Said: »Ich verändere mich nicht, nur damit ich ein paar mehr Platten verkaufe« // Interview

Seine ehemaligen Schützlinge und Wegbegleiter sind Platin-Rapper und Chartstürmer. Said hingegen ist der Hood treu geblieben. Ein Unverbesserlicher, der sich verkrampft an gestrigen Werten festklammert? Keineswegs. Dafür klingt seine neue Platte wieder zu frisch, zu unaufgeregt, zu cool. Gemeinsam mit der Wiener Beat-Größe Brenk Sinatra wurden 15 rotzige Kopfnicker zusammengeschustert, die der Deutschrap-Szene eine saftige Schelle verpassen und mal eben ins Gedächtnis rufen, wer den echtesten Straßenrap in Berlin macht. Bewiesen werden muss hier nichts mehr. Said holt sich sein »HAQ«.

Dabei klingt der Albumtitel martialischer als das Album selbst. »HAQ« ist frech, aber nicht plump; stabil, aber ohne gezwungenen Hood-Pathos. Es wird Ayran statt Champagner und Rap statt Pop serviert. Zugezogene, Röhrenjeansträger und Petzer kriegen ihr Fett weg, und noch immer heißt es: »Real gegen fake, B-Real gegen Drake«. Sein viertes Soloalbum zeigt jedoch: 15 Jahre Deutschrap-Zirkus haben aus Said keinen verbitterten Nostalgiker gemacht. Ein Gespräch über Prinzipien, neue Gelassenheit und Promophasen.

Wie fühlt es sich an, nach drei Jahren wieder im Mittelpunkt zu stehen?
Es fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen. Ich fühl mich richtig gut, meine Mucke läuft wieder. Ich wollte wieder an den Punkt zurück, weshalb ich damals überhaupt mit der Musik angefangen habe. Wenn du anfängst, bist du naiv. Du willst nicht allen Leuten gefallen, sondern machst, was dir gefällt. Wenn du Glück hast, finden es die fünf Leute gut, mit denen du rumhängst. Ich bewege mich die letzten zwei Jahre wie in einem U-Bahn-Tunnel. Dadurch, dass ich sehr nah an AOB dran bin, stolpere ich von Promophase zu Promophase.

Soweit ich weiß, bist du davon aber kein Fan.
Ich bin kein Fan von Zwängen. Das ist wie monotone Fließbandarbeit, die ein Künstler nie machen will. Aber du machst es auf einmal: Features, Boxen, Promo-Stunts. Ein halbes Jahr machst du Musik, und das andere halbe Jahr denkst du über den ganzen anderen Scheiß nach – nur um am Ende die Musik zu verkaufen! Das ist so ein Schwachsinn. Ich müsste mir jetzt theoretisch auch eine Schlagzeile einfallen lassen, damit das Ding richtig durch die Decke geht. Am besten werde ich verhaftet, angeschossen oder fange Beef mit irgendjemandem an. Man muss sich anbiedern, sich pseudomäßig interessant machen. Ich will einfach, dass die Musik für mich spricht.

Fehlt es der Szene heutzutage an Authentizität und der viel zitierten Realness?
Das sind voll oberflächliche Begriffe. Solange man sie benutzt, rutscht man immer in eine komische Ecke. Für mich ist bloß wichtig: meine Prinzipien. Musik ist für mich nur ein Begleiter. Ich muss mein Leben nicht der Musik anpassen, sondern andersrum. Ich verändere mich nicht, nur damit ich ein paar mehr Platten verkaufe. Ich will doch nicht meine Seele verkaufen. So geil ist diese Party jetzt auch nicht. Neunzig Prozent derjenigen, die jetzt da oben sind, haben einen Teil ihrer Prinzipien aufgegeben. Das Leben geht auch nach der Musik weiter. Dann will ich nicht zurückschauen und irgendwas bereuen müssen.

