»Ich will schlicht und einfach darauf aufmerksam machen, dass es ­keine Option sein darf, sich aus der ­Politik rauszuhalten.« //Aloe Blacc im Interview

 

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Vor vier Jahren sorgte Aloe Blacc mit seinem sensationell vielseitigen Solodebüt »Shine Through« dies- und jenseits des Atlantiks für offene Münder. Auf dem ­Nachfolger »Good Things« wandelt der ­ehemalige MC des Underground-Duos Emanon nun ­unüberhörbar auf den Spuren von ­Marvin Gaye und Otis Redding. Und liefert damit ­einen ­weiteren ­unschlagbaren Beweis für seine künstlerische Unabhängigkeit ab.

 

»Meine Musik steht zuallererst für positiven sozialen Wandel«, erklärt Aloe Blacc unmissverständlich. Moderner, zeitloser Soul, der den Verstand genau so schnell erreicht wie das Herz, vorgetragen mit der Schärfe eines jahrelang an HipHop geschulten Geistes. Dieser Mann hat uns etwas zu mitzuteilen. Dass er sich dazu eher traditionellen Ausdrucksformen bedient, ist, auch wenn sich darauf eine seitenlange Abhandlung über die Rückkehr des klassischen Soul in die populäre Musik aufbauen ließe, nicht mehr als eine Momentaufnahme. Sein Interesse gilt nach wie vor keinem bestimmten Musikstil. Neben »Good Things« hat er in den vier Jahren seit »Shine Through« an zahlreichen weiteren Projekten gearbeitet: Ein neues Emanon-Album, ein Acapella-Album, ein Indierock-Album, ein weiteres Projekt im »Nat King Cole-Style« sowie eine Zusammenarbeit auf Albumlänge mit der australischen Rapperin Maya Jupiter. Wann wir in den Genuss all dieser Aufnahmen kommen werden, steht derzeit noch nicht fest. »Ich habe auch noch ein weiteres Album mit dem Titel ‘Change Your Mind’ aufgenommen und es Stones Throw angeboten, doch sie hatten daran leider kein Interesse. Aber das macht nichts. Ich werde jetzt erst einmal abwarten, wie ‘Good Things’ ankommt und erst dann endgültig entscheiden, wann ich all diese Musik herausbringe.« Kurzum: Die letzten vier Jahre war Aloe Blacc nicht untätig. Dennoch war die Zeit seit “Shine Through” für das Allround-Talent alles andere als einfach. Trotz der unüberhörbaren Qualitäten war für sein Debüt nicht viel mehr als ein Achtungserfolg drin. »Für mich ist es daher extrem wichtig, dass dieses Album ein Erfolg wird«, gibt er offen zu.


Ein guter Anfang war in dieser Hinsicht schon mal der Song »I Need A ­Dollar«, mit dem er einen unerwarteten Hit landete, vor allem dank des TV-Senders HBO: »Die hatten bei Stones Throw wegen möglicher Theme-Songs für die Serie ‘How To Make It In America’ angefragt und sich dann für meine Nummer entschieden. Für mich war das eine riesige Überraschung, denn ich finde die Serie sehr gut. Sie zeichnet ein realistisches Bild davon, wie junge Menschen heute in den USA leben, ihr Business organisieren und ihre Träume verwirklichen.« Mehr als zwei Millionen YouTube-Auf­rufe sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie 60.000 Downloads im iTunes Store. So avancierte der Song binnen weniger Wochen zur erfolgreichsten Single in der Geschichte des Labels. Und das soll erst der Anfang sein. »Viele meiner Projekte sind sehr speziell und sprechen nicht unbedingt einen großen Hörerkreis an. Wenn ich mit ‘Good Things’ neue Fans gewonnen habe, dann werden sie sich hoffentlich auch mehr für meine etwas ausgefalleneren Ideen interessieren.«

 

Eine Rechnung, die aufgehen könnte. Schon »Shine Through« war Aloe Blacc seiner Zeit ein paar Jahre voraus. Die unkonventionelle Mixtur aus Hip­Hop-, Dancehall-, Soul-, Blues-, Latin- und Merengue-Elementen würde heute vermutlich den richtigen Nerv treffen, damals konnten sich leider nur wenige HipHop-Nerds dafür begeistern. Diesmal legte Aloe die ­Produktion ­vertrauensvoll in die Hände des Inhouse-Produktionsteams von Truth & Soul Records, Leon ­Michels und Jeff Silverman, die u.a. durch ihre Remixe für Amy Winehouse oder ­Dinah ­Wa­shington sowie ihre Arbeit mit Adele von sich reden gemacht haben. »Wir haben das Album in drei Wochen eingespielt. Die beiden haben die Platte nicht nur produziert, sondern mich auch maßgeblich beim Songwriting unterstützt. Ihre Aufnahmen zeichnen sich alle durch diesen satten Siebziger-Jahre-Klang aus. Das bekommt kaum jemand besser hin als sie.«

 

Auf inhaltlicher Ebene hat der Mann aus Orange County den Fokus seiner Beobachtungen deutlich verschoben, weg von den persönlichen, introspektiven Betrachtungen seines Debüts hin zu politischen Statements. Mit platter Agitation hat das Ergebnis dennoch nichts zu tun. »Die Rezession und die Finanzkrise, die die ganze Welt erschüttert hat, waren für mich der Auslöser, grundlegend über ein paar Dinge nachzudenken. Gerade Menschen, die Macht ausüben, missbrauchen diese in der Regel. Und das führt zu einer unglaublichen Gleichgültigkeit bei vielen Menschen gegenüber politischen Entscheidungsträgern. Ich will schlicht und einfach darauf aufmerksam machen, dass es ­keine Option sein darf, sich aus der ­Politik rauszuhalten.«

Klassische Soulmusik eignete sich schon immer als Transportmittel für politische und soziale Botschaften. »Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, Soul sei die perfekte Protestmusik. Es kommt einfach darauf an, dass man etwas gegen die grassierende Gleichgültigkeit unternimmt – egal, in welchem Genre. Mann muss die Leute dazu bringen, dass sie sich in irgendeiner Form engagieren.”«

 

Text: Norbert Schiegl

 

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