Interview: Kayo

 

Kayo

 

Dass Rap in Österreich schon längst kein Abklatsch deutscher Blaupausen mehr ist, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben: Man redet dort eben ganz anders als in Hamburg oder Berlin, und auch wenn österreichische Künstler etwa im Vergleich zu den Schweizern ein wenig länger dafür gebraucht haben, ihr eigenes Idiom unbefangen auf Beats zu packen, hat Rap aus der Alpen­republik mittlerweile eine unverkennbar eigene Identität. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war das 2005er Album »Vollendete Tatsachen« der Ö-Supergroup Markante Handlungen, mit dem sich Mundart endgültig als legitime Ausdrucksweise etablierte. Mit dabei war damals auch der ­Linzer Kayo, der mit seinem von u.a. Fid Mella, Mainloop, Flip und Brenk in Szene gesetzten Longplayer »Des sogt eigentlich ois« jüngst erneut unter Beweis stellte, wie dope so was klingen kann. Und vor allem, welche Möglichkeiten sich abseits des Hochdeutschen bieten.

 

 

Wie kann man sich deine Rap-Anfänge vorstellen? Als du angefangen hast, war ja noch die Zeit, in der man es gerne mal zunächst auf Englisch probiert hat…
Genau, damals war man sich noch nicht ganz sicher mit der eigenen Sprache. Ich war in der Hinsicht auch von deutschen Releases beeinflusst, z.B. von No Remorze, und hab es dann eben auch auf Englisch probiert. Und da meine Mutter aus Belgien kommt, hab ich es auch mal mit einem französischen Text versucht. Aber spätestens, als der große Deutschrap-Hype losging, bin ich dann fest bei Deutsch geblieben. Das waren anfangs nur die ersten Gehversuche, meine ersten Aufnahmen waren dann schon auf Deutsch.

 

Die Sache mit der Sprache ist bei dir insofern interessant, dass du auf österreichischer Mundart rappst und damit schon relativ früh angefangen hast. War Mundart für dich gleich eine gangbare Möglichkeit oder musstest du dich da erst mal rantasten?
Es gab von anderen Leuten schon frühe Versuche, die ich mitbekommen habe. Zum Beispiel die damalige Crew von Skero, Das dampfende Ei: Die haben ’94 oder ’95 eine Platte rausgebracht, auf der Skero eine ganze Nummer auf Wienerisch gerappt hat – was mich sehr beeindruckt hat. Oder auch Attwenger, die zwar nicht als HipHop zu bezeichnen sind, aber schon ewig Sprechgesang in oberösterreichischer Mundart machen. Auf Mundart zu rappen, war also schon im Rahmen der Möglichkeiten. Aber es hat einfach eine Zeit lang gebraucht, bis man das entsprechend selbstbewusst und qualitativ hochwertig umsetzen konnte. Es gab auch einige Mundart-Tracks von Texta, aber mein damaliger Bandkollege bei Markante Handlungen, Marquee – heute bekannt als Jack Untawega – hat das vom Selbstvertrauen und vom Flow her auf ein ganz neues Level gehoben. Unser gemeinsames Crew-Album, das wir als Markante Handlungen ein paar Jahre später gemacht haben, war dementsprechend rein in Mundart gehalten. In dieser komprimierten Form war das damals sicher noch einzigartig.

 

 

War es am Anfang eher »uncool« auf Mundart zu rappen?
Ja, es wurde auf jeden Fall von vielen angefeindet, aber die Leute, die das damals angefeindet haben, feinden das wahrscheinlich immer noch an. Das sind eben bestimmte Lager, die sich eher an deutschem Straßenrap orientieren. Die haben uns immer als die Bauernrapper gesehen. Aber trotzdem hat es damals schon eine Fangemeinde gegeben. Das Markante Handlungen-Ding ist in Österreich sehr gut aufgenommen worden, sprich: 2005 gab es keine großen Schwierigkeiten mehr, in dem Sinne, dass man Pionierarbeit leistet, die nicht gewürdigt wird. Seitdem hat sich das etabliert. Und jetzt ist gerade der Höhepunkt, wo wirklich die meisten Rapper hier auf Mundart rappen. Das war vor ein paar Jahren noch unvorstellbar. Und auch alle Rap-Tracks, die in den Charts landen, sind auf Mundart.

 

Zum Beispiel die Trackshittaz…?
Genau. Also Rap/Pop muss man da schon sagen, denn so richtiger Rap ist ja hier nicht in den Charts – so wie das beispielsweise in der Schweiz der Fall ist. Von daher ist da noch viel aufzuholen, aber es geht in eine richtige Richtung. Zumindest aus meiner künstlerischen Perspektive.

