Cro: »Der große Plan, die Maske abzulegen, ist da.« // Interview

»Hier drinnen ist die Welt nicht normal«, sagt Carlo Waibel alias Cro. Wir sind im Süden Stuttgarts. Blickt man aus der riesigen Fensterfront, die fast vollständig verhangen ist, erstreckt sich unter uns die Stadt. Vor uns stehen lederne Sofas, Mischpulte, Synthe­sizer und unheimlich viele Instrumente. Zwischen all dem Kunstchaos steht Carlo. Eine Maske trägt er nicht, dafür ein der Hitze entsprechendes Outfit, das lässig wirkt. Vielleicht wird die Lässigkeit auch vom dicken Grinsen getragen. Carlo ist gut drauf. Das zweistöckige Haus, in dem wir uns befinden, diese »andere Welt«, wie er sagt, ist Carlos Haus. Hier ist ein Großteil seines neuen Albums »tru.« entstanden.

Das wiederum ist eine Steigerung zu seinem vorherigen Schaffen: Nicht so naiv wie »Raop«, nicht so sehr auf Pop-Mainstream getrimmt wie »Melodie«. Es ist das beste Cro-Release bisher. Vor allem wegen der Produktionen, die sich von der Geradlinigkeit verabschiedet haben und nun auch schon mal in zehnminütigen Chaos-Jams münden. Aber natürlich gibt es auch Hits, denn die gibt es immer, wenn sich Carlo ans Keyboard setzt.

An den Wänden von Cros Haus am Hang fallen Gemälde auf. Nackte Frauen sind zu erkennen, der Farbauftrag ist akkurat, die Ästhetik clean. Trotzdem stiften kleine Verzerrungen der Körper Verwirrung. »Fast alles hier habe ich gemalt«, sagt Carlo. Entspannung sei das, an jenen Tagen, an denen es mit der Musik einfach nicht klappen will. Diese Bilder wiederum spiegeln perfekt Cros Schaffen im Jahr 2017. Die Fassade bleibt sauber, doch dahinter brodelt es. Das Rattern hinter der Maske ist spürbar. Warum? Carlo fläzt sich auf einen Stuhl vor dem Mischpult, bis er fast in ihm versinkt. Dann beginnt er zu erzählen: von Masken, Bäumen und dem ganzen Rest.

In einem JUICE-Interview von 2012 hast du gesagt …
… irgendwann hole ich mir ein Haus in den Hills.

Das vielleicht auch. Vor allem aber, dass du keine deepen Songs schreiben willst und fröhliche Lieder anspruchsvoller sind. Der Track »Baum« ist aber schon tiefsinnig.
Damit meinte ich, dass es schwierig ist, Gute-Laune-Musik zu machen, die nicht nervt. Du machst Taylor Swift an (macht einen Taylor-Swift-Song an): Ciao! Stressig. Aber wenn ich »September« von Earth, Wind & Fire höre, fühle ich mich sofort gut.

Damals hast du auch gesagt, dass du für deepe Texte gar keinen Stoff hättest. In »Baum«, generell auf deinem neuen Album, geht es viel um den Tod. Das hat sich also verändert, oder?
Damit beziehe ich mich gar nicht auf das Negative am Sterben. Aber irgendwann ist es zu Ende, das weiß jeder. Und das wollte ich beim Namen nennen. Das Leben ist kürzer als man denkt. Zack – ist man fünfzig, und manchmal endet’s schon mit dreißig. Wir haben das Geschenk, auf die Welt zu kommen – das ist unser Spielplatz. Wir sind frei und nackig. Viele reihen sich aber in die Herde ein. Die sehen als Freiheit dann nur noch den Urlaub. Die vergessen, dass sie eigentlich machen könnten, was sie wollen. Ich bin komplett frei und frage mich: Was will ich nach dem Tod hinterlassen?

