Pa Salieu: »Harte Zeiten sind nicht unbedingt schlechte Zeiten« // Interview

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Dass das UK einer der spannendsten Orte ist, wenn es um neue Stimmen in HipHop und verwandten Musikgenres geht, ist keine Neuigkeit. In diesem Jahr ist der Newcomer Pa Salieu dafür verantwortlich, dass von der Insel wieder ein Sound kommt, der neue Verknüpfungen zwischen Genres schafft und sich auch textlich von vielem abhebt, was international Beachtung gefunden hat. Mit seiner Single »Frontline« und dem zugehörigen Video landete Pa Salieu im Januar einen Hit. Nur ein paar Monate zuvor kämpfte er noch um sein Leben, als er von mehreren Kugeln einer Schrotflinte am Kopf getroffen wurde. Sein Debüt-Mixtape »Send Them To Coventry« berichtet von seinem Leben in den Blocks, erzählt von der Realität der Straße, auf der er sich durchschlägt und trauert um Freunde, die er zu früh verloren hat. Mal unterlegt trockener Drill diese Schilderungen, an anderer Stelle kommen Dancehall und Pop dazu, bereichern das Soundbild und sorgen für die Einzigartigkeit seiner Musik. Im Interview erklärt Pa Salieu, was Heimat und Herkunft für ihn bedeutet, warum er Menschen von den Frontlines eine Stimme geben will und wieso er sich selbst nicht als Star bezeichnen möchte.

Wie geht es dir? Waren die letzten Wochen anstrengend für dich?
Es ist in Ordnung, das ist nur Arbeit.

Hast du die Aufmerksamkeit rund um dein Album verfolgt?
Ich verfolge das Mixtape schon, aber ich sehe keine Aufmerksamkeit. Es ist jetzt draußen, aber ich sehe keine Aufmerksamkeit und bin nur hier, um zu arbeiten. Es geht um die Arbeit, ohne nach links und rechts zu gucken, sondern geradeaus zu bleiben. Und es geht darum, zu sehen, was ich aus diesem ersten Projekt lernen kann.

Dein Album heißt »Send Them To Coventry«, was ungefähr bedeutet, jemanden wegzuschicken oder zu ignorieren. Du selber wohnst in Coventry, warum hast du diesen Titel gewählt?
Ich komme aus Coventry und wie gesagt hast, bedeutet das Sprichwort, jemanden abzukapseln. Und für den größten Teil meines Leben habe ich mich gefühlt, als ob das System versucht mich zu umgehen und meine Stimme abzuschneiden. Daher ist das nur richtig. Ich komme aus den Blocks, weißt du was ich meine? Ich komme von der Frontline und Frontlines sind überall auf der Welt.

Du bist allerdings nicht in Coventry geboren oder?
Ich bin außerhalb von London geboren. In Gambia bin ich aufgewachsen.

Wie war dein Leben in Gambia?
Es war wunderschön. Mein Großvater hatte dort ein Haus, wir hatten eine Farm in unserem Garten. Es war Freiheit. Ich wurde ordentlich diszipliniert. Daher ja, ich wurde geschlagen. Und als ich hierher zurückgekommen bin, war ich mir sehr bewusst darüber, wer ich bin.

Ich habe gelesen, dass du deine eigenen Tante auf dem Song B***k gesamplet hast. Es ist eine sehr schöne Art, die eigenen Wurzeln in die Musik, die so modern ist, einfließen zu lassen.
Es gibt keine Regeln, das ist spirituell.

Wie alt warst du als du nach England zurückgekommen bist?
Ich war 8 Jahre alt.

Was hat sich in Coventry in deinem Leben verändert?
In Gambia habe ich gelernt, wer ich bin, woher ich komme. In England habe ich gelernt, dass ich anders bin und was das echte Leben ist. Das ist ein großer Unterschied. Weißt du, was ich meine? Zuhause in Gambia hat mich jeder angeguckt und es gab keine Anzeichen von Diskriminierung. Hier in England bist du schwarz, afrikanisch. Das hat man mir nie genommen. Das ist der größte Unterschied hier. Und es gibt hier keine Freiheit. Das ist das echte Leben, du musst arbeiten, du musst essen. Hier ist es wie ein Pattern, beziehungsweise fühle ich mich so, als ob ich den Großteil meines Lebens darin gefangen bin. Das ist anders.

Also ist Gambia das wahre Zuhause und Coventry der Platz der harten Realität?
Aber ich brauche die harte Realität auch, solange man realisiert, dass sie existiert und gewisse Dinge beachtet. Ich werde mir das immer merken. Ich erinnere mich an jeden Schritt. Harte Zeiten sind nicht unbedingt schlechte Zeiten, sie sind Lektionen. That`s it.

