»Wenn du es zu weit treibst, dann bekommst du auch sehr viel Scheiße zurück« // Nate57 im Interview

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Gerade mal drei Jahre ist es her, da wurde man noch »Willkommen auf St. Pauli« geheißen, doch im letzten Jahr war dann schon Schluss mit lustig, denn es gab »Stress aufm Kiez«. So sind sie eben, die Hamburger. Nun präsentiert einer der großen Hoffnungsträger des Rap-Jahrgangs 2010 sein neuestes Mixtape: Nate57 ist »Auf der Jagd«. Nachdem sein Debütalbum ohne Major-Support auf Platz 37 in die deutschen Albumcharts einstieg, sind alle Augen auf den mittlerweile 21-Jährigen gerichtet. Trotz der allgegenwärtigen Abgesänge auf Straßenrap gehört das Rattos Locos-Camp immer noch zu den vielversprechendsten Keimzellen der Deutschrap-Welt. Bei einem Studiobesuch im Hamburger Karoviertel plaudert ein unerwartet entspannter Nate57 über jamaikanische Rappergene und somalische Umweltpiraten.

Schon vor dem letzten Album gab es einen gewissen Hype um dich, für viele kam dein Charteinstieg trotzdem überraschend. Wie war es für dich?
Mit einer so hohen Platzierung habe ich auf keinen Fall gerechnet. Ich habe schon auf eine gute Resonanz gehofft und diese auch erwartet. Es gab eine sehr gute Promo, viele bekannte Künstler haben mein Video verbreitet und mich positiv erwähnt. Es wurde einfach viel über mich gesprochen, viele waren gespannt auf das Album. So habe ich die Aufmerksamkeit bekommen. Aber als mich mein Bruder angerufen hat und mir sagte, dass ich auf Platz 37 in den deutschen Albumcharts gelandet bin, war das schon krass und hat mich natürlich sehr gefreut.

Reagiert dein Umfeld jetzt anders auf dich?
Nicht wirklich. Ich merke halt, dass die Leute euphorisch sind und »Rattos Locos« oder »Sankt Pauli« rufen, wenn sie mich erkennen. Das ist schon anders als früher. Ich werde echt überall erkannt. Dadurch merke ich aber auch, dass ich ganz verschiedene Schichten erreiche. Auf dem splash! kam eine 50-jährige Frau zu mir und wollte ein Autogramm haben, das war schon lustig. Die Leute sind jedenfalls netter zu mir. (lacht) Aber ich weiß damit umzugehen. Wenn man mich nicht kennen würde, hätten viele trotzdem Vorurteile aufgrund von Äußerlichkeiten. Und es gibt ja noch genug Menschen, die mich nicht kennen.

Wahrscheinlich wollen dir jetzt auch viele Menschen gute Ratschläge geben.
Das hält sich in Grenzen. Bei uns hat sich ja nicht viel verändert. Wir sind ein Familien-Business, der Chef ist mein großer Bruder [Blacky White, Anm. d. Verf.]. Bei ihm weiß ich, dass mein Geld in den richtigen Händen ist. Er sorgt dafür, dass nicht jeder Scheiß bis zu mir gelangt. Trotzdem weiß ich natürlich über alles grob Bescheid, was um mich herum passiert. Im Privaten ist es auch so: Da bekommt nicht jeder die Möglichkeit mich vollzulabern, was ich anders machen müsste oder warum ich gerade mit ihm ­zusammenarbeiten sollte. Mal abgesehen von den Leuten aus meinem Viertel und meinen Freunden, aber das ist ja klar. Aber meine Freunde sind gute Kritiker und können das auch alles von außen betrachten, weil sie nicht in dieser Deutschrap-Welt stecken.

