Brenk – Feature

    Wer schon mal in jenem schmalen Kabuff in Brenks großzügiger Wiener Altbauwohnung hockte, das der wuchtige, joviale Produzent sein Studio nennt, bekam mit Sicherheit bei Ottakringer und Stolichnaya einen Mörderbeat nach dem anderen um die Ohren geklatscht. Brenk hat bereits für die halbe österreichische HipHop-Szene produziert, er hat Connections zu Westcoast-O.G.s wie King Tee und MC Eiht, er chattet im Skype mit DJ Premier und haut Instrumental-Alben im Halbjahrestakt raus, die seine Konkurrenz vor Scham im Boden versinken lassen. Den Vibe seines heimatlichen Viertels Kaisermühlen verbindet er gekonnt mit Einflüssen aus Sixties-Soul, Motown-Rap und G-Funk. Brenk ist einer der besten HipHop-Produzenten Europas.

    Drei Jahre ist es her, dass unser damaliger Moderedakteur ein unscheinbares Presskit aus dem Demostapel fischte und mir mit seiner Empfehlung auf den Schreibtisch legte; »Gumbo«, das erste Instrumental-Album des Wiener Soulbruders, das seinerzeit über das Waxolutionists-Label Supercity erschien. Nun kommt »Gumbo 2« über das Kölner Label Melting Pot Music in die Läden. »Eigentlich ist das schon ‘Gumbo 3’, weil ‘Gumbo 2’ in der Originalfassung sicher schon um die zwei Jahre bei mir rumlag. So richtig gefallen hat’s mir nicht mehr, also habe ich begonnen, Tracks auszubauen, auszutauschen, umzumixen. Ein Konzept gab’s nicht wirklich, außer dass es eine Killer-Instrumental-Scheibe werden sollte, mit der ich zufrieden sein kann.«

    Die Einflüsse sind dieselben geblieben: Brenk schaut genauso auf zu J Dilla und Organized Noize wie zu DJ Quik, Jellyroll und Soopafly. Eine musikalische Ausbildung hat er nicht genossen. »Ich war nie auf der SAE oder so. Hab mir alles selbst beigebracht. Nichts ist wichtiger als das Gehör – ein geschultes Gehör, das schon Tonnen an Musik verschlungen hat in seinem Leben.« Und so sieht dann auch Brenks Alltag aus: Platten suchen, Platten hören, Samples finden. »Ansonsten gehe ich mit meiner Freundin Radfahren, spiele Basketball oder trinke Bier, als ob’s umsonst wär«, lacht der Wiener. Was zu bestätigen wäre.

    Aufgewachsen ist Branko Jordanovic in Kaisermühlen, einem Viertel im 22. Wiener Gemeindebezirk, zwischen der Donauinsel und der Alten Donau. Die Reichsbrücke verbindet Kaisermühlen mit dem Stadtzentrum, doch jenseits davon lebt man in einer eigenen Welt, in der die Zeit scheinbar stehengeblieben ist. Hier spielte in den Neunzigern die ORF-Fernsehserie »Kaisermühlen Blues«, in der das Wiener Arbeitermilieu porträtiert wurde. Die Journalistin Elizabeth T. Spira hat den Bewohnern in ihrer legendären TV-Dokumentation »Schauplatz Kaisermühlen« ein Denkmal gesetzt: Hier segeln Ex-Zuhälter in ballonseidenen Trainingsanzügen über die Donau, während schnauzbärtige Birkenstockträger bei Gösser-Bier und Birnenschnaps in verrauchten Wirtshäusern sitzen und über »Nega« und »Tschuschen« herziehen, die ihnen die Arbeit wegnehmen, bis einer vom Nachbartisch brüllt: »A Mensch is’ a Mensch, du Idiot.«

    Brenk liebt seine Heimat. »Ich bin Kaisermühlen«, sagt er. Er lebt immer noch in seinem Geburtshaus. Wenn man mit anderen Protagonisten der Wiener HipHop-Szene spricht, selbst mit solchen, die mit Brenk eng befreundet sind, dann erzählen sie, dass es teilweise schon schwerfällt, den eigensinnigen Produzenten für ein Konzert oder eine Party über die Reichsbrücke in die Stadt zu bekommen. Lieber lädt er befreundete Musiker, Journalisten und andere Saufkumpanen zu sich nach Hause ein, um sich mit ihnen durch die YouTube-Videografie von E-40 und Eazy-E zu klicken und dabei ein 16er-Blech nach dem anderen zu vernichten.

