Interview: Xavas

xavas

 

Königstreffen

 

Der Legende nach wollte Xavier Naidoo schon ein gemeinsames Album mit Savas machen, da hatten sie noch nicht einmal einen gemeinsamen Song. Bereits einige Jahre vor ihrer ersten Kollaboration auf »One« (»Was hab ich dir angetan«, 2005) schwebte dem deutschen King of Soul die Kräftebündelung mit dem deutschen King of Rap vor. »Es hat die Zeit gebraucht«, sagen jetzt beide. »Und jetzt ist der Zeitpunkt perfekt.« Xavier ist durch seine Tätigkeit bei »The Voice of Germany« bekannter denn je und hat mit seinem »Best of« jüngst locker Platin eingeheimst. Und Savas hat nach all den Jahren endlich auch sein Nummer-eins-Album. »Gespaltene Persönlichkeit« ist ein Königstreffen. Nennen kann man es, wie man will: Best of Both Worlds, »unausweichliche Fügung« ­(Xavier), geschickter Business-Move mit Benefit für beide Seiten oder eines der größten Deutschrap-Kollaborationsprojekte aller Zeiten. Hier treffen sich zwei erwachsene Männer, die sich in sehr vielen Dingen sehr ähnlich sind und in manchen komplett verschieden. Zwei Jungs, die sich schon lange kennen und immer geschätzt haben. Zwei Künstler, die beide ein außergewöhnliches Talent und zwei, drei unbezahlbare Autos besitzen und den Traum vom Musikerdasein leben, dafür aber auch härter gearbeitet haben als die meisten anderen. Hier wird nicht um den Thron gespielt – er wird sich kurzerhand geteilt.

 

 

Wie habt ihr euch früher gegenseitig künstlerisch wahrgenommen?
Xavier: Jeder dachte, Savas sei ein ­sexistischer und frauenfeindlicher Rapper, aber niemand hat mitbekommen, dass ich wegen ihm aufgehört habe, Fleisch zu essen. Als ich ihm das erzählt habe, hat er kapiert, wie eng meine Verbindung zu seiner Musik ist.
Savas: Xavier hat sich ja mit nur einem Album zum größten Sänger in Deutschland – gerade für unsere Generation – entwickelt. Ich hatte schon damals ein sehr enges Verhältnis zu 3p. Ich habe gleich gemerkt, Frankfurter und Berliner ticken gleich. Ich wollte Xavier aber nicht auf den Sack gehen. Ich fand das geil, dass er mich feiert, aber ich wollte ihn nicht totlabern, dass er auf meinem Album singt. Letztendlich hat es dann das Projekt »Wir beaten mehr« möglich gemacht – der ideale Zeitpunkt, jetzt mit der »Aura«-Eins.

 

War es von vornherein klar, alles selber zu machen und über Naidoo Records zu releasen?
Savas: Ja. Wir sind ja auch nicht in Amerika. Die ganzen Majors schauen eher, dass sie unten jemanden abgrasen, dem 100.000 Euro geben, dann das Album machen und eine Million verdienen. Die kommen nicht mit einem Koffer voller Millionen zu uns und wir dürfen damit machen, was wir wollen. Wir wären dumm, wenn wir das nicht selber machen würden.

 

Der Indie-Gedanke eint euch ja. Auf diese Unabhängigkeit habt ihr beide lange hingearbeitet.
Xavier: In meinem Fall hat sich das ja auch als die absolut richtige Entscheidung erwiesen. Es war nicht der einfachste Weg, aber auf jeden Fall der lohnendere, und für den inneren Frieden der beste. Ich kann morgen Ja zu einem Projekt sagen, ohne irgendjemanden anrufen zu müssen. Ich muss nur selbst dazu stehen.
Savas: Für mich war es kein Wunschtraum – ich hab nie darauf hingearbeitet. Ich wurde dahin gedrängt, weil ich keine falschen Versprechungen mehr hören wollte. Ich war nie ein überzeugter Indie-Ritter. Ich kann mir das Major-Ding nur einfach nicht mehr geben. Ich habe immer wieder mit Majors Gespräche geführt. Die Realität hat sich nicht verändert – die Majors kommen aus ihrem Trott nicht heraus und haben nach wie vor keine Eier, etwas Gewagtes zu starten.

