Sido: »Mädchen bitten mich, zum F***** die Maske mitzunehmen.« // #20JahreJUICE

#20JahreJUICE – ein Jubiläum, das gebührend gefeiert werden will. Wir veröffentlichen deswegen Meilensteine der JUICE-Geschichte erstmals auch digital. Als im Frühling 2004 ein weitestgehend unbekannter Rapper in Maske vor einer tristen Hochhaussiedlung posierte und in aufrichtigem Berliner Rap-Charme von seinem Lebensumfeld berichtete, ging ein Ruck durch (Rap-)Deutschland. »Mein Block« war nicht nur der Hit des Sommers, sondern der finale Paukenschlag für den Start der Aggro-Ära und ließ sido – vormals als Sekten-Mitglied schon im Untergrund gefeiert – endgültig zum Star werden. Doch wer verbarg sich hinter der silbernen Totenkopfmaske, der der Auslöser dafür war, dass auf deutschen Schulhöfen plötzlich nicht mehr Eimsbush-Tapes, sondern der »Arschficksong« gehört wurde? All das und viel mehr erfuhren wir im wahrscheinlich ersten große Interview mit sido überhaupt und seiner ersten JUICE-Titelgeschichte. Es sollten noch sieben weitere Folgen.

Bislang kannte man sido als die maskierte Hälfte von A.i.d.S., als denjenigen, der mit dem »Arschficksong« die wohl explizitste Hymne der Deutschrap-Geschichte abgeliefert hat, Sektenmitglied, Untergrund. Jetzt kreiselt sein Video durch die einschlägigen Kanäle und sein Album »Die Maske« in die Läden. Seine Vielseitigkeit, sein Humor und nicht zuletzt seine Fähigkeit, soziale Misstände anzusprechen, ohne mit dem Zeigefinger auch nur zu zucken, verleihen ihm einen Sonderstatus unter den Aggro-Künstlern. Auch wenn es einige Untergrund-Hardliner nicht wahrhaben wollen: Das »s.uper i.ntelligente d.rogen-o.pfer« wird seinen Weg in den Mainstream gehen. Das Märkische Viertel nimmt er mit.

Du sagst, du kommst aus dem Ghetto. Wie sah das in deiner Jugend konkret aus?
Wenn ich Ghetto, sage, dann meine ich nicht das Ghetto, das die Leute aus Amerika kennen. Trotzdem komme aus einer sozial schwachen Gegend: Wenige Leute haben Arbeit, sie kümmern sich um nichts, es gibt viele Alkoholiker. kaputte Menschen und so. Für deutsche Verhältnisse wohne ich auf jeden Fall in einem Ghetto. Auf der Grundschule waren nur Leute aus meiner Gegend, da war das für mich normal. Aber in der Oberschule waren dann Jungs und Mädchen aus Frohnau – das ist so eine Villengegend über dem Märkischen Viertel – und da hat man dann den Unterschied bemerkt: Da kommen ja Leute aus Häusern. Da habe ich erst gemerkt, dass ich ein schwierigeres Leben habe und mehr kämpfen muss als die Leute aus Frohnau, wo die Kinderzimmer voll stehen mit den neuesten Sachen. Bei mir war das so: Wenn ich was haben wollte, musste ich entweder bis Weihnachten warten und Mama hat lange gespart für so eine Scheiße, oder ich musste hustlen und mir mein Geld besorgen, um mir zu kaufen, was ich wollte.

Hast du auch richtig Scheiße gebaut oder hast du dich da eher rausgehalten?
Natürlich hab ich gekifft und geklaut. Weißte, du bist in ’nen Laden gegangen und hast dir Playboys geklaut oder irgend so eine Scheiße. Aber das ist hier Tagesordnung: wenn du das nicht machst, dann gehörste schon nicht mehr dazu. Aber ich weiß z.B. noch nicht mal, wie man ein Auto knackt. und hab auch noch nie jemanden gestochen oder so. Ich habe zwar alles mitgekriegt, aber ich selber hab nie übertrieben viel Scheiße gebaut. Ich habe natürlich früh angefangen zu kiffen, aber wo ich echt stolz drauf bin: Ich habe noch nie eine Zigarette geraucht. Nur ab und zu mal, wenn ich auf Ecstasy bin, dann ziehe ich auch mal, aber ansonsten habe ich es echt geschafft, nicht eine Zigarette zu rauchen in meinem Leben. Ich kiffe nur wie ein Tier. (lacht)

