Tricky vs. The Beats (JUICE #151)

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Tricky dreht unruhig an seinen dünnen Dreads und verliert seinen Gedanken. Das Rauchverbot im Berliner Szene-Hotel erleichtert die Arbeit für keinen der Anwesenden. Tattoos und drei Jahrzehnte Künstlerdasein, in denen Tricky gegen seine inneren Dämonen ansang, haben den schmächtigen TripHop-Poeten aus Bristol gezeichnet. Es ist der erste sonnige Frühlingstag, an dem der Promo-Marathon für sein neues Album »False Idols« beginnt – das Album, das sich am deutlichsten an seinem hochgelobten Klassikerdebüt »Maxinquaye« von 1995 orientiert, und das sich von den verschrobenen Punk-Pop-Experimenten der letzten zehn Jahre distanziert. Tricky ist aufgedreht und zuvorkommend. Während er noch isst, erzählt er von seiner Gleichgültigkeit gegenüber Jimi Hendrix und lästert über Drake. JUICE spielt ihm Lieder von alten Wegbegleitern und neuen Wegbereitern vor.
 

 
GOLDIE
Inner City Life (1995)
Goldie? Ja, ich erinnere mich. Trifft nicht wirklich meinen Geschmack, um ehrlich zu sein. Jungle hat mich nie wirklich begeistert. Es gibt ein paar Tracks und Drum-Patterns, die interessant sind. Aber für Szenen habe ich mich nie interessiert. Das Problem ist, dass Jungle sich nie weiterentwickelt hat. Es gab ein paar gute Tracks, mir geht es aber um richtige Songs und Alben. Das ist die höchste Kunst. Ich glaube, Drum’n’Bass kommt in England gerade wieder zurück. Wenn es sich jedoch erhalten will, muss irgendjemand lernen, Alben zu schreiben. Ansonsten wird es auf ewig ein Untergrundthema bleiben.
 
TYLER, THE CREATOR FEAT. ERYKAH BADU
Treehome 95 (2013)
Ist das Tyler? Kennst du Hopsin? Hast du gehört, was er über ihn gesagt hat?
JUICE: Er hat ihn gedisst.
Nein. Das war kein Diss. Ein Diss ist, wenn du jemandem den Respekt verweigerst. Aber er hat ihm die Wahrheit erzählt. Man mag das als Diss sehen, wenn man die Wahrheit nicht ertragen kann. Anschließend habe ich mir Tyler nie mehr reingezogen. Denn was Hopsin über ihn sagt, hat sofort meine Meinung geprägt. Für mich hat er damit seine Karriere zerstört. Hopsin ist wirklich gut. Er hat Zeilen wie: »You act like getting shot and selling drugs is good« oder: »You corrupt the minds I hang with«. Er redet über Lil Wayne und Rick Ross. Ihm geht es nicht um Geld, Diamanten oder Plattenverkäufe. Er ist Realist. Ich denke, Hopsin tut der HipHop-Kultur sehr gut. Er nimmt diese ganzen Skateboard-Jungs auseinander.
 
FLYING LOTUS
Getting There (2012)
JUICE: Das ist Flying Lotus. Sein letztes Album wurde als Hommage an den TripHop der Neunziger interpretiert, den du ja quasi miterfunden hast.
Ich habe davon gehört, aber es regt sich gar nichts in mir, wenn ich das höre. Ich gebe ihm Respekt, was nicht heißt, dass ich es verstehe. Das ist nichts, das mich länger beschäftigt – ich habe einfach keine Verbindung dazu.
 