Du sagst auch, dass du erst stirbst, wenn keiner mehr deine Songs hört.
Ich glaube echt, dass du lebst, solange Menschen dich kennen. Wenn ich an Michael Jackson denke, dann ist er da. Zumindest sein Geist. Irgendwann wird der letzte Mensch, der mich kennt, sterben oder an Alzheimer erkranken. Erst dann schwebe ich von der Erde. (lacht)

Wenn Leute in hundert Jahren Cro hören, dann denken sie an einen Panda, nicht an Carlo – obwohl der die Musik macht. Es sei denn, du demaskierst dich vorher.
Da kommt noch was. Der große Banksy-Moment, also zu offenbaren, wer Cro im Hintergrund gemacht hat, der wird passieren. Ich habe mir schon was überlegt.

Also ist die Maske bald weg?
Der große Plan, die Maske abzulegen, ist da. Ich bin aber jemand, der über lange Zeit Sachen macht. Oft warte ich erst mal zwei Jahre, bis davon etwas nach außen dringt.

Im Video zu »Baum« hast du Cro ­immerhin schon überfahren.
Aber damit war eher gemeint, dass ich mich stoppe.

Wieso?
Die Metapher ist, dass jeder seinen Baum hat. Jeder hat den Moment, an dem er merkt, das etwas gerade nicht gut ist – dass er voll auf einen Baum zurast. Das können Drogen sein, das kann ein Mädchen sein, zu dem du immer wieder läufst, obwohl es nicht gut zu dir ist. Nur du selbst kannst dich stoppen.

Und was ist dein Baum?
Bei mir gab es viele kleine Bäumchen. Die habe ich alle umgemäht: Frauen, Clinch zwischen dem Stardasein und dem Carlo-sein. Oder die Frage danach, ob ich das Richtige mache. Einmal habe ich realisiert, dass ich ein Hotelzimmer voll geil fand, weil es golden war. Total bescheuert. So einen Scheiß braucht man doch nicht.

Gab es bei dir mal eine Depression?
Wenn man »Baum« hört, könnte man das vielleicht denken. Aber ich bin nur etwas fokussierter geworden, nicht mehr der aufgeregte Hampelmann. Ich habe mich hingesetzt und nachgedacht. Depressionen waren das nicht. Ich habe nur reflektiert. Es kam superviel dazu: Häuser, viel Geld, viele Frauen, Autos, riesige Touren und viele Menschen, die auf mich schauen. Wenn ich hier im Haus den Vorhang aufmache und auf Stuttgart blicke, habe ich das Gefühl, dass sich alle Augen auf mich richten. Deswegen bin ich froh über die Maske. Dadurch spüre ich keinen Druck. Den hat nur der maskierte Typ.

Im letzten Jahr ging zum ersten Mal ein Cro-Projekt schief. Der Film »Unsere Zeit ist jetzt« ist gefloppt. Wie bist du damit umgegangen?
Der Film war geil, aber es waren zu viele Köche involviert. Deswegen stand ich auch nicht hundertprozentig dahinter. Wenn du in ein Projekt nicht alles reinsteckst, dann tröpfelt es nur. Ich fand es dann gar nicht so schlimm, dass er nicht so krass lief. Es war gut zu sehen, wie ein Kinofilm gemacht wird. Irgendwann kann ich einen produzieren, den ich richtig abfeiere.

Wie würde der aussehen?
Der wäre viel verrückter, viel kunstvoller. Die Geschichte wäre doper. »Unsere Zeit ist jetzt« zeigt gar nicht richtig unseren Lifestyle. Das ist schade. Er wurde ein bisschen »verTilt«: Ich bin auch kein Filmemacher, sondern lebe für Musik. Wobei mir Filmen auch Spaß macht. Ich renne den ganzen Tag mit einer VHS-Kamera rum und dokumentiere alles.

Spaß gemacht haben anscheinend auch musikalische Experimente. Mich hat der Sound des Albums stellenweise an Chance The Rappers »Coloring Book« erinnert. Hat Chance in der Produktions­phase eine Rolle gespielt?
(macht »No Problem« an) Wir waren auf Bali, kurz nachdem »Coloring Book« rauskam. Das war dann einen Monat lang unser Bali-Tape. Ich feiere das abartig. Die Stimme ist krass. Er erzählt, und ich kann mir sofort was darunter vorstellen. (macht »Blessings« an) Dabei stelle ich mir ein weißes Haus am See vor. Eine Frau im weißen Kleid hat Früchte dabei. Voll der amerikanische Thrill.

