Jay Electronica – Dear Moleskine

    Was ist dieser Jay Electronica? Magier oder Scharlatan? Scheiße, was erlauben dieser Jay Electronica? Im Juli 2009 veröffentlichte er ein Video, das den Rapper irgendwo in einem Tempel in Ostasien zeigte, wie er gesichtsbemalt zwischen langbärtigen und gesichtsbemalten Mönchen die Hand hob und schließlich in dem bunten Treiben in ziviler, aber weltmännischer Tracht den Touristen gab. Zu hören gab es Gitarrenschnippsel, staubige Drums, menschelnde Flöten, einfach die ganze verdammte Todd Cochran-Magie serviert von Just Blaze. Das war noch fast fünf Monate bevor »Exhibit C« mit beeindruckender und selten zuvor erlebter Energie HipHop einen Klassiker schenkte. Also, eigentlich war da gar nicht viel, außer einem langen Intro und sechseinhalb Bars. Und dann stand da »…to be cont.« und es passierte gar nichts.

    Was malten wir uns alle aus, was da noch kommen sollte, wenn die ersten Zeilen bereits alles zwischen Schwäche zeigen und Swag zeigen hatten? Mindestens eindreiviertel Strophen des Electronica-Wahnsinns, vielleicht 10 plus nochmal 16 Bars vom Heilsbringer des HipHops, der die in alle Windrichtungen verstreuten Schäfchen wieder unter ein Dach bringen könnte. Jetzt, über zweieinhalb Jahre später, wissen wir, dass es nur noch ein paar mehr Zeilen waren. In diesen zweieinhalb Jahren mussten wir alle jedoch auch erkennen, dass »nur« in Verbindung mit Jay Electronica eine ganz eigene Bedeutung einnehmen kann. Jay Electronica macht hier wieder auf nur 67 Sekunden Rap den ganz großen Reibach mit Metapher-Wahnsinn, religiösen Bildnissen, Sozialkommentar, Evangelien-Zitaten und Popkultur-Referenzen.

    Da passt es zeitlich eigentlich ganz gut, dass »Dear Moleskine« in voller Länge gerade jetzt erscheint, wenn an »Act II: The Patents of Nobility (The Turn)« so wirklich nur noch wenige glauben mögen und das Gerede über dieses nebulöse Roc Nation-Debütalbum, das zwar seit über einem Jahr fertig sein soll, aber lediglich fünf Menschen gehört haben sollen, den meisten eigentlich nur noch auf den Sack geht. Jay Electronica ging schon vor zweieinhalb Jahren die Muffe: »My mama said ‚Son, why such a lonely face?’/Because the pressure’s on me. […] Lama sabachthani/I’m trying to see light but the devil trying to blind me/The grim reaper walking with his shovel right behind me.« Was erlauben dieser Jay Electronica?

    Artwork: Props to FWMJ.