Weekend: »Schwächen einfach Schwächen sein zu lassen, ist eine Art von Stärke.«// Interview

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Am Freitag hat Weekend sein Album »Lightwolf« nach drei Jahren musikalischer Pause veröffentlicht. Es ist politisch, macht Spaß und bildet die Phase eines Künstlers ab, der nicht wirklich erwachsen werden will, aber gleichzeitig schon Verantwortung für seine Familie trägt. Grund genug mit dem Gelsenkirchener über kreative Phasen, Deutschrap und Männlichkeit zu sprechen.

Es ist das erste Mal seit fast drei Jahren, dass du neue Musik rausbringst.
Ja, verrückt irgendwie. Ich weiß gar nicht wie lange das den Musikhörer*innen vorkommt. Drei Jahre ist schon super viel, obwohl natürlich nicht jede*r darüber nachdenkt, was eigentlich Weekend macht und wann eine neue Platte kommt. Mir selbst kam es ultra lang vor und in dieser Zeit sind viele Dinge passiert, aber ich bin happy. Ich bringe nicht nur neue Mukke raus, sondern bin auch weiterhin im Studio. Künstlerisch läuft es seit einem Jahr wieder richtig gut.

Woran liegt das?
Ich glaube die Pause an sich war eine gute Sache. Sich diese Auszeit einfach zu erlauben. Das ist marketingtechnisch natürlich die dümmste Sache, die man machen kann. Bei meiner letzten Platte habe ich Song für Song rausgehauen und man konnte sehen, wie die nacheinander immer größer wurden. Dann hab‘ ich drei Jahre nichts rausgebracht und jetzt muss man sich seine Reichweite wieder aufbauen. Aber auch, wenn jeder Label A&R mir da widersprechen würde, war das künstlerisch wichtig. Komplett raus und dann neu ins Studio. 

Label A&Rs haben dir mittlerweile ja nicht mehr so viel zu sagen, denn das Album kommt auf deinem eigenen Label „ilovewochenende“ raus.
Ja. Ich zucke immer ein bisschen zusammen, wenn das jemand sagt, weil es so klingt, als würde ich mit dem Label halb Deutschrap signen wollen. Im Endeffekt ist ein eigenes Label im Jahr 2020 gar nicht so verrückt. Es heißt eigentlich, dass ich die ganze Arbeit mache, in die ich bisher eh involviert war. Ich und meine Leute vor Ort waren auch bisher schon für den kreativen Teil zuständig, egal ob Ideen fürs Cover oder die Konzeption für das Video. Jetzt schreiben wir einfach noch ein paar Mails mehr, das passt schon.

Für dich also keine große Umstellung?
Natürlich macht es einen Unterschied, ob du bei einem Label bist oder das alleine machst. Wir können uns auch gar nicht mit der Arbeit von Chimperator vergleichen, die meine Platte in Mediamarkt- und Saturn-Stores im ganzen Land verteilt haben. Wir verticken ein paar CDs im eigenen Online-Shop. Aber es ist 2020 vielleicht auch gar nicht mehr so wichtig, seine Platten im Saturn platziert zu haben. Früher war es eine ganz andere Aufgabe, Künstler in Deutschland zu platzieren. Außerdem habe ich die Sache gerne in den eigenen Händen und bin da schon akribisch. Für mich gehören Videodreh und Cover zum kreativen Prozess, in den ich involviert sein möchte. Am Ende gibt es viel zu tun, aber ich bin happy damit.

Das aktuelle Cover zeigt nicht dich, sondern einen Jungen mit Maske. Wie bist du auf dieses Motiv gekommen?
Es gibt immer Input von Leuten, mit denen ich arbeite, und welchen von mir. Aus diesem Prozess entsteht dann ein Cover. Beim aktuellen hat Jonas Kaltenkirchen, der jedes meiner Cover gemacht hat, die Maske aus seinem Urlaub mitgebracht. Zusammen haben wir dann überlegt, einen hageren Typ, der aber auch eine selbstbewusste Körperhaltung hat, hinter der Maske zu platzieren. Ich finde es auch ganz gut, die eigene Fresse nicht immer hinhalten zu müssen. Ich bin gerne Musiker, aber gar nicht so gerne die Figur, die in die Insta-Stories quatscht. Daher ist es für mich ein gutes Feeling, wenn vorne auf dem Cover war Künstlerisches ist und ich nicht so aussehen muss.

Siehst du dich im Cover trotzdem selbst repräsentiert, als der etwas schwächliche Junge, den du im Titeltrack »Lightwolf« beschreibst?
Klar, natürlich soll das eine Darstellung einer Emotion sein, die von mir kommt. Aber ich finde gar nicht, dass es da nur um den hageren Jungen geht, es ist auch viel die Maske. Im Titelsong geht es ja auch nicht nur ums Einstecken, sondern auch ums Austeilen, starke Momente und schwache Momente. Das ist der rote Faden des Albums, auf dem ich mal richtige Rückenwind-Momente habe und dann wieder Situationen, in denen mir gar nichts gelingt und ich auch Dinge preisgebe, die viele Rapper nicht über sich sagen würden. Ich finde das Bild fasst diese Ambivalenz gut zusammen, alleine vom Feeling her.

