070 Shake – Glitter // EP der Ausgabe


(G.O.O.D. Music / Def Jam)

Mit den Worten »We have to talk to people about real shit« kündigte 070 Shake ihr G.O.O.D.-Music-Debüt an und nahm dabei vorweg, was »Glitter« beinhaltet. »I Laugh When I’m With My Friends But Sad When I’m Alone« ist keine Textzeile, sondern der sperrige Titel des Openers, der Shakes 22-minütigen Seelenstriptease einleitet. Drogen, selbstzerstörerische Attitüde, innere Zerrissenheit – es passiert alles auf einmal. Diese kompromisslose Ehrlichkeit schüchtert ein, genauso wie ihre fast beängstigende Reife, mit denen sie brutal intime Gedankengänge in Zeilen packt: »Everytime you blink, every time you blink/The darkness is around/Roaming through the streets, lonely as can be«. Spätestens mit »Somebody Like Me« aber hat Shake mit ihrer Stimme alles und jeden im sanften Würgegriff, aus dem man sich nur schwer befreien kann. Ihre Depressionen haut sie dem Hörer weniger plakativ ins Gedächtnis als die Emo-Rap-Generation um Lil Peep, ihre Ego-Abhandlungen sind ungemein ehrlich und reflektiert, aber nicht weniger brachial: »I break the mirrors into pieces/I just can’t escape from the demons, I think I gotta end them«, bekämpft sie mit ihrer alles durchdringenden Stimme die inneren Widerlinge. Das letzte Mal hat man das in dieser Form Ende der Nullerjahre von Kid Cudi gehört. Shake macht ihre inneren Grabenkämpfe zu Kunstgriffen, die den Balanceakt zwischen lyrischer Tiefe und Pop-Approach meistern. Der namensgebende Track offenbart mit authentischem Radio-Appeal die Dimensionen, in denen Shake stattfinden könnte – nennt es Art Pop. Trotz der schweren Themen wirkt Shake in ihrem künstlerischen Schaffen ungemein frei. Sie setzt Kunstpausen, lockt den Hörer zu sich, um ihm dann unvermittelt eine schallende Ohrfeige zu verpassen, bietet unkonventionelle Flow-Arrangements und schafft ein eklektisches Gesamtkunstwerk. Dass Shake eine Künstlerin im besten Sinne ist und ihrer Kunst nicht im Streben nach materiell-banalen Dingen nachgeht, hat sie bisher vor Karrierefehltritten bewahrt. Es scheint zwei Szenarien zu geben: Entweder wird sie einer der größten Popstars unserer Zeit – oder die 19-jährige (!) Danielle Balbuena bleibt für immer der Gerade-noch-so-Geheimtipp, den sich Auskenner gegenseitig begeistert zuschieben. Man weiß nicht, was man sich eher wünscht.

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