Man erzählt sich, dass du alle Feature-Anfragen ablehnst.
Es stimmt, ich habe bisher sämtliche Anfragen abgelehnt. Aber es gibt ein paar Leute, mit denen ich gerne was machen würde. Bisher habe ich immer abgesagt, weil ich ungern meine Musik mit der Musik, die bisher rausgekommen ist, vermischen will. Einfach, weil sie nicht so derbe ist, finde ich. Ich weiß, das klingt ein bisschen arrogant und viele Rapper sagen so was auch, weil sie denken, dass ihr Image dann besser rüberkommt. Aber ich meine das ernst. Ich fühle einfach nicht so viel anderen deutschen Rap. Wenn es mal was gibt, dann feiere ich das auch. Das wird auch immer mehr, gerade von Underground-Rappern, die noch keiner kennt.

Kannst du mal ein Beispiel nennen?
Bei Aggro TV wurde neulich ein Video hochgeladen, das ich cool fand. Da konnte ich bei Deutschrap endlich mal wieder mit dem Kopf nicken. Die Jungs heißen Haze Kartell.

Sagen wir mal, du erreichst Bushido-Status und kannst dir jedes Ami-Feature leisten. Wen würdest du anfragen?
Keine Ahnung. Auf keinen Fall so Typen, die früher coole Mucke gemacht haben und jetzt nur noch Dreck raushauen. Ohne mich. Wenn ich jemanden nennen müsste, dann Funkdoobiest. Ich weiß zwar nicht, was die heute machen, aber ich würde gerne mal mit ihnen zusammenarbeiten. Sonst aber eher mit Leuten aus anderen Musikrichtungen.

Was macht aus deiner Sicht den Hype um Rattos Locos aus?
Ich glaube, der Unterschied zu den anderen Rappern ist, dass wir mit der Musik von ganz klein an groß geworden sind. Jede Schule, die du durch HipHop erleben kannst, haben wir in unserer Jugend durchlebt. Wir hatten verschiedene Phasen, in denen wir bestimmte Musikrichtungen gehört haben und dann immer komplett drauf hängen geblieben sind. Ich hatte mit acht Jahren auch mal eine MC Hammer-Phase. (lacht) Da wir aber mit HipHop groß geworden sind, fühlen wir das anders und setzen es daher auch anders um. Es gibt jetzt einige Underground-Rapper, die bisher gerade mal ein, zwei Tracks ins Netz gestellt haben, aber man hört schon, dass sie das voll im Blut haben. Übrigens ist mir neulich aufgefallen, dass viele der großen Rapper einen jamaikanischen Background haben. Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch. Aber die Mütter von Pac und 50 Cent sind Jamaikanerinnen – und da gibt es noch viel mehr Beispiele. Ich habe keine jamaikanischen Wurzeln, aber meine Eltern haben immer viel Reggae gehört, mein Vater ist ja auch selbst Reggae-Musiker. Das habe ich wahrscheinlich schon im Bauch meiner Mutter mitgekriegt. Ich glaube nicht, dass das genetisch bedingt ist, aber ich glaube, dass diese Einflüsse für mich und meine Musik sehr wichtig waren.

Bitte vollende den Satz: Chart-Erfolg heißt nicht…
Reichtum. (lacht)

Du bewahrst dir also den Realismus.
Na klar. Ich bin Realist, und es ist auch nicht schlimm, wenn ich mit Rap nicht so viel verdiene. Jedenfalls arbeite ich hart dafür und stecke 100 Prozent rein. Ich schreibe jeden Tag.

Im letzten Interview hast du ­erwähnt, dass du dabei bist, deinen ­Schulabschluss nachzumachen.
Ja, leider habe ich erst mal nur den Hauptschulabschluss nachmachen können. Ich wollte auch den Realschulabschluss nachholen, bin aber leider krank geworden und musste das abbrechen. Trotzdem würde ich allen, die keinen Abschluss haben, dazu raten, in die Abendschule zu gehen. Noch besser ist es natürlich, den Abschluss gleich während der normalen Schulzeit zu machen. Schon mit einem Hauptschulabschluss ist es nicht leicht, aber ganz ohne Abschluss kann man wirklich nicht viel reißen.

