Zugezogen Maskulin: »Wir sind authentisch in unserer Krampfigkeit.« // Interview

Ihr kritisiert oft den Berlin-Lifestyle, gleich­zeitig scheint ihr euch auch mit euren Heimatorten nicht mehr zu identifizieren.
Grim: Oft fuckt mich Berlin ab: Dieses Überkandidelte. Dann will ich das ehrliche, das echte Leben mit normalen Leuten. Letztes Jahr habe ich versucht, noch mal auf die Dorfkirmes zu gehen, um mit meinen alten Kumpels zu saufen. Die alten Kumpels waren aber gar nicht da, nur deren jüngere Brüder – weshalb ich dann wie ein Triebtäter bei 21-Jährigen zu Hause saß und mit denen gesoffen habe. (lacht). Ich suche immer nach der ultimativen Aussöhnung damit, aber es klappt nicht. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, glimmt in mir weiter.
Testo: Es hat aber trotzdem einen Grund, warum wir mal da weggezogen sind. Da hat ja etwas nicht gepasst. Wenn ich wieder hinfahre, dann ist gefühlt nicht viel passiert. Das ist natürlich gemütlich, ruft aber schnell die alte Fluchtbewegung hervor. Gerade in Stralsund oder der ostdeutschen Provinz, da sind Themen, die in Berlin diskutiert werden, so weit weg.

Aber wo wollt ihr denn dann gerne leben?
Grim: In Leipzig! Da geht’s noch ab! (lacht)
Testo: Das Gefühl, nicht dazuzugehören, lässt sich mit einem Ortswechsel nicht ­beheben.
Grim: Das ist chronisch.
Testo: Ich fürchte, damit muss man sich einfach anfreunden und sich die Leute suchen, denen es auch so geht.

Ihr mögt aber keine Gruppen, oder?
Grim: Ich will jetzt auch nicht auf Krampf der Außenseiter sein. Aber ich bin ganz glücklich darüber, keiner großen Szene zugeordnet zu werden.
Testo: Ich könnte mich auch gar nicht irgend­wo zuordnen. Meine Interessen schwanken zu sehr. Das ist als Künstler wahrscheinlich auch einfach so: dass man einen wirren Charakter hat, der überall langsprudelt. (lacht)

Euer Album heißt jetzt »Alle gegen alle«. Das könnte sich auf die Gesellschaft beziehen oder auf die Rapszene. Wie habt ihr es gemeint?
Testo: Es geht um Entfremdung in der Gesellschaft, Entfremdung voneinander und Entfremdung von sich selbst.

Bringt eure Musik Leute zusammen?
Grim: Zugezogen Maskulin bringen die Leute mal wieder an einen Tisch! (lacht)
Testo: Zumindest bringen wir die Leute zusammen, die zu Konzerten kommen und unter unsere Videos schreiben, dass sie dachten, sie wären die einzigen, die sich so unwohl fühlen.

Ihr provoziert vor allem auch viel. Reicht das?
Testo: Als Künstler reicht das schon. ­Provokation bietet Denkanstöße.
Grim: Und Provokation der Provokation wegen ist auch okay. Eine tiefere Ebene ist schön, aber wir machen ja keine Lösungsvorschlagsmucke.
Testo: Das kann Musik auch gar nicht leisten. Da müssen andere Leute ran. Als Künstler kann man aufzeigen, entertainen und ausdrücken, was einen bewegt. Aber dass wir mit unserer Musik die Probleme der Bundes­republik Deutschland lösen, das wäre zu weit gegriffen. Das wäre ein komischer Anspruch an Musik.