Habt ihr auf Bali auch Musik fürs Album aufgenommen?
(kramt ein Polaroid hervor) Das hier war auf Bali. Wir waren im Studio und haben ein paar Spaßtracks aufgenommen. Ein Homie hat dort ein Café aufgemacht und gefragt, ob wir auf der Eröffnungsparty spielen wollen. Dann haben wir Flyer gedruckt, sind rumgerannt und haben allen gesagt, dass sie zu unserem Auftritt kommen sollen. (lacht) Am Ende waren echt 300 Menschen aus aller Welt da. Völlig irre.

Wie ist es denn jetzt mit einem eigenen Studio im Haus?
Überall liegen Instrumente. Ich laufe ständig durchs Haus, habe den Field Recorder dabei oder klopfe auf irgendetwas herum. (rasselt demonstrativ) Wenn ich im Bett liege und plötzlich eine Idee habe, kann ich aufspringen und die sofort umsetzen – so professionell wie noch nie! Mein Set-Up ist so Bombe, da kommt nur Hi-End-Stuff raus.

Vermisst du manchmal die Limitiertheit aus »Easy«-Zeiten?
Nee. Ich kenne jeden Ton von jedem Synthie hier drinnen und weiß, wie ich ans Ziel komme. Für »Computiful« habe ich mal einen Billo-Synthie mit einem Wah-Wah-Pedal zusammengebaut. Ich kann einfach viel experimentieren, die Talk-Box ist auch ständig an. Das hier ist ein Spielplatz, und der macht abartig viel Bock. Ich vermisse MIDI nicht. Ich verfluche MIDI! Alles, was aus einer Kiste kommt, ist Mist: Bläserimitate und so.

Überfordern dich die ganzen Möglichkeiten hier manchmal?
Du hast das Album doch gehört. (lacht) Es funkelt, überall ist Action. Nichts ist gerade geblieben. Ich habe mich gut im Detail verrannt und sehe jetzt diese riesigen Spuren und Projekte. Gerade packe ich alles zusammen: derbe viel Arbeit. »Computiful« ist gerade noch 15 Minuten lang.

Fremde Länder spielen auf dem Album als Motiv oft eine Rolle. Was nimmst du von deinen Reisen mit?
Die Ruhe. Den Mindset, mal alles zu ­löschen. Das bringt mich wieder auf Null. Ich bin auch gerne nackt (grinst) und dreckig in der Natur oder am Strand. Vor allem ist es dann so schön langweilig, dass ich wieder Lust auf Deutschland bekomme. Ich bin so viel unterwegs. Währenddessen muss ich Mixe hören, mein Bühnenoutfit aussuchen, gleichzeitig Autogramme geben und irgendwas mit dem Radiopromoter checken. Es geht immer bam, bam, bam. Dann gibt’s noch Hater-Kommentare hier, Beef da – so lange, bis mir fast der Kopf platzt. Davor muss ich manchmal fliehen, und dann ist es auch gut. Auf Bali habe ich ewig damit verbracht, an einem Motorrad zu schrauben. Dann bin ich damit gefahren. Ziel erreicht. Ich konnte wieder zurück­kommen. Es folgt eine kurze Ausführung über selbstgebaute Motorräder, sogenannte Café-Racer. Eines davon hat sich Carlo auf Bali zusammengeschraubt. Auch das ist Erholung.

Machst du dann eigentlich auch Urlaub vom Internet?
Ja, voll. Ich versuche dort schon so wenig wie möglich am Handy zu sein und etwas Abstand zu gewinnen. Als ich das erste Mal dort war, ist das W-Lan so schlecht gewesen, dass ich dazu gezwungen war, das Ding wegzulegen. Zwei Jahre später ist es so schnell geworden. Durch die ganzen Surfer-Läden läuft man jetzt von einem Wifi-Spot in den nächsten.

