Stereo Luchs: »Durch ‚Palmen aus Plastik‘ kriegen wir mehr Aufmerksamkeit« // Interview

Zürich ist für vieles bekannt: Banken, Uhren, Schokolade. Aber Rap, HipHop, Dancehall – nein, das bringt man erst mal nicht mit der 400.000-Einwohner-Metropole am Zürichsee in Verbindung. Aber Silvio Brunner versucht nun schon seit rund zehn Jahren, etwas daran zu ändern. Heute mehr denn je. In Zusammenarbeit mit den Soundwundervollbringern von KitschKrieg hat er in breitester Schwiizer Mundart vor kurzem sein hervorragendes neues Album »Lince« veröffentlicht, mit dem er seinem Ruf als Schweizer Trettmann alle Ehre macht. Der Stereo Luchs ist »für e Zuekunft bereit«.

Wie bist du in Zürich musikalisch ­sozialisiert worden?
Ich bin Jahrgang ’81, damit Kind der Neunziger und mit dem Rap der Golden Era großgeworden. Anfangs habe ich viele ­Tapes von meinem älteren Cousin bekommen: Ice-T, Public Enemy, so was. Parallel dazu kamen dann aber recht bald schon Künstler wie Bob Marley und Bounty Killer dazu.

Wie alt warst du, als Reggae und ­Dancehall in dein Leben traten?
Das »Blessed«-Album von Beenie Man geisterte 1994 bereits bei uns rum, da war ich 13. Dancehall war damals noch nicht so verbreitet, ein bisschen mystisch – das hat mich angezogen.

Du hast dann als Selector unter dem ­Namen Silokko angefangen und bist eher zufällig Sänger geworden, richtig?
Ja. Ich war erst nur Konsument, der nächste logische Schritt war dann das Auflegen. Als ich 18, 19 war, gab es bei uns in Zürich zwei ganz coole Record Stores für Reggae/Dancehall, dadurch bin ich auf den Vinyl-Film gekommen.

Gab es eine richtige Szene, in der man sich ausgetauscht hat?
Die war sehr klein und nicht sonderlich zugänglich. Man wurde da nicht direkt mit offenen Armen empfangen und musste sich erst einmal beweisen. Die Partys fanden alle bloß in drei, vier Clubs statt, da hingen dann immer dieselben Leute ab.

Wenn du anfangs vor allem Rap gehört hast, hast du dann auch selbst gerappt?
Ja. Ich habe im Übungskeller mit Freunden gefreestylet, aber nie ernsthaft. Dancehall auf Schweizerdeutsch habe ich dann als Chance gesehen, etwas zu machen, was es vorher noch nicht gab.

Du hast vor ziemlich exakt zehn Jahren die ersten Sachen releast, dann aber auch ein paar Jahre nichts. Wieso?
Zuerst gab es »Style-Generator«, ein Spaßprojekt mit Phenomden, damals noch Phenom Melody, so retroverliebte Songs auf der Achtzigerjahre-Digital-Dancehall-Schiene. Das haben wir bei uns im Keller aufgenommen – Studio konnte man das nicht nennen. Über Instrumental-Versionen anderer Platten haben wir unsere Texte ins Shure Mic gevoicet, hatten aber eigentlich gar nicht vor, eine Platte zu machen – bis sie plötzlich fertig war. Auf einmal war ich Artist, obwohl ich das nie geplant hatte. Deshalb hab ich das auch erst mal nicht weiterverfolgt.

Wie ging’s dann weiter?
Oliver von Silly Walks hat mir dann mal einen Riddim geschickt, den die releasen wollten. Dadurch habe ich nach Ewigkeiten mal wieder einen Song gemacht – und erneut Bock drauf bekommen.

Womit hast du in der Zwischenzeit dein Geld verdient?
Ich bin Architekt, Nachhaltigkeitsspezialist, habe Energiekonzepte und so etwas entwickelt – in Teilzeit. Ich habe den Job jetzt aber gekündigt, denn wenn man jeweils nur 50% für den Job gibt und 50% für die Musik, kommt man in keinem Bereich wirklich weiter. Dieses Album ist das Resultat einer vollkommenen Neuorientierungsphase – und das hört man auch.