Also ist es das, was du auf dem Album machst? Uns die Lektionen zu erzählen, die du selbst in Coventry erlebt hast?
Ja.

Deine Gegend ist Hillfields richtig?
Genau, the Ends, Hillfields. Das sind die Blocks.

Und dort ist auch die Frontline, über die du mehrmals auf dem Album sprichst? Kannst du uns mehr darüber erzählen, was die Frontline bedeutet?
Yeah, Frontline ist Frontline. Wie ich schon gesagt habe, gibt es überall Frontlines. Du hast genau jetzt eine Frontline in Deutschland, ihr habt hella Frontlines. Es gibt gerade Frontlines in Amerika, in Afrika, überall. In jeder Hood gibt es diese Frontlines, wo die Scheiße passiert. Wo du Dinge siehst, wo du alles mögliche passieren siehst. Wo jeder irgendwas verkauft, wo die Kacke am Dampfen ist. Du weißt, dieser Streifen oder dieser Weg, wo alles passiert. Frontlines sind wirklich überall auf der Welt, das betrifft alle. Du siehst, woher ich komme? Es gibt einen Haufen Menschen, die von dort kommen, wo ich herkomme, sogar in Deutschland. Wo auch immer in der Welt du hinschaust, wirst du diese Frontline finden. Ich komme von meiner Frontline, ich bin fast an meiner Frontline gestorben, ich stecke Arbeit in die Frontline, ich mache Geld an der Frontline. Sie ist überall und ich versuche nur zu überleben. Und nochmal: Jeder kann das auf sich beziehen. Ein hartes Leben gibt es nicht nur bei mir, das gibt es bei jedem. Nur wurde unsere Stimme jetzt gehört. Ich hoffe, dass jeder, der so wie ich ist, egal ob Deutschland, England, Afrika oder irgendwo, seine Stimme an die Frontline packt. Wenn du Musik machen kannst, mach deine Musik. Fick jeden. Fick Genres, es gibt keine Genres. Weißt du was ich meine? Jeder sagt dir, dass du dies und jenes machen musst. Aber nein, man. Musik ist Musik. Wenn du es so machen willst, dann mach es so. Solange du relaten kannst, solange das, was du sagst echt und roh ist. Das ist, worauf es ankommt. Ich kann singen, wenn ich will, und es ist immer noch Gangsta. Das ist, was die Ends mir beigebracht haben. Die Straßen geben keinen Scheiß darauf, also warum sollte ich? Fick alles. Worauf es ankommt, das ist die Energie. Deine Energie, das, woran du glaubst. Ich schwöre, das ist es.

Das ist auf jeden Fall eine sehr kraftvolle Botschaft, die in deiner Musik steckt. Insbesondere, dass sie diese Verbindung zu den Lebenssituationen anderer Menschen herstellt.
Ich bin einfach aufgewühlt. Die meisten Leute sind beunruhigt. Ich habe Freunde verloren, die jünger waren als sie sein sollten, als sie gegangen sind. Ich habe Leute, die Crackheads werden, du weißt schon, cracksüchtig. Und ihre Stimme wird niemals gehört werden. Niemand wird die wahre Geschichte kennen. Ich kenne wahre Geschichten. Die Polizei hat früher behauptet, dass ich in einer Gang sei. Jedes Mal in meinem Leben. Ich war in keiner Gang. Ich war aktiv, ich habe Geld gemacht, klar. Dies und das. Aber ich war in keiner Gang. Und das System hat sich noch nie um mich geschert. Ich weiß das, deshalb bin ich aufgebracht. Die Stimme von jedem muss Gehör finden, das ist alles, was zählt. Und ich werde sicherstellen, dass die Menschen, die wie ich sind, niemals vergessen werden. Und wer weiß schon, wer sich meine Musik anhört? Vielleicht der nächste Präsident von Gambia. Vielleicht der nächste Prime Minister. Was ist sage, ist wichtig. All unsere Stimmen zählen. Einigkeit. Einigkeit ist das einzige Ziel. Vereint, alle zusammen. Wir gucken nicht danach, ob jemand schwarz, weiß, gelb oder orange ist. Fick das. Es geht darum, aus diesem beschissenen Struggle herauszukommen. Diese Welt ist verräterisch, die Armen haben nichts zu lachen. Aber jetzt lachen wir, die Musik kann das schaffen.

Aber ist es hart für dich gewesen, Dinge wie den Tod von Freunden in der Musik zu verarbeiten.
Nein. Nein, das ist normal. Es sollte hart sein, aber nein. Das ist das echte Leben und so etwas passiert zu oft. Es passiert oft und es macht keinen Sinn, weiter still zu bleiben. Vertrau mir, es muss gemacht werden.