Die Schule für die Musik abzubrechen, hältst du also für falsch?
Ich finde das falsch, nur wegen der Musik mit irgendwas aufzuhören. Es gibt sicher Leute, die in meiner Situation schon alles geschmissen hätten, aber da muss man einfach realistisch sein. Man sollte nicht denken, dass man durch Rap reich wird. Ist nämlich nicht so.

So sehr du gefeiert wirst, gab es auch viele Kritiker, die sich andere Beats auf deinem Album gewünscht hätten. Wie gehst du damit um?
Man sollte immer erst mal schauen, aus welchem Mund die Kritik kommt, und sie zu deuten wissen. Ich denke, dass viele einfach auf neuere Sounds nicht klarkommen, die wollen dann lieber was Geklautes haben. Deutschland ist ja ohnehin das Land der Klauer. Alles muss auf eine bestimmte Weise klingen und am besten nicht von der Norm abweichen oder gar eigen klingen. Natürlich gibt es auch ein paar Ausnahmen, aber die werden dann auch wieder tausendmal kopiert.

Deutscher Gangstarap wird ja seit zwei, drei Jahren immer mehr ­abgeschrieben. Siehst du deine Felle jetzt auch ­wegschwimmen?
Nö, warum? Ich sehe da eine Veränderung in der Hinsicht, dass immer mehr Kids, die damals nie auf HipHop gekommen wären, das nun feiern. Viele Ausländer hätten früher niemals deutschen Rap gehört und wären bei ihrer Pop- oder Volksmusik geblieben, wenn es heute nicht ein paar Rapper gäbe, die ihnen aus der Seele sprechen.

Auch wenn Casper oder Marteria sehr erfolgreich sind, sprechen die Kids an Schulen gerade in sogenannten ­Problemvierteln trotzdem eher von Xatar, Haftbefehl oder dir.
Das versuchen ein paar HipHop-Leute zu verdrängen, weil sie Angst von der Street-Mentalität haben – was ich sogar teilweise verstehen kann. Aber man kann halt nichts mehr dagegen tun. Diese Kids hören jetzt HipHop und das ist ein Teil von Rap, den man nicht mehr wegdiskutieren oder totschlagen kann. Dieser Teil ist vielleicht wirtschaftlich nicht so stark wie Caspers Fans, aber da gibt es auf jeden Fall immer noch sehr großes Potenzial. HipHop wird immer größer, das habe ich dieses Jahr auch auf dem splash! gemerkt. Wir waren fast die einzigen Schwarzköpfe dort. (lacht) Ich finde das auch gar nicht schlimm. Ich finde es geil, dass so viele Menschen meine Musik fühlen, die vielleicht vorher gegen Leute wie mich eine Abneigung hatten. Es freut mich, dass eine gewisse Offenheit da ist und dass ein Zusammenspiel zwischen den Kulturen stattfindet. Unter den Rappern gibt es Schwarze, Weiße, Kanaken… Nicht so ein Nazi-Rap wie früher. (lacht)

Dein neues Mixtape heißt »Auf der Jagd«. Nach was?
Nach dem Glück, nach Freiheit, nach Frauen, Geld und Harmonie. (lacht)

Bist du es anders angegangen als das Album?
Es ist vom Sound her facettenreicher. Das Album war wie ein Film oder ein Buch aufgebaut. Es gab einen roten Faden, einzelne Kapitel und die Themen haben zueinander gepasst. Das Mixtape ist eher bunt gemischt: Oldschool, Newschool, schnell, langsam, englisch, französisch. Ich habe ja nur auf Fremdbeats gerappt, so dass es schneller ging als beim Album. Ich habe da trotzdem genauso viel Herz und Arbeit reingesteckt und mir auch viele Gedanken zum Aufbau und den Skits gemacht.