 

Vor einiger Zeit habe ich mich mit Texta über Mundart-Rap unterhalten, und da wurde die Befürchtung ge­äußert, dass das von Selbstbewusstsein in ­chauvinistischen Nationalstolz umschlägt. Teilst du solche Befürchtungen?
Ja, das ist in Österreich bereits de facto der Fall. Es gibt schon einige Crews, die dieses Mundart-Ding in ihren Aussagen und ihrer Haltung direkt mit diesem übertriebenen »Mia san mia«-Nationalstolz verknüpfen. Da gibt es jetzt schon unangenehme Auswüchse zu sehen. Es hängt eben immer von der geistigen Haltung desjenigen ab, der Mundart-Rap macht. Mir geht es jedenfalls nicht um Nationalstolz, sondern um die Erhaltung der Sprache, um den Flow, den man mit Mundart einfach besser hinkriegt – zumindest, wenn man mit der Sprache aufgewachsen ist. Aber natürlich hat das schon auch identitätsstiftende Gründe. Ich glaube schon, dass es der österreichischen Szene gutgetan hat, auch von der Authentizität her. Es können sich viele Leute damit identifizieren, die reden eben so und deswegen hören sie auch diesen Rap. Es ist ja nicht verwerflich zu sagen: Wir haben hier eine eigene Identität in unserem Rap gefunden. Dieser Aspekt hat auch gute Seiten. Aber eben auch eine gefährliche Seite, wenn es in diesen übertriebenen Nationalstolz kippt und andere Gruppen, die vielleicht eh aus dem rechten Eck stammen, das dann instrumentalisieren. Da hört sich der Spaß dann auf.

 

 

Wenn man auf Mundart rappt, schließt man eine gewisse Hörerschaft von ­vornherein aus. Kamp etwa kann man auch als Berliner verstehen. Deine Sachen können vielleicht noch Leute aus Bayern verstehen, aber dann hört es auch schon auf.
Das ist mir bewusst und das ist ein Aspekt, der aus marktwirtschaftlicher Sicht für mich alles andere als förderlich ist. (lacht) Aber Markante Handlungen ist super gelaufen und wir haben uns auch sehr wohl mit dem gefühlt, was wir da machen. Mittlerweile kann ich mir das vom Schreiben her einfach nicht mehr anders vorstellen. Es ist eben ein Gewöhnungsprozess, und den sprachlichen Reichtum, den ich in der Mundart zur Verfügung habe, sehe ich im Hochdeutschen für mich nicht. Mir ist klar, dass ich Deutschland als Markt im Prinzip abschreiben kann, aber für mich überwiegt einfach die Freude an der Musik. Es kommt natürlich auch mal vor, dass Deutsche aus Berlin oder so mir sagen, dass sie mich gut verstehen können und meine Musik feiern, was mich auch sehr freut. Aber naturgemäß sitzen die meisten deutschen Fans in Bayern. Und das wird auch so bleiben, so lange wir in Mundart rappen.

 

 

Wir haben hier ja eine recht romantische Vorstellung von Rap in Österreich: Dort wird man mit Rap ohnehin nicht reich, also ist die Motivation eine ganz andere. Die Österreicher machen Rap, so wie sie Bock haben und machen sich nicht so einen Kopf ums Geldverdienen. Ist diese Vorstellung richtig?
Ja, das stimmt so. Natürlich darf man es nicht zu sehr romantisieren, jeder schaut ja, wo er bleibt – auch in Österreich. Und natürlich will auch jeder gehört werden und seine Musik an den Mann bringen. Aber es ist schon richtig, dass es hier viele Leute gibt, die – zwangsläufig – ohne große Business-Erwartungen gute Musik machen. Genauso gibt es aber Leute, die ihre Karriere gerade sehr stark forcieren, aber die schauen halt dann stark nach Deutschland. In Österreich allein geht es einfach nicht mit dem großen Geld – außer man macht eben »Kabinenparty«. (lacht) Aber wenn ich jetzt auf Hochdeutsch rappen würde, dann würde ich natürlich auch schauen, dass ich in Deutschland so bekannt wie möglich werde. So versuche ich eben, meine Musik in Österreich an die Leute zu bringen. Es kommt eh immer anders als man denkt. Die Crews, die es so stark forciert haben, dass sie Stars werden, haben es am wenigsten geschafft. Und andere, wie zum Beispiel Die Vamummtn, die eigentlich als reines Spaßprojekt angefangen haben, sind von den Live-Shows und von den Verkäufen neben Skero die Größten in Österreich. Ich mach einfach mein Ding und schau, was als nächstes kommt. So lange meine Hörerschaft noch wächst, bin ich zufrieden. Der große Massenerfolg ist kein Muss für mein seelisches Wohlbefinden.

 

Text: Marc Leopoldseder