Ich finde es sehr gut, dass du es tust. Wann hast du überhaupt mit der Musik angefangen?
Vor ungefähr zweieinhalb Jahren habe ich richtig damit angefangen.

Hast du mit Leuten vor Ort angefangen, weil du die kanntest? Und warum überhaupt Rap? Siehst du dich selbst überhaupt als Rap Artist?
Ich bin keine Rap Artist, ich glaube nicht an Genres. Ich lasse mich da nicht festhalten. Ich bin auch keine Grime-Artist. Ich bin alles, ich bin universell. Hauptsache nicht in irgendwelchen Grenzen gefangen. Meine Stimme ist mein Instrument, auf die Stimme kommt es an. Also wie kann ich mit mir selbst leben, wenn es darauf ankommt, die Stimme zu nutzen? Wenn ich sehe, dass meine Stimme zählt? Ich glaube nicht an Genres und das ist Freiheit. Fick Regeln.

Wenn du sagst, dass du dich nicht allzu sehr darum kümmerst, was außerhalb deiner Welt passiert, ist die Realität, die du auf dem Album beschreibst, immer noch dieselbe in der du jetzt lebst?
Das ist in der Vergangenheit. Ich treibe die Dinge nur voran, jetzt kommt das zweite Kapitel.

Was ist das Ziel in diesem Kapitel, was wird da passieren?
Ich kommt mit meinem nächsten Projekt raus, that’s it. Ich spreche nicht wirklich über meine Pläne. Ich bin stolz darauf, über meine bisherige Musik zu sprechen. Aber was immer auch passiert, wird die Zukunft zeigen, darüber muss ich nicht sprechen.

Also hast du einfach weitergearbeitet, nachdem die Singles und das Album so groß wurden?
Ja, und es ist ein Mixtape. Mit einem Album starte ich bald. Weißt du, jeder spricht von einem Album, aber ist ein Mixtape.

Also ist dir diese genaue Bezeichnung als Mixtape und nicht als Album wichtig?
Yeah, dafür bin ich noch nicht bereit. Ich habe quasi gerade erst mit Musik angefangen und ich will es richtig machen. Ich fühle mich nicht danach, als ob ich schon ein Album gemacht habe. Das jetzt ist einfach das erste Projekt und ich lerne daraus.

Du sprichst auf dem Mixtape, diesem ersten Projekt, immer wieder vom System, das du auch vorhin schon angesprochen hast. Kannst du beschreiben, was dieses System ausmacht und was es mit deinem Leben gemacht hat?
Ich würde darüber lieber nicht sprechen.

Klar, das verstehe ich.
Aber du solltest wissen, dass das System mich im Stich gelassen hat. That’s it.

Dann lass uns über die positiven Seiten auf diesem Mixtape sprechen, dass viele düstere Momente hat. Der letzte Track „Energy“ zusammen mit Mahalia ist so ein Moment, der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt.
Es geht darum, die eigene Energie zu schützen. Meine Energie hat mein Leben einige Male gerettet, daher ist sie sehr wichtig. Energie ist die Seele. Sie macht, dass du entweder tough oder gebrochen bist, entscheidet darüber ob du schwach oder stark bist. Energie ist ein Teil von mir, etwas, das ich wahrscheinlich seit meiner Geburt habe. Energie ist Energie, das bin ich und liegt nicht in der Zukunft. Aber die Zukunft hängt wieder von meinen Energien ab und davon, was ich tun will. Bin ich dann stark oder schwach? Daher musst du deine Energie um jeden Preis beschützen. Nichts auf der Welt ist es Wert, diese Energie zu brechen. Das ist ein Mindstate.

Bist du ein spiritueller Mensch?
Ich bin sehr spirituell. Das ist eine Lebensweise. Liebe, Einigkeit, darum geht es. Es ist einfach.

Jetzt wo du mit dem Mixtape so durchgestartet bist und dabei bist, ein Star zu werden, siehst du dich selbst als Vorbild?
Ich bin kein Superstar, Bro. Motivation hilft mir, daher will ich motiviert bleiben. Ich bin kein Star. Was ist ein Superstar überhaupt? Ich wache morgens auf und mein Atem wird stinken, genau wie bei jedem anderen. Also wer ist hier der Superstar? Ich bin es nicht, Fam.

Ich denke mal, dass einige Leute das anders sehen, aber ich akzeptiere auch, dass sich deine Sichtweise da unterscheidet.
Ich respektiere die Perspektive von allen. Perspektive ist nun mal Perspektive. Ich werde wahrscheinlich einige Dinge anders als du sehen. Du weißt vielleicht, was so abgeht, aber ich denke nur, was ich denke. Ich bin gerade dabei, Musik zu erlernen, also wie kann ich Erfolg akzeptieren? Ich akzeptiere Fortschritt.

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