MASSIVE ATTACK
Splitting The Atom (2010)
Das ist schon besser. Der Song davor war mir zu chaotisch. Ich mag monotone Musik. Wenn etwas gut ist, kann ich es die ganze Zeit hören. Das würde ich mir über Kopfhörer anhören, wenn ich einen Spliff rauche.
JUICE: Das ist von ihrem letzten Album. Hast du das noch verfolgt?
Nein, aber das hier mag ich. Ich finde überhaupt, sie sollten mehr solche Musik machen. Diese House-Richtung, die sie einschlugen, war scheiße. Das Problem, das ich mit dem Song hier habe: Er beginnt schön und driftet dann in die Radio-Richtung ab. Was soll das? Aber im Grunde genommen ist das HipHop. Die Stimme von Daddy G ist schlecht, er ist einfach kein Sänger. 3D übrigens auch nicht. Wenn er rappt, empfinde ich ähnlich. Rap ist Kampfsport, es ist ein Wettbewerb. Mein kleiner Bruder würde ihn am Mikro zerstören. 3D war mal gut, aber das ist Jahre her. Heute regiert eine ganz andere Generation. Mein Bruder kann spitten, er rappt über die Realität. Die meisten glorifizieren, wie viele Jahre sie hinter Gittern verbrachten. Mein Bruder rappt darüber, dass er eingesperrt ist und keiner ihn vermisst, geschweige denn besucht. Da kann 3D einfach nicht mithalten.
 

 
JAY Z
Open Letter (2013)
Jay-Z? Er ist okay. Ich weiß nicht allzu viel über ihn, denn ich höre mir keinen Pop-Rap an. Ich stehe auf Capone-N-Noreaga. Jay mag ein großer Künstler sein, aber er war weder ein Gangster, noch war er Drogendealer. Was an sich nichts Falsches ist, ich war auch nie ein Gangster, gut, ich habe vielleicht Drogen verkauft. Klar ist er talentiert, aber wenn du seine Zeilen auseinandernimmst, entspricht doch nur die Hälfte der Realität. Capone hat diese Zeile: »Blow a stiff circle in the yard.« Er redet also davon, wie er im Knast kifft und ganz offensichtlich weiß er, wovon er redet. Ich mag Musik mit Realitätsbezug. Was nicht heißt, dass ich das Gangster-Dasein verherrlichen oder verharmlosen will. Aber Capone verkörpert das für mich. Zeilen wie: »I leave blood in your shoes« oder: »I keep my work in my closet« verstehen nur diejenigen, die in einem Umfeld aufwuchsen, in dem Gewalt zum Alltag gehört.
 
PUSHA T
Numbers On The Boards (2013)
Wo kommt er her?
JUICE: Aus Virginia.
Virginia ist ein rauer, ignoranter und tougher Ort. Wenn er dort aufwuchs, weiß er vermutlich, wovon er redet. Ich mag seine Stimme.
JUICE: Der Beat ist von Kanye West.
Ich bin kein Fan, aber er macht gute Musik. Das ist unbestreitbar. Seine Pop-Persona ist mir zu sehr Achtziger. Das erinnert mich an Prince. Die Zeit der großen Popstars ist doch längst vorbei. Ich verstehe diesen Lifestyle nicht, dieses ganze Kim-Kardashian-Ding. Normalerweise höre ich mir keine Musiker an, die in der Klatschpresse stattfinden. Er mag gut sein, aber ich sehe in ihm nur diese Berühmtheit und schalte dann ab. Er hat trotzdem großartige Musik produziert. Über einen Song wie »Niggas In Paris« kann es keine zwei Meinungen geben.
 
TNGHT
Acrylics (2013)
Auf Ecstasy und ein paar Drinks könnte ich mir das vorstellen. Das ist gute Musik für den Club, aber nichts für zu Hause. Im Club kann das funktionieren. Die Menge rastet bei so etwas bestimmt aus. Wenn ich DJ wäre, würde ich das spielen. Die Music Box, die sie hier eingespielt haben, ist wunderschön.
JUICE: Bist du Fan der 808?
Ich liebe diese Drum-Machine. Alles feiert irgendwann eine Renaissance. Erinnere dich, wie es war, als der Wu-Tang Clan rauskam, oder Juvenile. Er hatte diesen Song, »Ha«, ich lebte damals in New York. Als ich den Song im Radio hörte, rief ich sofort meinen Manager an. Ich sagte ihm, dieser Typ wird das Gesicht von HipHop verändern. Der damalige HipHop war überproduziert. Es gab nur Puffy, Ma$e und weiße Anzüge. Als Juvenile »Ha« rausbrachte, war das übertrieben hart. Aber so ist das, wenn sich Musik überproduziert, die Leute gehen wieder einen Schritt zurück. Momentan versuchen die Leute, mit der 808 einen authentischen Sound zu erzeugen, um gegen den Pop anzukämpfen. Es bewegt sich zyklisch.
 