 

Ist die Entscheidung, das Album über Naidoo Records zu ­veröffentlichen, wirtschaftlich mit einem Risiko ­verbunden?
Xavier: Wir haben ja beide gerade sehr erfolgreiche Zeiten hinter uns. Wir hätten uns also einen Misserfolg leisten können. Es wäre schon drin gewesen, das Ding an die Wand zu fahren. Aber eben nicht mit diesen Songs, die ich jetzt schon seit zwei Jahren höre. Wir müssten total falsch gewickelt sein, wenn das die Leute nicht hören wollen.

 

Ist es denn musikalisch oder für deine Karriere ein Risiko?
Xavier: Überhaupt nicht. Wir haben das Projekt ja auch gar nicht so geplant. Dass ich jetzt diese große Aufmerksamkeit mit »The Voice of Germany« habe, konnten wir vor zwei Jahren ja gar nicht wissen. Des­wegen hab ich ja auch Anfang des Jahres ein »Best of« veröffentlicht.

 

Und damit dann schön alles gerockt.
Xavier: Ja. Dann das erste Mal vier Wochen auf der Eins gehockt. Gut, ich hatte auch meinen Hund auf dem Cover. Das hat auch einiges ausgemacht. (lacht) Umso cooler ist es jetzt aber für mich, dass ich nun mit was ganz anderem nachlegen kann. Jetzt mit etwas zu kommen, was den einen oder ­anderen schockiert, das ist super. Ich liebe das.

 

Wie definiert ihr Xavas musikalisch?
Xavier: Es war allein auf einer spirituellen Ebene unausweichlich, dass wir was zusammen machen. Allein wegen der Verwandtschaft unserer Namen. Musikalisch wird das zu einer Einheit. Wie KRS-One sagt: »Rap is created for the non-singer.« Wenn Savas singen könnte, würde er wahrscheinlich nur singen. Und wenn ich besser rappen könnte, würde ich nur noch rappen. Beides auf deutscher Sprache zusammenzubringen, gehört einfach in unseren Verantwortungsbereich. Wir machen nicht nur Musik für uns. Wir wollen deutsche Musik weiterbringen, auf eine Art, die die Menschen begeistert.

 

Savas, du hast mal in einem Interview vor Jahren gesagt, dass du dich am ­liebsten hauptsächlich auf R&B ­konzentrieren würdest.
Savas: Ich war kürzlich bei »Sing um dein Leben« und habe den Talents da gesagt, dass ich so verdammt neidisch auf sie bin. Wenn ich so singen könnte, würde ich nie wieder rappen. Du kannst mit Gesang noch mal ganz andere Emotionen erzeugen.
Xavier: Das hat Moses schon ganz früh gesagt: Du kannst dir noch so viel Mühe geben als Rapper, aber der Sänger hat einfach noch die zwei Möglichkeiten mehr, ins Herz der Hörer zu gelangen.
Savas: Es ist wie mit einer 3D-Brille einen Film zu schauen oder ohne. Wir Rapper müssen die Emotionen zu einem großen Teil nur über den Text aufbauen.

 

 

Geht ihr als Rapper und als Sänger unterschiedlich mit Sprache um?
Xavier: Ich lege keinen großen Wert darauf, dass die Leute immer genau wissen, wovon ich rede. Und das ist bei Savas ähnlich.
Savas: Sehr viele Songs sind aus ­Gesprächen entstanden, die wir hatten. Wir haben über Beziehungen gesprochen, darüber, die richtige Frau zu finden und zu heiraten. Ich habe von der Zusammenarbeit unglaublich viel gelernt – einfach mal loszulassen und sich locker zu machen.
Xavier: Das ist ja auch gut, dass ich die gewisse Lockerheit mitbringen kann und Savas dann seine Detailverliebtheit hat. Das hat sich super ergänzt.

 

Musstet ihr für den anderen jeweils textliche ­Einschränkungen machen?
Xavier: Never. Eher das Gegenteil. Ich habe mir von Anfang an gewünscht, dass Savas keinen Deut von seiner Härte abweicht.

 

Fehlt dir bei ihm manchmal das ­Persönliche?
Xavier: Das ist ein offenes Geheimnis. Viele dachten immer, man erfährt von Savas nichts Persönliches. Mir ist nach zwei, drei Songs klargeworden, dass die Leute ihn so lyrisch und poetisch noch nie gehört haben. Ich wollte, dass sich Savas so öffnet, wie ich das mache. Ich mache Soulmusik – da muss ich manchmal die Hosen runterlassen. Ich habe ihm nicht gesagt, dass er die Hosen runterlassen soll, aber es war für ihn dann kein Thema mehr. Aber eben auch, weil wir nicht nur die Songs gemeinsam aufgenommen haben, sondern zusammen gelebt haben.

