Visa Vie: »Durch #DALI kann ich Dinge erzählen, die tatsächlich passiert sind« // Interview

Mehr als fünf Jahre galt Visa Vie als absolute Instanz in Sachen Deutschrap-Berichterstattung. Auch nach ihrem Weggang bei 16bars Mitte 2015 ist die Berlinerin HipHop treu geblieben – als Radiomoderatorin, DJ und in ihrer eigenen Youtube-Show. Nun schlüpft sie mit dem Podcast-Projekt »Das allerletzte Interview« in eine neue Rolle: Als Autorin und Sprecherin einer fiktiven Crime-Story.

Wie viel Vergangenheitsbewältigung steckt in »Das allerletzte Interview«?
Schon ein wenig. Ich habe über die Jahre definitiv Interviews geführt, bei denen ich mir irgendwann dachte: »Was zum Teufel ist eigentlich dein Problem?« Aber als Visa Vie hab ich nie den Punkt erreicht, an dem ich einen Rapper umbringen wollte. Es gab jedoch immer wieder Situationen vor, während und nach Interviews, die ich als absolut unfair empfunden habe. Außerdem haben mir Rapper wieder und wieder vorgeworfen, ich würde sie boykottieren und ihnen Steine in den Weg legen. Eskaliert ist es zwar nie, aber unangenehm war es trotzdem.

Du führst auch nach deinem Weggang bei 16bars weiterhin Interviews mit Rappern. Trotzdem war es eine Art Rückzug. Hat dich die Zeit traumatisiert?
Es geht mir seitdem auf jeden Fall besser, deswegen bereue ich die Entscheidung nicht. Es war ja auch toll, dass unsere Interviews so im Fokus standen, doch der Druck war dadurch enorm.

Wie kam es letztendlich zu »Das aller­letzte Interview«?
Spotify hatte Interesse an einer Zusammenarbeit. Ich wollte aber keinen HipHop-Podcast machen, damit hätte ich mein eigenes Schaffen kannibalisiert. Dass ich nun Rap und Krimi verbunden habe, war eine Art Eingebung, die mir in einem Meeting kam. Diese Ausgangssituation »Moderatorin tötet Rapper« lässt vielleicht tief blicken in das, was bei mir unterbewusst in den letzten Jahren schiefgelaufen ist. Ich wurde immer wieder dazu ermutigt, all das aufzuschreiben, was ich über die Jahre in der Rapszene erlebt habe. Aber ich hatte nie Lust, irgendwelche Leute in die Pfanne zu hauen. Durch das Hörbuch habe ich nun die Chance, Dinge einfließen zu lassen, die mir oder Bekannten in der Form tatsächlich passiert sind.

»Ich wollte keinen HipHop-Podcast. damit hätte ich mein eigenes Schaffen kannibalisiert.«(Visa Vie)

Was fasziniert dich so am Krimi?
Ich bin nicht nur großer Fan von Kriminalfiktion, mich faszinieren vor allem reale ­Fälle. Ich habe die »Stern Crime« abonniert, schaue für mein Leben gerne »Aktenzeichen XY« und »Medical Detectives«. Ich besitze sogar das »Lexikon der Serienmörder«. Das ist einfach ein Spleen von mir.

Wie viel #metoo steckt in dem Projekt?
Eine Menge, wenn auch subtil. Für mich selbst fühlte sich das nicht so schlimm an – für mich galt vieles als normal, und ich habe es dementsprechend nicht hinterfragt. Aber es wächst gerade eine neue Generation an Moderatorinnen heran, die diese Sachverhalte reflektiert und sich explizit dazu äußert. Vieles, was ich in die Story von »DALI« habe einfließen lassen, hilft mir, Dinge zu verarbeiten, die mir im Laufe meiner Tätigkeit als Moderatorin nur deshalb passiert sind, weil ich eine Frau bin.

Foto: Marlen Stahlhuth

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #188. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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