    »Wien ist so eine Sache«, holt Brenk aus. »Es ist eine Hassliebe. Ich liebe Wien mit jeder Faser meines Körpers, kann’s aber manchmal mit derselben Leidenschaft hassen. Auf der einen Seite ist es eine wunderschöne, entspannte Stadt, wo alle meine Jungs und Mädels und alle guten Erinnerungen sind, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Auf der anderen Seite ist Wien manchmal sehr spießig, leicht bis mittelstark rechts-orientiert und eine Pensionistenstadt, wo eben junge Musiker in Wahrheit nichts verloren haben. Ich lebe hier seit 30 Jahren und es wird immer meine Heimat bleiben, aber manchmal will ich einfach nur weg. Geht wahrscheinlich jedem so. Nur wenn man versucht, mit Musik voranzukommen, ist Wien auf keinen Fall der ideale Standort, milde ausgedrückt. Außer man macht Volksmusik.«

    Der Sohn einer slowakischen Mutter und eines serbischen Vaters hat nichts weniger im Sinn als Volksmusik. Der Soundtrack seiner Jugend war »Southernplayalisticadillacmuzik« von Outkast. »Conversation« von Twinz und »It’s On (Dr. Dre) 187um Killa« von Eazy-E. Seither schlägt sein Herz für analoge Basslines, die dir direkt in die Magengrube zimmern, für harte Drums, staubigen Rap von der Straße und echte Soulmusik. In seinem Arbeitszimmer findet man wenig Equipment: ein Rechner mit einigen Software-Synthesizern, ein MicroKorg, eine SP-1200, eine alte, kaputte Elka-Orgel und ein Plattenspieler. Hier wühlt sich Brenk täglich durch alte Funk- und Library-Platten, immer auf der Suche nach dem dopesten Sample-Material.

    Anfangs zählten vor allem Wiener Rapper wie Kamp, Skero, MADoppelT, Big J und Deph Joe zu seinen Kunden, vereinzelte deutsche MCs wie Mr. L oder Nico Suave kamen hinzu und schließlich pickten Detroiter Künstler wie Guilty Simpson oder Marv Won seine Beats. Im letzten Jahr kam nach Instrumental-Veröffentlichungen bei Supercity und MPM eine fruchtbare Connection an die US-Westküste zustande. Schnell galt Brenk neben DJ Premier als Hauptproduzent des lange angekündigten, doch immer wieder verschobenen Comeback-Albums »Which Way Iz West« von MC Eiht, das bei Premos Year Round Records erscheinen soll. Seit über einem Jahr.

    »Ich reite mich da auch jedes Mal mehr in die Scheiße, weil ich das nachplappere, was Premo oder Eiht mir sagen«, lacht Brenk. »Da Eiht und ich schon ein zweites Album so gut wie fertig haben, hat Premo die Qual der Wahl und entscheidet sich beim Tracklisting fast wöchentlich um, weil ihm so viel Zeug von uns gefällt. Ich kann nur sagen: Die Platte kommt 2011 noch raus, geplant war August, aber jetzt wird es wohl Oktober. Das liegt nicht mehr an mir, meine Arbeit ist getan. Alles liegt in Premos Händen.« Seine Miete zahlen kann Brenk trotz der prominenten Kunden noch nicht ganz von der Musik, immerhin konnte er seine Arbeitsbelastung auf einen Teilzeitjob herunterfahren: »Es geht bergauf, aber ich bin noch nicht übern Berg. Ich habe in vielen Bereichen meine Saat gestreut und schaue jetzt, -welche zuerst aufgeht.«