 

War es für dich bei Xavier manchmal zu viel?
Savas: Wenn ich die Tracks alleine höre, ist alles cool. Aber vor anderen Leuten ist es mir peinlich. Man glaubt eben, dass man sich krass angreifbar macht. Aber im Endeffekt gewinnt man nur an Stärke. Das war ein Riesenschritt für mich. Gegen »Gespaltene Persönlichkeit« ist »Aura« ein reines Battle-Album, gerade was die Themen Liebe und Beziehungen angeht. So habe ich noch nie darüber gesprochen. Xavier hat mich da wirklich aus der Reserve geholt.

 

 

Ein Song hört sich sehr nach einem Diss-Track an, ohne dass ein Name genannt wird.
Savas: Meinst du »Gegen die ­Freundschaft«? Das ist kein Diss-Track. Die Sachen, die gerade in letzter Zeit hochgekommen sind, sind mir viel zu wichtig und waren viel zu einschneidend für mich, als dass ich sie in einem Track verarbeiten würde. Ich will das nicht. Auf dem Song sprechen wir darüber, dass die Musik unser bester Freund ist. Aber der echte beste Freund will eigentlich diese Position einnehmen. Man kann nicht verstehen, dass man sich der Musik gewidmet hat. Das ist niemals ein Diss-Track, auch wenn die Emotionen echt sind. Ich habe das ja tausendmal erlebt. Ich bin ja mit vielen Leuten wegen irgendwelcher Scheiße durch Krisen gegangen. Alles war darauf zurückzuführen, dass Musik bei mir an erster Stelle steht.

 

Es ist schon ein Album voller »Kopf hoch«-HipHop-Songs geworden, oder?
Xavier: Wir haben das ja auch beide in den letzten zehn Jahren erlebt. Es bringt etwas, an sich zu glauben und daran festzuhalten. Mit der Kraft unserer rechten Hand bauen wir unsere Häuser und an unserer Zukunft. Ich kann nur jedem sagen, dass man an seinen Träumen festhalten und sich von niemandem stoppen lassen soll. Ich hatte das Glück, das zu erleben. Deswegen glaube ich fest daran. Ich bin ein glücklicher Künstler. Vielleicht habe ich dafür ein paar Sachen – zum Beispiel meine Anonymität – einbüßen müssen, aber ich kann nur jedem raten, sein Ding zu machen. Jetzt ist wieder die richtige Zeit für junge MCs, daran zu glauben und wirklich von dem Traum zu leben.

 

Die Faszination an der Natur teilt ihr offensichtlich auch, wie man im ersten Video sieht.
Savas: Es geht uns da ja gar nicht um Lagerfeuer oder so. Wir sind ja beide viel mit dem Auto unterwegs und fahren ständig durch die Natur. Für mich ist das die absolute Wahrheit. Wenn du auf einem Berg stehst, gibt es nichts Vergleichbares. Ich wollte dieses Video unbedingt in den Bergen drehen. Gott sei Dank hat mir Xavier freie Hand gelassen.

 

Im Hidden Track geht es um Satanismus und Kindesmissbrauch. Wieso?
Xavier: Mit dem Thema beschäftige ich mich schon seit 1996. Ich bin damals durch Charleroi in Belgien gefahren. Das war zwei Wochen, bevor dort der Kinderschänder Marc Dutroux hochgenommen wurde. Ich habe mich dabei so schlecht gefühlt, wie noch nie davor. Eine Woche später lese ich, dass genau dort dieser Typ Kinder im Keller gefangen hielt. Ich habe den Gedanken nicht mehr losbekommen, dass ich vielleicht dem Typen hinterhergefahren bin. Seitdem bin ich diesem Thema auf der Spur – gerade in Belgien. Dieser Marc Dutroux hat Spuren bis ins belgische Königshaus hinterlassen. Ich rede da ganz offen darüber. Das ist mir scheißegal. Ich werde jedem Menschen, der aus ­irgendwelchen Überzeugungen heraus Kinder tötet, das Leben schwer machen. Jeden Tag werden in Europa auf diese Art Kinder umgebracht und es redet niemand darüber. Da ich selbst als Kind mal in die ­Situation geraten bin, dass ich gedacht habe: Wenn ich jetzt nicht rauskomme, ­werde ich ­umgebracht, fühle ich mich verantwortlich dafür, das zum Thema zu machen. Mit Savas habe ich jemanden gefunden, der den Mut hat, das ähnlich zu sehen.