Weil du es gerade ansprichst: Du warst letztes Jahr ziemlich durch. Wie muss man sich die Situation damals ­vorstellen? Was war passiert?
Meine Lebenssituation war ein bisschen unklar: Job, Mucke, Privates. Ich wusste nicht, wie lange ich noch auf dieser Indie-Schiene weitermachen will, war in einer Umbruchphase, hatte auch privat ein bisschen Struggle. Ich wusste nicht, wo ich musikalisch hinwill, wollte nicht wieder so retro fahren und hab mich dann ein bisschen auf die Suche nach dem Dancehall-Sound begeben, der zwar 2017 ist, dabei aber nicht nur Jamaika kopiert. Und zusammen mit Fizzle hat’s dann irgendwann Klick gemacht.

»Die Schweiz ist ein sehr klein, Deluxe-Boxen gibt es hier nicht.«  (Stereo Luchs)

Kanntest du die KitschKrieg-Jungs vorher schon?
Nicht gut, aber wir hatten uns vor ein paar Jahren schon mal bei Tretti zu Hause getroffen – kurz bevor sie KitschKrieg gegründet haben. Wir haben dann gegenseitig immer ein bisschen geschaut, was der andere so macht, und als Fizzle und Tretti letztes Jahr mal eine Show in Zürich gespielt haben, haben wir nach der Show noch einen Tee zusammen getrunken und ein bisschen gequatscht. Ich hab Fizzle erzählt, dass ich nicht so recht weiß, wie es mit meinem Album weitergehen soll, und ihm ein paar Demos gezeigt. Das war der Startschuss. Wir haben schnell eine gemeinsame Vision entwickelt, auch wenn nicht klar war, dass daraus direkt ein Album werden würde.

Die Vergleiche zu Trettmann, der ja auch auf deinem Album vertreten ist und mit dem du schon einige Male zusammengearbeitet hast, werden kommen – nicht nur wegen deiner Zusammenarbeit mit KitschKrieg. Wie stehst du dazu?
Ich fühle mich bei einem solchen Vergleich geehrt. Wir verstehen uns ja super, mögen unsere Sachen. Trotzdem machen wir natürlich nicht dasselbe, auch wenn wir beide in unseren jeweiligen Ländern mehr oder weniger die einzigen waren, die diesen Dancehall-Sound gemacht haben.

Wie sehr profitierst du nun von dem Umstand, dass Dancehall-beeinflusste Mucke seit RAF, »Palmen aus Plastik« und eben Trettmann einen so großen Hype erlebt?
Das hilft mir natürlich. Dadurch bekommen wir alle mehr Aufmerksamkeit. Es gibt jetzt mehr Leute, die sich für die Musik interessieren und dann vielleicht auch selbst wieder geiles Zeug machen. Das bereichert alles. Man hat auch selbst wieder mehr Bock, Musik zu machen, wenn andere Musik machen. Im Vakuum ist es immer schwierig.

Diese Schubladen – das hier ist Rap, das dort ist Dancehall – gibt es auch immer weniger, oder?
Ja, und das finde ich geil. Alles wird miteinander verwoben, der einzelne Style ist nicht mehr so wichtig, sondern das große Ganze. Ich hatte immer Probleme damit, wenn für einen HipHop-Head immer nur alles Boombap sein durfte und für einen Reggae-Fan nur Roots Reggae infrage kam. Ich mag solche Grenzen nicht. Und heutzutage machen viele Rapper nun auch Dancehall-Songs – das RAF/Bonez-Phänomen. Auf jeder Rap-Platte gibt es jetzt ein, zwei Dancehall-Songs. Selbst auf der Rap-Playlist in der Schweiz sind die ersten sechs Songs Dancehall-Tracks. Trotzdem gibt es noch keinen Artist, der aus der Szene kommt und sich als Dancehall-Artist positioniert. Aber vielleicht braucht es das auch nicht, weil jetzt eh alles zusammenwächst.