WILEY FEAT. SKEPTA, JME & MS D
Can You Hear Me (2012)
Ich mag einiges an UK-HipHop, besonders wegen den Raps. Wileys Stimme ist super. Er gefällt mir, weil er eingebildet ist und dabei trotzdem sympathisch rüberkommt. Ich höre den britischen Akzent einfach gerne im Rap. Wie kann man als Engländer versuchen, wie ein Amerikaner zu klingen? Dieses Konzept verstehe ich nicht. Wiley hat einiges in England bewegt. So viel ich weiß, scheint es mit ihm aber vorbei zu sein.
JUICE: Wie hast du die Entstehung der Grime-Szene miterlebt?
Ich fand das krass. Die urbane Jugend wird durch HipHop informiert, was gut ist. Aber man kann den amerikanischen Ansatz hier nicht einfach kopieren. Leider gab es in meinen Augen nie dieses eine stilprägende Album. Kennst du die London Posse? Von ihnen stammt das erste und einzige wirklich gute UK-HipHop-Album. Das war unglaublich. Roots Manuva ist auch ein gutes Beispiel dafür. Er ist ein hart arbeitender, konstanter Künstler und versucht sich nicht an bekannten Künstlern hochzuziehen.
 
BURIAL
Archangel (2007)
Was ist das?
JUICE: Burial.
(seufzt) Das verstehe ich nicht.
JUICE: Ich hätte gedacht, dir gefällt dieses Düstere?
Ich weiß nicht, ob ich das düster nennen würde. (hört aufmerksam zu) Nein, das denke ich nicht. Capone ist düster. Verglichen mit meiner Musik ist das nichts. Wenn du über Dunkelheit sprechen willst … Als ich in L.A. war, rauchte ich einmal einen Spliff mit einem Gangster-Typen. Und ich rede von einem wahren G, nicht von einem dieser Musiker. Er sagte zu mir: »Manchmal habe ich Probleme, deine Musik zu hören, denn wenn ich stoned bin, flößt sie mir zu viel Angst ein.« Eigentlich sollte es eher umgekehrt sein. Aber nein, ein Typ, der buchstäblich in der Finsternis lebt, kann sich meine Musik nicht anhören.
 
SIOUXSIE AND THE BANSHEES
Happy House (1980)
Ich liebe es! Ein Klassiker! Sie ist ein unverwechselbares Individuum. Wo sind diese individuellen Bandleader heute geblieben? Der erste Ton beginnt und du weißt sofort, wer es ist. Ihre Stimme ist einmalig. Wir könnten mehr solcher Sängerinnen heute gebrauchen.
JUICE: Auf »Nearly God« hast du ihren Song »Tattoo« gecovert.
Ja, und ich traf sie bereits. Wir unterhielten uns über die typischen Pop-Müll-Künstler und ich wunderte mich, wie Leute so etwas hören können. Sie meinte: »Ja, aber drei Millionen Menschen gehen auch zu McDonald’s«. Sie lässt sich auf keine Kompromisse ein.
JUICE: Ist das Teil deiner Punk-Vergangenheit?
Ja, und nicht nur Punk. Popmusik in England war nicht zwingend Popmusik im heutigen Sinne. »Ace of Spades« von Motörhead war ein Riesenhit. Heute wäre das nicht mehr möglich. Damals nannte man das englische Popmusik, obwohl es eigentlich Punk war. Das Radio spielte nicht zwingend Sachen wie Justin Timberlake oder Justin Bieber. Lieder wie »Ace of Spades« konnten auf Platz eins gehen. Pop und Punk sind hier tief verwurzelt.
JUICE: Ist es nicht ironisch, dass die Sex Pistols eine Casting-Band waren?
Oh ja. Die Sex Pistols waren nicht echt. Johnny Rotten ist ein Vollidiot. Sid Vicious hingegen hatte etwas Besonderes an sich. Das ist eine tragische Geschichte einer verlorenen Seele. Der andere war einfach ein Geschäftsmann. Johnny taucht noch im Fernsehen auf und erzählt davon, wie er auf der Bühne gekotzt hat. Wen zur Hölle interessiert das? Du denkst, das ist Punk? Ich habe drei Menschen in meiner Familie durch Morde verloren, zwei wurden erstochen, einer erschossen. Und du denkst, du erregst Aufsehen, indem du auf die Bühne kotzt. Ich denke, du bist eine Pussy. Kürzlich hat er der Queen an ihrem Geburtstag ein Ständchen gesungen. Er sollte das Establishment eigentlich bekämpfen. Das zeigt doch nur, das alles eine Lüge war.
 