Du hast auf deinem Album einen ganzen Track über deine Mutter. Bist du allein erzogen worden?
Als ich drei Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt. Seitdem bin ich bei meiner Mutter aufwachsen. Dann hatte sie einen neuen Mann, hat auch wieder eine Tochter mit dem gekriegt. Aber von dem hat sich später wieder getrennt und ich hab mich, ehrlich gesagt, auch nicht gut mit dem verstanden. Auf jeden Fall war mir dieses Familienleben nur wichtig, weil ich gemerkt habe, dass meine Mutter die Frau ist, die mich am Boden hält. Sie hat mir auch mein Leben so ermöglicht, wie es ist. Sie war im Endeffekt die einzige Person aus meiner Familie, die an mich geglaubt hat. Auch wenn sie es vielleicht nur als meine Mutter gemacht hat.

Wie weit weiß sie eigentlich Bescheid über das, was du so machst?
Mama weiß alles. Mama weiß über jede Droge Bescheid, die ich nehme. Mama ist Fan vom Arschficksong. Mama ist nicht wie die Frau vom Index, die mir den Arschficksong verbieten will, sondern Mama versteht den Sinn hinter dem Arschficksong. Natürlich turnen die frauenfeindlichen Sachen meine Mutter auch ein bisschen ab. Aber dann erklär ich ihr, wie ich das meine. Und Mama weiß auch, dass ich mit Frauen schon viele Probleme in meinem Leben hatte. Mama versteht mich einfach. Und sie ist echt stolz auf mich.

»Mama weiß über jede Droge Bescheid, die ich nehme. Mama ist Fan vom Arschficksong.«

Du stehst offensichtlich voll aufs Arschficken.
Das ist auf jeden Fall das engere Loch von beiden. Als ich das das erste Mal probiert hab, war ich gleich angezeckt. Das ist, glaube ich, wie Crack – man nennt es ja auch »crack« im Englischen. Und ich bin sowieso ein Arschgeiler. Ich kuck auf den Arsch und am besten muss sich die Frau so doggystyle nach vorne beugen. Weißt du, ich will die Muschi sehen, aufhalten und so. Und der Arsch gehört einfach dazu. Der Arschficksong ist im Grunde auch entstanden, weil sich die Leute darüber pikiert haben, dass wir so viel über Ärsche und Arschficken reden.

Du hast einen Sohn. Siehst du den eigentlich?
Nein. Ich hab auch keinen Kontakt mehr mit der Mutter. Das war auf jeden Fall eine schwierige Geschichte: Ich bin zu schlau für die Frauen. Frauen sind nun mal Schauspieler. Ich komm damit auch klar. aber ich brauche eine Frau, die mich nicht sofort die Plumpheit an der Sache sehen lässt. Das ist so bei Frauen: Ich kann sie einfach zu leicht durchschauen und das ist das Problem. Ich bin jetzt 23 Jahre alt und habe noch keine Frauen getroffen, die alles hat, was ich brauche. Auch nicht mal ansatzweise das hat, was ich brauche, weißt du?

Wurdest du da verarscht oder wiese hast du keinen Kontakt mehr?
Ich wurde nicht verarscht. Aber wenn du ein Kind hast, dann willst du die Frau ja lieben, Aber wenn du nach drei Monaten erfährst, dass du Vater wirst und der Frau sagst, du möchtest eigentlich kein Kind, und die dann sagt: »Okay, mit dir oder ohne dich, ich krieg das Kind«, dann versuchst du es ja sogar. Aber wenn du dann merkst, das klappt einfach nicht, du kommst mit der Frau nicht klar, dann trennt man sich eben. Man versucht zwar trotzdem seinen Sohn zu sehen, aber dann macht die Frau so ’ne Faxen wie: Was, du willst mich nicht? Dann kriegst du deinen Sohn auch nicht.

Kriegst du das finanziell hin? Ich schätze, du musst bezahlen…
Das ist kein Problem. Sie hat angegeben, dass sie nicht weiß, wer der Vater ist. Deswegen zahle ich keine Alimente.