    Brenk ist in vielen Belangen ein Eigenbrötler. Er raucht Zigaretten mit einer Zigarettenspitze. Er sammelt Sneaker und Caps. Er trägt mit Vorliebe blaue Mützen und T-Shirts und weiß mehr über die Gang-Affiliations bestimmter Rapper, als einem friedliebenden Interviewer geheuer ist. »Blau war immer schon meine Farbe, also umso besser, dass MC Eiht vom blauen Team ist. Kaisamühn rollin’ 22ga Crips, Oida«, spaßt er. Zeitgleich hat er Anfang des Jahres auch einen Remix für Jay Rock gemacht, der kein Geheimnis macht aus seiner Zugehörigkeit zum »roten Team«, wie Brenk sagen würde. In L.A. war er bislang noch nicht, doch zur MC Eiht-Releaseparty wolle er rüberfliegen. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich drüben bin und die Leute persönlich treffe.«

    Auch die Verbindungen nach Deutschland wachsen und gedeihen prächtig. Brenk veröffentlicht teilweise über ein deutsches Label (MPM) und war im letzten Jahr auch beim »Beat Fight« in Duisburg, wo sich die deutsche Beatdigger-Szene um den Hi-Hat Club und Konsorten zum Klassentreffen versammelte. »Durch meine letzten beiden Besuche in Deutschland habe ich so ziemlich jeden Beat-Kopf aus diesem Umfeld kennen und schätzen gelernt. Ich war überrascht, wie viele mich beim Beat Fight als Favoriten gesehen haben. Das war schon was. Ich bin dann glamourös in der ersten Runde rausgeflogen«, lacht er. »Aber dieser Event war ohnehin ein eigenes Kapitel. Jedenfalls sind mir Suff Daddy und Dexter ans Herz gewachsen. Wir versuchen, bald ein gemeinsames Beat-Album unter dem Projektnamen ‘Betty Ford Boys’ aus dem Boden zu stampfen. Jetzt hab ich es offiziell erwähnt – das heißt, es gibt kein Zurück mehr.«

    Allerdings wird Brenk so schnell ohnehin nicht langweilig werden. »Ich produziere momentan einiges für russische Rapper, weil’s da noch Kohle zu machen gibt und weil die Jungs hungrig sind. Für einige aus Deutschland hab ich auch was geschraubt, Österreich nicht zu vergessen. Ich habe mit Fid Mella das komplette nächste -MADoppelT- Album produziert – richtiger Soul-Shit mit knackigen Drums. Am Kayo-Album, das in den österreichischen iTunes-Charts auf Platz 4 war, habe ich auch ein paar Beats oben. Das war cool.«

    An Aufträgen und auch an Respekt mangelt es wahrlich nicht: Brenks Beats laufen in Gilles Petersons »Worldwide«-Show auf BBC Radio 1, auf Eminems Satellitenradio Shade 45 und auf schwerer Rotation bei zahlreichen anderen US-Mainstream-Stationen. Zusammen mit dem Soulsänger Miles Bonny aus Kansas City hat er unter dem Projektnamen S3 (SupaSoulShit) ein komplettes Album in der Pipeline, das nach »Gumbo 2« bei MPM erscheinen soll. Zudem ist ein Projekt mit Funk-Legende Hubert Tubbs von Tower of Power in der Mache. Die einschlägige Szene-presse hat Brenk längst auf dem Schirm, so schaute er auch bereits vom Cover des größten österreichischen HipHop-Magazins »The Message«. Jetzt gilt es, den rechtmäßig verdienten Respekt in monetären Erfolg umzumünzen. Doch selbst wenn der nicht kommen sollte: Branko Jordanovic bleibt entspannt. In Kaisermühlen ticken die Uhren eben ein klein wenig anders.

    Text: Stephan Szillus