SOUL II SOUL
Back To Life (1990)
Jazzie B [Produzent von Soul II Soul und Gründungsmitglied von Wild Bunch, Anm. d. Verf.] ist ein sehr guter Mann. Er braucht diesen Popstar-Ruhm nicht. Ich sehe ihn nicht mehr häufig, aber wenn, dann ist er jedes Mal ausgeglichen. Ich weiß nicht viel über Soul II Soul, ich stand schon damals mehr auf die härteren Straßensachen, wie etwa Public Enemy. Trotzdem habe ich riesigen Respekt vor Jazzie. Er hat die Dinge in England grundlegend verändert.
 
JAMES BLAKE FEAT. THE RZA
Take A Fall For Me (2013)
Hatte er nicht diesen Hit, der eigentlich ein Cover-Song war?
JUICE: »Limit To Your Love«, ein Cover von Feist. Das ist ein neuer Song mit The RZA.
Nachdem ich erfuhr, dass es nur ein Cover war, hörte ich mir nur noch die Originalversion an. Aber klar, er ist ein talentierter Junge. Mit RZA habe ich auch schon zusammengearbeitet, ein Straßenjunge und ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Musiker aus allen Genres fragen bei ihm an. Er schlägt Brücken. Wie heißt der Typ nochmal? James Blake? Er ist gerade der gehypte Künstler und geht zu RZA – das zeigt doch, was für eine Legende RZA ist.
 
NNEKA
Heartbeat (2008)
Ah, Nneka, gutes Mädchen, noch vor drei Tagen war ich mit ihr unterwegs. Sie ist auch auf meinem Album. Wir haben zu unserem gemeinsamen Song ein Video abgedreht. Sie ist echt, sehr afrikanisch und sagt etwas aus, das machen die wenigsten weiblichen Künstlerinnen heutzutage. Sie redet über Politik, Liebe und die Lage in Afrika. Ihr Vater stammt aus Lagos und ihre Mutter ist Deutsche. Sie verbringt viel Zeit in Lagos.
 
JAI PAUL
Jasmine (2011)
JUICE: Das ist Jai Paul, ein britischer Produzent, der von XL Recordings gesignt wurde. Er hatte mit zwei Soundcloud-Songs einen Hype und ist sonst ein Mysterium. Vor wenigen Tagen gab es völlig unerwartet ein Album mit unbetitelten Songs auf seiner Bandcamp-Seite. Kurz darauf bestätigte XL aber, dass Jai Pauls Laptop geklaut wurde und es sich um unfertige und illegal hochgeladene Lieder handle.
Ach du Scheiße, also ist das gar nicht er? Und jemand greift sich das Geld ab?
JUICE: Die Musik scheint von ihm zu sein.
Dann muss es jemand gewesen sein, der ihn kennt und es geplant hat. Das ist verrückt. Meine Alben wurden alle schon geleakt, mir ist das scheißegal. Wenn das aber meine Demos wären, würde es mich richtig verletzen. Das ist, als würde dir jemand ein Familienmitglied entreißen und es verkaufen.
 
T LA ROCK
It’s Yours (1984)
Ein Klassiker. Das ist für mich HipHop, wie ich ihn kennen gelernt habe. Schau, wie alt dieser Song ist, und doch ist es frische Musik. Es klingt immer noch verrückt und anders. Viel von dem neuen Zeug ist eher angepasst. Das hier ist Rebel Music, so habe ich Rap immer definiert. Er sagt nicht mehr als: »It’s Yours« und doch weißt du, dass es von der Straße kommt und revolutionär ist. Das ist auch das, was Blues oder Jazz war. Für mich ist das etwas Einzigartiges.
 
Text: Carlos Steurer
 

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