 

Wie steht ihr dann dazu, dass ­Rapper wie Cro oder Odd Future mit ­umgedrehten Kreuzen hantieren?
Xavier: Das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mit der katholischen Kirche selbst das Kriegsbeil ausgegraben. Ich bin ja überzeugter Katholik. Für jemanden, der sich über ein umgedrehtes Kreuz aufregt, habe ich größten Disrespekt. Für mich steht Jesus für etwas anderes. Ich kann wirklich sagen, dass ich dadurch gerettet worden bin, was Jesus getan hat. Aber das ist nur für mein Leben wichtig. Wenn jemand mit einem umgedrehten Kreuz rumrennt, interessiert mich das nicht.

 

Was konntet ihr euch musikalisch aus der Kollaboration ziehen?
Xavier: Ich muss jetzt alle Raps von Savas können, weil ich ihn live backen muss. Ich habe auch schon ein paar Doubletime-Sachen geschrieben. Es gibt noch Mittel und Wege, deutschen Gesang zu pimpen. Durch die Einblicke, die mir Savas verschafft hat, ändert sich auch die Sichtweise und das ­Kaleidoskop, wie man Worte wählt und ­Sätze bildet. Er ist einer der Besten. Ich muss da noch mal eine Schippe drauflegen.
Savas: Ich habe das Loslassen gelernt. Ich gebe ja auch ein Stück Verantwortung ab. Das ist optimal für mich. Xavier ist für mich wie ein großer Bruder.

 

Xavier, du bist mit jedem Album auf die Eins gegangen. Savas hat es jetzt auch geschafft. Die Frage nach den ­Erwartungshaltungen liegt nahe.
Savas: Die Songs sprechen für sich. Als wir den letzten Song im Kasten hatten, war die Sache schon gegessen. Jetzt ist es nur noch Absahnen. Wir ernten nur noch. Es spielt keine Rolle mehr, ob es jetzt auf der Zwei, Vier oder Eins landet. Ich würde natürlich lügen, wenn ich sagen würde, dass wir uns freuen, wenn das Album nicht Top 10 geht.

 

 

Mit Xavier als Partner und auch dem Bundesvision Song Contest wirst du mit einer Welt konfrontiert werden, die du eigentlich eher meidest.
Savas: Eigentlich stelle ich mich auf die Bühne, rappe zwei Stunden durch und die Leute halten mich für eine Maschine. Erst vor ein paar Tagen musste ich im Fernsehen einen Sechzehner rappen und kackte ab. Die Kameras sind auf mich gerichtet, da sitzt ein Otto und eine Cindy aus Marzahn neben mir und ich verzocke meinen Text. Ich hätte mir in die Fresse schlagen können. Aus diesem Holz bin ich einfach noch nicht geschnitzt.
Xavier: Die Bundesvision-Sache wird auf jeden Fall interessant. Da ist HipHop richtig groß vertreten. Eigentlich sind wir da die Favoriten. Aber Cro ist eigentlich gerade viel erfolgreicher als wir. Das ist schon ein bisschen ein Kampf der Generationen. Alt gegen jung. Vielleicht ist der erste Platz nicht drin, weil wir einfach nicht so heiß sind wie die anderen.

 

Xavier muss sich jetzt mit den HipHop-Hatern rumschlagen.
Xavier: Ich habe ja das Glück, dass ich immer wieder mit Rappern zusammenarbeite. Wenn ich auf dem Splash! bin, bekomme ich immer sehr großen Respekt. Da bin ich akzeptierter, als man sich das vorstellen mag. Aber die Kommentare sind mir jetzt nicht entgangen: Savas ist cool, Xavier ist schwul. Aber ich hab auch schon gelesen, dass ich besser bin als Savas. (lacht)

 

Das HipHop-Ding wird man nicht los.
Xavier: HipHop ist die erste Musik, die mich richtig gepackt hat. Ich habe Rakims Raps nachgerappt und wollte wie Big Daddy Kane rappen. Aber ich konnte eben nur singen. Wenn ich kein Talent für Gesang gehabt hätte, hätte ich alles dafür getan, deutscher Rapper zu werden.

 

Wie nennt ihr denn selbst die Musik, die Xavas macht?
Savas: Vielleicht am ehesten Soulrap.
Xavier: Stimmt. Cro würde wahrscheinlich sagen, wir machen Soap.

 

Text: Alex Engelen

 

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