»Dicker, schau mal, was mir alles passiert ist! Andere Leute wären da schon eingegangen oder in irgendeiner Psycho-Anstalt gelandet«

Wie hast du es geschafft, die Lust und den Hunger für die neue Platte zurück­zugewinnen?
Es war cool, dass ich mich mit meinen Leuten umgeben konnte. Ich hab gezehrt von dem Vibe, der durch die Zusammenarbeit mit AOB entstanden ist. Durch die Jungs habe ich mich an meine eigenen Ursprünge erinnert. Im Studio chillen, es läuft ein geiler Beat, irgendjemand hat eine Melodie, irgendjemand hat einen Reim und am Ende steht ein Song und man denkt: Geil, das haben wir gerade gemacht! Ich bin wieder freier als Musiker und nicht mehr auf andere angewiesen. Ich habe mich vorher mit vielen Sachen aufgehalten, die ich eh nicht ändern konnte.

Du hast in deinem letzten JUICE-Interview im Zuge deines Kollabo-Projekts mit AchtVier gesagt: »Ich wäre ein Soloalbum bestimmt verkrampft angegangen. Man will sich ja ständig neu erfinden.« Hattest du diesen Anspruch bei »HAQ«?
Ich wusste auf jeden Fall, dass alles Zeit braucht und ich ein Album nicht einfach hinrotzen kann. Schau mal: Ich kann mich jetzt hinsetzen und Rap arbeiten. Aber dann hört sich das auch so an. Lieber warte ich darauf, dass dieses eine Gefühl da ist: Der Beat läuft, alles geht von selbst. Das sind die geilsten Augenblicke, Alter. Du musst immer versuchen, dich auf ein gewisses Level zu bringen, damit es super funktioniert.

Ich hatte beim Hören des Albums das Gefühl, du kannst mit persönlichen Themen mittlerweile entspannter umgehen.
Voll. Natürlich kannst du dir selbst immer Stress machen und abgefuckt sein von den Dingen, die passieren. Aber wenn ich Sachen nicht verändern kann, dann brauche ich darüber auch nicht nachzudenken. Das macht die Sache viel lockerer. Man muss die Situationen annehmen und aufpassen, dass man nicht verbittert. Sonst wird man im Alter einer, der mit Kissen am Fensterbrett steht und die kleinen Kinder vom Hof jagt.

Diese gewisse Leichtigkeit hast du dir schon immer bewahrt, oder?
Dicker, schau mal, was mir alles passiert ist! Andere Leute wären da schon eingegangen oder in irgendeiner Psycho-Anstalt gelandet. Bei mir ist echt schon jeder Scheiß passiert im Leben. Ich habe alles durch. Das macht dich reifer.

Auf »Wie Cro« thematisierst du erneut deine Sozialisation, allerdings auch hier deutlich unverkrampfter. Ist der Song trotzdem als Seitenhieb gegen das Image zu verstehen, das Cro als Pop-Rapper verkörpert?
Wenn Cro nicht das gleiche Leben hat wie ich, kann ich von ihm nicht erwarten, dass er irgendwas versteht, was ich sage – genauso andersrum. Ich finde es okay, dass es diese Mucke gibt. Cro versucht mir ja nicht zu erzählen, dass er der Übergangster ist.

»Jeder neue Musiker ist am Anfang ein Anarchist, der alles verändern und sein Ding durchziehen will. Auf dem Weg nach oben verwässert das aber nach und nach, weil Leute dir von allen Seiten reinreden. Und wenn du Pech hast, veränderst du dich irgendwann«

In dem Sinne ist er auch authentisch.
Ja, voll! Deshalb ist das völlig okay. Würde ich mich nicht verpflichtet fühlen, real zu bleiben, könnte ich auch diese Art Musik machen. Cro ist Kommerz. Cro könnte auch Burger King sein. Jeder neue Musiker ist am Anfang ein Anarchist, der alles verändern und sein Ding durchziehen will. Auf dem Weg nach oben verwässert das aber nach und nach, weil Leute dir von allen Seiten reinreden. Und wenn du Pech hast, veränderst du dich irgendwann.