Ist es dir schwergefallen, diese intimen Momente auf dem Album stattfinden zu lassen?
Beim Schreiben für das Album nicht, aber es hat insgesamt ziemlich lange gedauert, bis ich das so machen konnte. Ich habe auch davor schon viel über meine Schwächen gerappt, aber habe sie oft verwitzelt und so wieder zu einer Stärke gemacht. Das kann auch gut sein und ist auf dem neuen Album bestimmt auch passiert. Aber diese Schwächen einfach Schwächen sein zu lassen, ist eine andere Art von Stärke. Sich einzugestehen, dass ich manchmal einfach nicht selbstbewusst bin. Dass ich im Backstage oder auf dem Festival der zurückhaltende bin und erstmal warm werden muss, während die anderen Rapper laut sind. Das ist nichts dramatisches, es ist einfach so, aber ich fand es interessant, diese Dinge einfach mal klar auf den Punkt zu bringen und die Schwächen nicht zu Stärken zu machen.

Fiel es dir schwer, diese Rolle als zurückhaltender Rapper zu akzeptieren?
Das ist eher etwas, was ich im Nachhinein reflektiert habe. Ich finde, es gibt eine ganz geile Entwicklung im Deutschrap, die dahin geht, dass die Leute nicht immer der laute, unangreifbare Klischee-Rapper sein müssen. Ich finde zum Beispiel, dass Sierra Kidd einen riesigen Schritt gemacht hat, indem er sich geöffnet hat und über psychische Probleme gesprochen hat. Das fand ich überkrass, das war das stärkste, was ich im Deutschrap bisher gesehen hab. Und da gibt es ein paar Beispiele von Leuten, die offen mit solchen Themen umgehen. Gerade gibt es eine geile Grundstimmung, Deutschrap ist auch politischer geworden. Vielleicht höre ich aber auch einfach die richtigen Sachen.

Bist du da in deiner Bubble gefangen?
Ich habe mich zumindest davon verabschiedet, ganz Deutschrap zu konsumieren oder auch nur zu kennen. Vor fünf Jahren hätte es mich krass gestört, wenn sich ein Rapper im Club danebenbenommen hätte, weil ich wollte, dass wir eine geile Bubble sind, die für was gutes steht. Mittlerweile denke ich das nicht mehr. Nicht weil ich resigniere, sondern einfach, weil die Bubble viel zu groß ist. Ich kann mich damit abfinden, dass es einen coolen Teil von Deutschrap gibt und einen, wo jede Woche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0 Uhr die neue Single erscheint. Aber ich habe dadurch auch aufgehört, ein krasser Hater zu sein. Das tut mir gut. Jetzt finde ich es angenehm, die Sachen zu hören, die mir gefallen und beim Rest teilweise festzustellen, dass ich das nicht kenne. Das ist auch ok. Ich hatte nicht immer ein gesundes Verhältnis zu der Kultur, in der ich mich bewege.

Haten die Leute eigentlich deine Musik?
Ich habe tatsächlich wenig Negatives mitbekommen, seitdem ich wieder Musik rausbringe. Ich war innerlich sogar darauf eingestellt, jetzt wieder YouTube-Kommentare zu lesen, da muss man halt durch. Ich habe das dann bei den ersten Singles auch gemacht und dachte nur: »Wow, die sind alle voll nett.« YouTube war immer ein ungemütliches Pflaster, aber ich erkläre mir das so, dass ich mittlerweile auch meine eigene Bubble habe, für die ich Mukke mache. Ich finde gar nicht in dieser Welt statt, wo Leute Shisha Cafe-Playlisten hören. Die würden mich mit Sicherheit haten, aber die wissen gar nicht, dass es mich gibt. Das ist ganz angenehm. Dieses Dasein auf dem Präsentierteller ist mir schwerer gefallen als jetzt, wo ich vielleicht klein bin, aber trotzdem eine Tour spielen kann, ein paar Platten verkaufe und das Streaming auch läuft. Es fühlt sich an, als wäre ich angekommen.

Trotzdem hatte ich bei deinem Track „Bojack Horseman“ den Eindruck, dass das Leben eines abgefuckten Rockstars schon reizvoll für dich ist. Du sagst ja selber, dass du wie Bojack sein willst.
Und wer will schon ein drogenabhängiges Pferd sein? Ich finde Bojack Horseman steht für seine krasse Großherzigkeit. Er baut riesige Scheiße, aber sonst ist er oft eine moralische und geschmackliche Instanz und man liebt ihn ja. Es gibt tausend Gründe, ihn zu lieben, und vier bis fünf sehr schwerwiegende Gründe, ihn zu hassen. Er führt ein sehr bewegtes Leben mit großen Höhen und Tiefen, es ist niemals normaler Alltag. Dieser Wunsch, sich etwas zu trauen, was nicht die sichere Variante ist, schwingt da mit. Er ist einfach ein großer Sympathieträger. Der Wunsch, wie er zu sein, ist hochgradig dumm, aber ich lieb‘ ihn halt. Ich will nicht im Supermarkt stehen und einkaufen, ich will was verrücktes machen. Und er trägt die Konsequenzen für sein schlechtes Handeln. Er ist gleichzeitig der arme Schlucker und der Held der Serie.