Rap aus der Schweiz hat mit Acts wie Mimiks, Xen, Pronto und einigen anderen dieses Jahr einen enormen Aufschwung erfahren. Woran liegt das?
Es ist doch immer so: Sobald ein, zwei neue Talente da sind, die das Genre pushen, steigert sich das plötzlich exponentiell und inspiriert wieder andere Kids, Sound zu machen. Xen ist bei seinen Fans wirklich riesig. Der war lange indie, macht es jetzt aber auch richtig professio­nell und hat für Schweizer Verhältnisse wahnsinnige Klicks. Das pusht dann auch den Nachwuchs. Die Qualität steigt konstant: Die Beats werden geiler, die Videos professioneller, und dadurch wird es für die Leute wiederum zugänglicher als noch vor zehn Jahren, als alles ein bisschen handgestrickter war.

»Lince« ist auf Island Records erschienen, wo auch schon Bob Marley veröffentlicht hat. Bedeutet dir dieser Umstand etwas?
Na klar. Dem Nerd in mir treibt das ein Grinsen ins Gesicht. Ein eigenes Vinyl in Händen zu halten, das dieses Logo trägt, ist schon etwas Besonderes. Da steckt History drin. Trotzdem ist die Labelfrage 2017 natürlich anders als früher: Das kann man machen, muss man aber nicht.



In DIY-Zeiten wie heute: Warum hast du die Platte nicht auf deinem eigenen Label Pegel Pegel! veröffentlicht?

Das war immer eine Option, aber ich wollte mir mal die Angebote anderer anhören. Indie zu sein ist halt auch viel Arbeit, und momentan bin ich nicht gut genug aufgestellt, um so ein Projekt angemessen zu stemmen, insofern helfen professionelle Major-Strukturen. Das Label betreibe ich aber weiter, das bleibt mein Backup. Das KitschKrieg-Prinzip, wie die jetzt das »#diy«-Album gemacht haben, finde ich eigentlich am besten – weiß aber nicht, ob das auf mein Land so übersetzbar wäre. Die Schweiz ist ein sehr kleiner Teich. Das Fan-Boxen-Prinzip gibt es hier praktisch nicht. Und wenn dann nur Spotify und ein paar Youtube-Klicks bleiben, wird’s schwierig.

Du machst Nischenmusik in einem nischigen Dialekt in einem sehr kleinen Land. Hast du je darüber nachgedacht, musikalisch in eine andere Richtung zu gehen oder eine andere Sprache zu verwenden?
(lacht) Nein, für mich als Stereo Luchs wird es Schweizerdeutsch bleiben, weil das die Sprache ist, in der ich mich am sichersten und lyrisch stärksten bewege. Ich habe aber schon mit dem Gedanken gespielt, für andere Leute zu schreiben und Songwriting auf Deutsch und Englisch zu machen. Gerade arbeite ich an ein, zwei Projekten.

Hast du deine Mundart stets als Schweizer Version von Patois verstanden?
Ja, schon. Gar nicht bewusst als Abgrenzung gegenüber dem Hochdeutschen, aber weil das so ein komischer Dialekt ohne richtige Grammatik ist, kann man Sprache ganz anders nutzen; das gibt einem Freiheiten, die man sonst nicht hat. Aber es hat auch seine Tücken, denn Schweizerdeutsch ist eine sehr konsonantische Sprache mit vielen ätzenden Lauten.

In Deutschland hat die Reggae-/Dancehall-Szene der Rapszene lyrisch immer etwas hinterhergehinkt. Durch die Verschmelzung gleicht sich das nun zunehmend an. Ist das in der Schweiz auch so?
Ja, das ist vergleichbar. Rap ist aber auch ein härteres Pflaster. Wenn da etwas scheiße ist, wirst du sofort gedisst – das kannst du dir also gar nicht leisten. In der Dancehall-Szene macht das keiner. Insofern profitieren wir jetzt alle davon.

Foto: Mirjam Wirz

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #184 – jetzt am Kiosk oder hier versandkostenfrei bestellen.