The Weeknd – The Knowing

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»House of Balloons«. Ein Mixtape für die Unendlichkeit. Einmal gehört und der Großteil der Geschmacks-Elite war sofort süchtig. Videos blieben allerdings aus, so dass sich kleine Entzugserscheinungen bemerkbar machten. Die zahlreichen Fanvideos mit Hang zu wirklich ekelhaftem Kitsch machten die Sache auch nicht besser.

 

Und nun. Der Nachfolger »Thursday« ist längst draußen, die Meute lechzt nach dem lilafarbenen Drachen, kann den Release von »Echoes of Silence« kaum abwarten, feiert die überragenden Produktionen und Features auf Drakes großartigem »Take Care«, da kommt der Clip zum Song »The Knowing« aus dem Ding namens Internet. Reichlich spät. Der abschließende Track des »House Of Balloons«-Mixtapes ist zwar eine der bahnbrechendsten Break-Up-Hymnen überhaupt, doch der wissbegiergige und sensationslüsternde Musikfreund hat mittlerweile schon gefühlte zehn andere Jungspunde auf dem Tumblr-Schirm, sodass die Genialität des Abel Tesfayes beinahe in Vergessenheit gerät.

 

Doch das ist alles egal. Denn das Video, gedreht von Mikael Colombu, ist nicht weniger als DER SHIT ÜBERHAUPT. Uns hätte jetzt nicht gestört, wenn der Regisseur den Song bildlich aufgenommen hätte. Also ein junges Pärchen, das jeweils von der Fremdfickerei des anderen weiß, die Sinnlosigkeit des Weitermachens einsieht, traurig aber ein wenig emotionslos die Handbremse zieht und nach passenderen Alternativen Ausschau hält. Gespickt mit ein paar expliziten Sexszenen, denn Abel lässt seine Nochfreundin den Geschmack der Neuen testen, da es ihn doch ein wenig anpisst, dass seine Braut einen anderen ranlässt. Doch Mikael und The Weeknd gehen weitaus tiefer. Und zwar »Balls Deep« in die ostafrikanische Geschichte und die vermeintliche Zukunft auf den Planeten Ethia X im Jahre 16311.

 

Der Name Abel Tesfaye verriet es ja schon, doch ein Twitter-Statement brachte es fast am besten auf den Punkt. »you know how i know @theweekndxo is ethiopian? 8 minute songs lol…« Wer mit den Werken von Mulatu Astatke und dem Roster der Labels Ahma oder Kaifa Records vertraut ist, weiß, wovon der Gute spricht.

 

Und so werden die schnauzbärtigen Supreme-Jünger und Ironie-Heinies gleich zu Beginn ins eiskalte Lean-Wasser geworfen. Haile Selassie, in einer Blutlinie mit König Salomon, Bibel-Fame, Endgegner der italienischen Besatzer, demnach afrikanischer Held der Unabhängigkeitsbewegung und religiöse Stütze der kulturell entwurzelten und verwirrten Jamaikaner steht in Addis Abeba vor seinem Palast. Doch da auch ein König in der Politik lediglich so viel Wert ist wie sein letzter Hit, muss er in der marxistischen Revolution durch Mengistu dran glauben, die Charts verlassen und die Krone abgeben.

 

Von dort an bleibt dem Betrachter nichts anderes übrig, als sich komplett treiben zu lassen. Zukunftsvisionen, Planetenteilung, fliegende Grabstätten, einstürzende Neubauten, Raketen, Christentum, die Felsenkirchen von Lalibela, jüdische Symbole, Aliens, Cyborgs, ausgerissene Herzen, Schmuse-Löwen, Soldaten, abgefahrener Laser-Sex. Whaaaat? Die Collagen gehen immer weiter. Es gibt sogar »Burnt Face«-Referenzen. Laut einiger Wissenschaftler lässt sich der Name Äthiopien von den griechischen Wörtern »aitho« = »I burn« und »ops« = »face« ableiten. So haben die griechischen Entdecker die etwas dunkleren Einwohner des Landes mit einigen der ältesten christlichen Kirchen der Welt und biblischen Bezügen genannt. Ein weiterer Beweis für den charmanten Humor der Alteuropäer und ein zusätzlicher Querverweis auf die Umdrehung negativer Begriffe in der afrozentrischen Popkultur. Denn »Burnt Face«-Soundsystems und -Reggaebands gibt es mittlerweile wie Sand am Meer.

 

Eigentlich bräuchte man ohnehin drei bis vier Wälzer aus der Bibliothek für angewandte Afrika-Studien und die Gesellschaft von Amiri Baraka, Donna Haraway , Toni Morrison und Haile Gerima, um die ganze Zeit mit schriller Stimme zu fragen: »Und was bedeutet das? Und was bedeutet dies?« Oder man haut ’nen Zwanni in ’nen Baba-Spliff, klaut dem kleinen Bruder den Hustensaft, lehnt sich zurück und stellt dann ganz nüchtern fest, dass The Weeknd ohne Übertreibung das Frischeste und Großartigste ist, was der zeitgenössischen Musik in den letzten Jahren passiert ist. Hand down!

 

THE WEEKND „The Knowing“ directed by Mikael Colombu from Vision Film Co on Vimeo.

 

(nn)

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