Antilopen Gang – Anarchie und Alltag // Review

1933

(Jkp / Warner Music)

Würde sie die Uni nicht so ficken, die Antilopen Gang könnte semesterweise Seminare halten: über die Kunst, eine heterogene Fangruppe hinter sich zu versammeln. Koljah, Panik Panzer und Danger Dan haben sie alle: die Tunnel tragenden Punk-Pop-Mädchen, die humorvollen, liberalen HipHop-Fans und die Pop-Durchschnittstypen, die die Radiosingles des Trios super finden. Ob 14 oder 40 Jahre alt, es sollen schon ganze Familien auf Konzerten der Fluchttierliebhaber gesichtet worden sein. Dabei folgte auf das Debütalbum »Aversion« auf dem Tote-Hosen-Label JKP mit »Abwasser« ein Gratismixtape, das sich von der Grundrichtung her fast so sehr nach HipHop anfühlte wie eine flammende Savas-Wutrede. Doch auch nach diesem reinen Rap-Ausflug wächst die »Armee der Kaputten und der Hässlichen« immer weiter. Und das, obwohl die Antilopen Gang immerhin halb ernst bis ernst die Abschaffung der Bundesrepublik fordert. Wenig umständlich und subtil wird da auf »Baggersee« eine Atombombe auf Deutschland geworfen, während die musikalische E-Gitarren-Untermalung sich komplett aus dem HipHop verabschiedet. Doch die Antilopen wären nicht sie selbst, wäre das ihr einziger Trick. Neben dem Alleinstellungsmerkmal Punk gibt es auch die Songs, die in ihrer HipHop-Reinform schon auf »Abwasser« ihren Platz gefunden hätten (»Flop«) und natürlich hat Hitmaschine Danger Dan mit seinem eingebauten Abo für eingängige Refrains mit »Pizza« einen legitimen Nachfolger für die Radiorotation von »Verliebt« geschaffen. So spielen sich die Feuilletonlieblinge durch etwas mehr als ein Dutzend Songs, die mal weniger, mal mehr politisch aufgeladen sind und die, trotz ihrer Annäherung an eine Vielzahl Genres ein stimmiges Album ergeben. Einzig das cloudige »ALF« bleibt mit seiner dahinplätschernden Produktion die eingeschleuste musikalische Sabotage. Dieser kleine Fauxpas reicht natürlich nicht, um die Antilopen-Lawine noch aufzuhalten. Nach »Anarchie und Alltag« werden zu den bekannten Gesichtern erneut weitere Leute aus den verschiedensten Metiers zur Gang dazustoßen. Denn diese Platte ist ein Triumph der Vielseitigkeit.

Text: Arne Lehrke