und einen Werdegang samt Knast­aufenthalt und Beckenbruch, der der Stoff ist, von dem Straßenrapper träumen. Vier Jahre nach dem Halbalbum »Amargeddon 2010« hat Amar für »Erst Straße, dann Rap« aus den Ge­schichten und Bekanntschaften geschöpft, die er über die Jahre erlebt hat. Er hat mit Savas, Azad, MoTrip und anderen alles aus diesem Album herausgeholt, was möglich ist. Er hat sich auf zeitgenössische Beats voller Trap-Elemente eingelassen. Und damit beendet er die Stammtischdiskussion ein für alle Mal selbst, denn dieses Album ist das neuste Beispiel für ein absolut mittelmäßiges Straßenalbum. Klar ist Amars Intonation immer noch so lässig und gleichzeitig so herablassend, als wäre er der deutsche Pusha T. Aber es fehlt ihm an der lyri­schen Finesse, die ein Album braucht. Nach­dem die ersten Brecher (»ESDR«) verkraftet sind, verfliegt das Lächeln, das Album flacht ab und wird wegen ideenlosem Autotune-Einsatz in manchen Momenten sogar schlichtweg nervig (»50/50«). Authentisch wirkt das alles trotzdem, und darüber, ob Zeilen wie »Denn noch immer weiß niemand nix über euch als wärt ihr Lettland« peinlich oder lustig sind, kann man streiten, aber »Erst Straße, dann Rap« ist zu lang, zu austauschbar, zu eintönig. Erst gegen Ende kommen noch einmal diese düsteren Songs wie das autobiografische »Aus meiner Brust« auf einem verloren wirkenden Pianobeat rein, und man erinnert sich, was Amar-Songs sein können. Man hört diesem so vielseitig talentierten Amar eigentlich gerne zu, möchte von ihm dieses eine Album haben. Aber seine Redezeit hat er nicht genutzt, und jetzt ist sie abgelaufen.

Text: Arne Lehrke

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