Du kommst ursprünglich aus Gelsenkirchen. Lebst du dort noch?
Ich wohne mittlerweile in Stuttgart und bin zu meiner Frau gezogen. Aus dem größten Ballungsgebiet Deutschlands in das dann doch eher beschauliche Stuttgart. Es hat mich persönlich weitergebracht, mit Mitte 20 noch einmal in eine neue Stadt zu ziehen. Aber meine Heimat ist weiterhin Gelsenkirchen.

Der Song »Kotzen« klingt auf jeden Fall nach viel Ablehnung für die Gentrifizierung und Bürgerlichkeit, die du beobachtest.
Das bezieht sich auf Stuttgart-Süd, quasi Prenzelberg von Stuttgart. Da haben wir ein paar Jahre lang gewohnt. Gelsenkirchen ist halt Rock’n’Roll und graue Hausfassaden und dann kommst du nach Stuttgart-Süd und hier ist es ganz anders. Hier ein paar Pflanzen, dort eine Verkehrsinsel mit Kräutern für alle und wenn wir Bücher übrig haben, stellen wir sie einfach vor die Haustür zum Verschenken. Sowas hab’ ich in NRW noch nie gesehen. Keiner stellt Bücher oder Möbelstücke zum Verschenken vor die Tür. In Gelsenkirchen kommt dann das Ordnungsamt und sagt: »Bring deinen Scheiß selbst zu Müll.« Hier ist es die Kultur einer liberalen Oberschicht. Den Leuten geht’s so gut, auch finanziell, dass sie sich Gedanken darüber machen können, was sie gegen den Klimawandel tun wollen und wie sie weniger Plastik benutzen können. Das ist ja auch gut, ich versuche das auch zu machen, aber es ist eben auch ein Luxus, solche Dinge zu seinen Problemen zu machen.

Es war ein Kultur-Clash, hierher zu kommen. Ich will auch nicht immer sagen, dass Gelsenkirchen abgefuckt und grau ist. Ich will die Stadt nicht dissen, weil ich lieb’s dort. Das Ruhrgebiet hat auch total schöne Ecken. Aber es gibt natürlich in der sozialen Infrastruktur auch Probleme, die sich in einigen Rankings zu Bildung etc. zeigen. Die Stadt kommt halt aus dem Kohlebergbau und hat immer noch daran zu knabbern, dass das weggefallen ist. Die Stadt leidet auch darunter, dass drumherum so viele große Städte sind. Die haben alle ein Einkaufszentrum und als Gelsenkirchener gehst du zum Shoppen halt nach Essen, Bochum oder Oberhausen. Wenn du in einen Club gehen willst, ist es dasselbe. Das hat die Stadt ein wenig ausbluten lassen. Ich würde super gerne ein Konzert in Gelsenkirchen spielen, aber es gibt keine Location dafür. Nur eine, wo sonst Comedians auftreten. Die haben nur „Rap“ gelesen und gemeint, dass sie es nicht machen. Deshalb spielen wir eben in Dortmund.

Siehst du deine Zukunft trotzdem in Gelsenkirchen?
Das sind auf jeden Fall die Diskussionen, die wir am Küchentisch führen. Das ist eine Entscheidung, die nicht nur mich, sondern meine gesamte Familie betrifft. Ich glaube, ich würde mein Kind nicht aus der Grundschule rausholen, nur um wieder zu meinen Freunden nach Gelsenkirchen zu ziehen.

Wenn du über das Vater-Sein rappst, ist dein Album eigentlich schon Grown-Man-Rap?
Kannst du so nennen. Ich verarbeite einfach, wie das für mich war. Ich habe echt einige krasse Erfahrungen in meinem Leben gemacht und nichts ist ansatzweise damit vergleichbar, Vater zu werden. Für mich war es klar, dass ich mich damit auch musikalisch beschäftigen werde. Ich habe lange überlegt, ob ich es auch veröffentliche und habe dann einen Song genommen, der weniger Beschreibungen von meiner Tochter enthält und sich mehr um mich dreht. Der Song war mir wichtig und ich habe mich wohl damit gefühlt, den Track zu veröffentlichen.

Ich störe mich zumindest nicht an dem Begriff Grown-Man-Rap, aber ich fühle mich nicht Grown-Man. Ich habe nicht das Gefühl, ein angekommener Mann zu sein. Aber wahrscheinlich fühlt sich niemand jemals komplett angekommen, nicht mal unsere Eltern. Ich bin einfach ein rappender Papa. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache, kann ich weiterempfehlen.

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