Retrogott – Hardcore // Review


(wetransfer)

Dem auf Gewinnmaximierung ausgerichteten, von Promophasen strukturierten DeutschrapGame mit einem Gratis-Release die kalte Schulter zu zeigen, mutet 2017 romantisch an. Zumindest bis man erfährt, dass es sich dabei um Retrogott handelt, das entsprechende Album seit vier Jahren fertig ist und das darauf herrschende Beat-Zeit-Verhältnis mit Zeilen wie »Ich mache keine Beats, um mich damit zu profilieren/Sondern um den Loop zu setzen und dazu zu meditieren« definiert wird. Wieso genau »Hardcore« jetzt rausmusste, ist ebenso unklar wie die Namen der Produzenten oder genaue Angaben zur Entstehungszeit einzelner Songs, fest steht lediglich, dass die Platte nicht angestaubter klingt, als von dem Kölner ohnehin gewohnt. Im Gegenteil ist es ja genau dieser Staub, den seine Songs mit Samples aus grauen Vorzeiten ohnehin immer anstrebten. Inwiefern die Frische der Texte für Retrogott oder gegen Szene und Welt spricht, bleibt derweil noch zu klären: »Nittigritti« verortet sich etwa lediglich über eine Nennung der Zahl im Jahr 2012, ansonsten ist seine Kritik am Bilderbuch-Straßenrap und pseudo-progressivem Crossoverstyle ebenso zeitgemäß wie die Schelle, die Twitter-Rap in »Grünes Licht« abbekommt. Während findige Rapjournalisten auf Basis dieser Wurmlochbetrachtungen die Querverbindungen zwischen Cro, Soundcloud­rap und 187-Stassenbande-Sampler nochmal hurtig nachzeichnen, widmet sich »Hardcore« einer Integration der Szenekritik in großflächige, persönlich gefärbte Betrachtungen der Kultur wie der Gesellschaft drumherum. Ersteres nimmt die erste Hälfte in Anspruch und gipfelt in »Kein Original«, einer historisch fundierten, weitsichtigen Absage an künstle­rische Kleinstaaterei, während gegen Ende der Spätkapitalismus mit all seinen eher ungünstigen Implikationen (heute würde man sagen: Christian Lindner) in den Fokus rückt. Spätestens im paranoiden Otto-Dix-Szenario »Der Krieg« wird der Ton bedrückend, Auswege gibt es an anderer Stelle: Schlaf gegen Stress oder eben der allgegenwärtigen Verwertungslogik mit einem maximal unglamourösen Wetransfer-­Gratis-Release entsagen.

Text: Sebastian Berlich