Du rappst auch: »Poste viel zu wenig, mir zu dämlich dieses Spiel.« Das ist interessant, weil du am Anfang deiner Karriere ein Internetphänomen warst.
Aber ich sitze echt da und merke, dass alle anderen das Internetding besser können. Mein Handy ist randvoll mit überkrassen Bildern, aber ich poste die nicht. Ich habe eine Blockade, jeden erlebten Moment zu teilen.

Blickt man auf Cros Instagram- und Facebook-Accounts, bestätigt sich das. Im vergleich zum hyperaktiven Social Media-Verhalten einiger Kollegen, bleibt Cro regelrecht stumm.

Hattest du beim Texteschreiben auch Blockaden?
Es gab Texte, die mir leicht von der Hand geggangen sind. Bei anderen war es ein langer Kampf. Von einigen Tracks gibt es zig verschiedene Skizzen. Das war aber bei den anderen Alben auch so.

Für dieses Album hast du das erste Mal auch zusammen mit anderen Künstlern geschrieben, habe ich gehört. Stimmt das?

Auf dem Album gibt es Features, mit denen gemeinsame Songs im Studio entstanden sind, ja. Vor allem habe ich meine Komfortzone verlassen. Normalerweise stelle ich mich ans Mikro, lasse Zeile für Zeile laufen, dann ist das Ding fertig und klingt krass. Aber es fehlt oft noch der rote Faden. Deswegen habe ich viel mit Freunden gebrainstormt oder mit meiner Mum telefoniert. Sie ist sehr klug, kann mit mir umgehen und gibt guten Input, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Es haben dieses Mal auch Leute mit mir über die Texte diskutiert, auch andere Rapper. Ich habe das erste Mal andere Sichtweisen an mich herangelassen und nicht so engstirnig durch die Mitte geschossen wie sonst. Auch bei den Beats.

Dann ist wieder Raop herausgekommen. Der ist gerade ohnehin Deutschrap-Zeitgeist. Rin macht in gewisser Weise auch Raop.
Echt, findest du?

Klar, die Verknüpfung aus Rap und Gesang und der Mut zu einem gewissen Kitsch ist mittlerweile normal.
Klar wandelt sich alles. Ich habe damals etwas angestoßen. Ich kann eh machen, was ich will, und bin Deutschraps Hippie. Bei »Baum« singe ich zum Beispiel am Ende einfach über Gitarren. Irgendein straighter Rapper kann das nicht machen, weil er glaubwürdig bleiben muss. Ich glaube, tief im Inneren wünschen die sich auch diese Freiheit. Ich bekomme das hintenrum mit: Viele von denen feiern meine Sachen, würden das öffentlich aber nicht zugeben und haten lieber grundsätzlich. Mir geht es aber um viel mehr, als ums Rap-Game: künstlerische Freiheit und Musik.

Ich würde gar nicht sagen, dass du aus der Rapszene heraus noch stark kritisiert wirst.
Nee? Ich persönlich bekomme den Hate auch nicht mit. Ich glaube aber, dass sich das Publikum etwas gedreht hat. Ich hatte zum Beispiel Skepsis vorm splash!-­Publikum. Aber dann waren das 18-jährige Kids, deren Jugend ich vielleicht sogar geprägt habe. Und die ganzen Alten, Realen, die haben jetzt ein Haus, Familie, Kinder und feiern es auch wieder. Die sind erwachsen geworden.

Du hast mittlerweile auch ein Haus. Bist du also erwachsen?
Ich habe mein inneres Kind auf jeden Fall noch nicht verloren. Es gibt nichts Schlimmeres als Stillstand. Ich probiere die ganze Zeit etwas Neues und bin am Rumexperimentieren. Ein bisschen »Kansas City Sh­uffle«. Wenn die ganze Welt nach rechts schaut, dann komme ich von links. ◘

Foto: Saeed Kakavand

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #182 – hier versandkostenfrei bestellen.