»HAQ« setzt im Gegensatz zu »Hoodrich« wieder auf klassischeren Sound. Hattest du darauf wieder Lust?
Dass »Hoodrich« so geklungen hat, lag zu großen Teilen an den Beats von KD Supier. Er war zu der Zeit in einer Selbstfindungsphase und hat viel ausprobiert. Ich hab mit ihm damals drei, vier Jahre verbracht, da passt man sich natürlich aneinander an. Ich bin kein Typ, der gerne alleine Musik macht. Brenk hat es sich angeeignet, alles fresh klingen zu lassen, obwohl es auf Samples basiert. Es klingt gut dreckig, qualitativ hochwertig dreckig. Heutzutage macht es einen großen Unterschied, wie man die Drums setzt. Sample ist nicht mehr gleich Oldschool. Bei ihm waren die Stimmungen schön breit gefächert, ich konnte mich da krass ausleben.

Das Album hat auf den ersten Blick ein paar Konzept-Tracks. Ist das gewollt?
Ich wollte mich auf keinen Fall wiederholen. Ich hätte auch nicht fünf Kiffer-Songs machen können, dann wär ich eingegangen. (lacht) Heutzutage werden Singles produziert. Da nimmste dir die zehn Dinger, wo die Hook am besten knallt, und setzt die irgendwie zusammen – wobei ich sagen muss, dass meine Hooks auch alle knallen. Das kann ich einfach. Trotzdem produziere ich noch ganze Alben. Also etwas, was du anschaltest und durchlaufen lassen kannst.

Also hat »HAQ« einen roten Faden?
(überlegt) Mir war wichtig, dass es frisch klingt. Du solltest nicht das Gefühl haben, dass du dir irgendein Oldschool-Tape reinziehst. Bei vielen Songs hab ich mies rasiert. Und einige sind meiner Meinung nach auch extrem modern geschrieben: »Pusher« zum Beispiel. Oder der Track mit den Features von Olexesh und Haze.

Wieso haben beide auf die Platte gepasst?
Du findest einfach nicht mehr viele Leute, die diesen Sound noch fühlen und daraus was Gutes machen können. Ich hätte jetzt auch ein AchtVier-Feature raufholen können, aber ich feiere es einfach, wenn ich die Leute überraschen kann. Ich bin mit den Features voll zufrieden. Es sollten auch nicht zu viele werden. Nach »50/50« hatten die Leute wieder Bock auf ein Soloding, bei dem viel Said dabei ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit Brenk?
Mir ist erst einmal wichtig, dass man sich kennenlernt. Brenk denkt da genau wie ich. Mo [Saids Manager; Anm. d. Verf.] hat den Kontakt hergestellt, wir sind nach Wien geflogen und haben uns dort getroffen. Brenk ist ein super entspannter Mensch, übertrieben gastfreundlich, sehr respektvoll. Ich hab mich super aufgehoben gefühlt. Wir sind ins Studio gegangen, haben uns ein paar Beats angehört und ich hatte direkt Bock. Es war klar, dass ich alles in Wien aufnehme, auch weil ich hier in Berlin kein festes Studio habe und eh rauswollte. Dieses Gefühl, weg von Berlin und den Sachen hier zu sein, brauchte ich.

Wie war es für dich, in Wien zu recorden?
Ich hab von der Stadt leider nicht viel mitbekommen. Aber die Leute sind nett. Die haben so eine Gelassenheit, so eine Ruhe, die mich als Berliner schon fast aggressiv macht. Manchmal hat man das Gefühl, die haben gar keinen Bock zu reden (imitiert Wiener Akzent, Gelächter). Dicker, in der Zeit sag ich fünf Sätze! (lacht) Aber ich feier das auch. Die haben so richtig die Ruhe weg. Es war eine gute Atmosphäre. Aber ich habe bis heute kein gutes Wiener Schnitzel gegessen.

Text: Juri Andresen
Foto: Melanie Koravitsch

Dieses Feature erschien in JUICE #186. Back Issues jetzt versandkostenfrei im Shop bestellen.

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