Auf eurem letzten Album hat »Oranienplatz« noch explizit ein politisches Thema angesprochen. Auf »Alle gegen alle« habt ihr auf solche Songs aber verzichtet. Warum?
Grim: Das hätte schon passieren können. »Oranienplatz« hatte sich einfach ergeben. Ich mag den Song gerne, aber es hat dann manchmal was Bevormundendes: Wir sind jetzt die Fürsprecher für jemand anderen. Aber ein Song über einen real existierenden Menschen ist besser, wenn er aus einem selber kommt und nicht unbedingt einer Agenda folgt.
Testo: Voll. Wenn es »Alles brennt« und ­»Oranienplatz« nicht gegeben hätte, dann ­wären wir wahrscheinlich auch auf diesem ­Album in die Richtung gegangen. Aber jetzt hätte es sich angefühlt wie »Oranienplatz 2«.
Grim: Und es hätte sich angefühlt, als würden wir eine Cash Cow melken wollen. Denn innerhalb dieser progressiven linken Blase kannst du mit einem Refugees-Welcome-Song leicht punkten. Aber wir wollen so was nicht zum Wohlfühlselbstzweck machen.

Jetzt haben wir viel über Sachen geredet, die ihr nicht gut findet. Was findet ihr gut?
Grim: Auf Musik bezogen mag ich Verschrobenes. Es wird sicher auch wieder Zeiten geben, in denen ich geleckte Jungmänner geil finde, die über geile Klamotten reden. Aber in diesem Überschuss an geleckten Jungmännern finde ich es schöner, weirde, kauzige Mucke zu hören.
Testo: Sachen, die aus Wien kommen zum Beispiel, wo das Schmuddelige noch mal ganz neu gearbeitet wird …
Grim: … Yung Hurn und Moneyboy zum Beispiel! (Gelächter)
Testo: Wanda, Voodoo Jürgens, Stefanie Sargnagel und so. Das ist etwas lockerer als dieses übercoole, durchgebrandete Sich-keine-Mühe-geben.

Die Beats auf eurem Album sind eher aggressiv. Seid ihr locker?
Grim: Nee, aber wir sind authentisch in unserer Krampfigkeit. Es ist kein Abkotzen um des Abkotzens willen. Ich werde aber wieder locker werden … bald.
Testo: Ich fühle mich jetzt schon wieder sehr viel lockerer als zu Beginn des Albumprozesses. Musik machen ist Entkrampfung.

Silkersoft hat viel produziert, auch ­Nikolai Potthoff und Kenji451. Zumindest der ist eigentlich locker.
Grim: Der Produktionsprozess durchlebt auch Phasen. Ganz am Anfang wollten wir so einen eiskalten, klirrenden Trap …
Testo: … Hauptsache anders als »Alles brennt«.
Grim: Hauptsache asozial – das war die erste Phase. Die zweite Phase war eher nach dem Motto: Uns geht’s so scheiße, wir machen nur noch traurige Lieder. Da kamen die Kenji-Beats ganz gelegen. Dann kam Silkersoft, und es hat wieder Spaß gemacht zu ballern.

Mögt ihr Footwork?
Grim: Ja, aber nur auf unserem Track »Yeezy Christ Superstar«. (lacht)
Darauf wollte ich hinaus. Auf dem Track gibt es eine, wenn auch relativ kurze, Footwork-Passage.
Grim: Rest in Peace, DJ Rashad. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Ich habe eigentlich überhaupt keine Ahnung von Footwork. Da ist Silkersoft bewanderter als wir.

Das ist ja schon Tanzmusik. Auf dem Album rappt ihr aber eher aus der Perspektive der Leute, die angeekelt vor dem Club stehen, ohne sich dabei zu bewegen. Wozu tanzt ihr?
(Gelächter)
Grim: Früher bin ich gerne tanzen gegangen, das hat mir richtig Spaß gemacht.
Testo: Das letzte Mal, an das ich mich erinnern kann, war bei einem Festival. Da gab es eine Aftershowparty, und Kraftklub haben einen Videoblog gedreht. Wenn die Kamera an war, hatte ich das Gefühl, jetzt so richtig mitmachen zu müssen. Dann lief Rage Against The Machine und wir haben Arm in Arm getanzt. Einmal war auch eine Prince-Charles-Party. Da hat DJ Stickle was von Drake aufgelegt und ich habe besoffen dazu getanzt. Gegenüber von mir stand Olson. Er hat auch getanzt.

Foto: Robin Hinsch

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #182.

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