Wie hast du die Beats gepickt?
Ich würde sagen, dass die Beat-Auswahl komplett meinen aktuellen Musikgeschmack widerspiegelt. Ich wollte ein Straßentape ­machen, für alle HipHop-Verrückten, die Straßenmusik hören, lieben und fühlen. Ich wollte meine ganzen Lieblingslieder ­auspacken und neu interpretieren. Dafür war auch viel Recherche im Internet erforderlich. (lacht)

Im Pressetext wird von »Piratensound« gesprochen. Reden wir hier vom glorifizierten Robin-Hood-Piraten, der die Reichen überfällt, um seinen Leuten zu helfen oder vom richtig bösen Piraten, der alle umbringt und das Schiff niederbrennt?
(lacht) Das Piratentum ist ja an sich schon immer sehr multikulturell gewesen. Egal ob schwarz, weiß, braun, rot oder grün – jeder durfte da rein. Diese Mentalität ist unserer sehr ähnlich. Man macht ­manchmal abgefuckte Sachen, um ein Ziel zu erreichen oder um sich seine Existenz zu sichern. In Somalia ist es doch nicht anders: Man hat den Menschen den Fischfang gestohlen. Öl- und Plutonium-Tanker sorgen ­dafür, dass ­radioaktiver Müll an den Strand ­geschwemmt wird. Die Kinder werden krank und die Menschen wollen da nicht mehr zusehen. Nun überfallen sie Schiffe und wollen sich ihre Existenz zurückholen. Und da geht es nicht nur ums Geld, sondern ums nackte Überleben. Du erntest, was du säst.

Warum steht dir ein »Stück vom Kuchen« zu, wie du es in einem Song forderst?
Weil es mir vom Staat verwehrt wird. Es ist eine sehr schlaue Maschinerie, die schwierig zu erkennen ist, gerade als junger Migrant in Deutschland. Sozial schwache ­Menschen haben einen schlechteren Zugang zu guter Bildung. Die oberen 10.000 wollen den Kuchen nicht teilen, und das ­finde ich ­ungerecht. Allerdings sollte man auch aufpassen, was man macht, um sein Stück vom Kuchen zu bekommen. Wenn du es zu weit treibst, dann bekommst du auch sehr viel Scheiße zurück. Das ist Karma, ich sehe das bei mir selbst und bei meinen Freunden. Manche sitzen noch, andere gehen rein und raus, das ist ein richtiges Staffellaufen. Das ist eigentlich nicht lustig, auch wenn es sich gerade so anhört.

Die Gesellschaftskritik in »So gut wie es geht« finde ich relativ weitsichtig.
Da geht es um Deutschland, um Ausgrenzung und eigentlich auch um das Sarrazin-Thema. Als ich den Track geschrieben habe, war das gerade sehr aktuell. Ich habe bei der ganzen Diskussion immer gedacht: Ihr redet davon, dass wir in einer Parallelgesellschaft leben. Aber ihr wollt doch gar nicht, dass wir ein Teil von eurer Gesellschaft werden! Das wird uns doch jeden Tag gezeigt und auch in bestimmten Gesetzen und Normen widergespiegelt.

Passt man sich nicht an, wird man nicht akzeptiert.
So ist es, aber es gibt halt viele Menschen, die sich nicht so anpassen wollen oder können, wie das hier gefragt ist. Das beschreibe ich in dem Song. Das Bild, das viele Menschen aus den Dritte-Welt-Ländern speziell von Deutschland haben, ist einfach falsch. Viele glauben, dass alles gut wird, wenn du erst hier bist: Du hast Reichtum, Geld für deine Familie und so weiter. Pustekuchen! Dafür habe ich genug gescheiterte Träume und Ziele gesehen. Egal ob es die Eltern meiner Freunde oder meine eigenen Eltern waren. Ich sehe das jetzt bei sehr engen Freunden von mir, die vor ein paar Jahren im jugendlichen Alter als Migranten hierher gekommen sind. Wenn du immer um deinen Aufenthalt kämpfen und immer wieder zum Amt musst, immer wieder Probleme deswegen hast und es dir dann auch noch verwehrt wird, arbeiten zu gehen, was denkst du dann, wie diese Menschen ihr Geld verdienen? 350 Euro werden im Monat nicht reichen, wenn du vier Kinder hast. Also besorgt man sich sein Geld anders und landet früher oder später im Knast.

Deine Stimmung schlägt während des Mixtapes mehrmals um, von Wut und Verzweiflung zu positiven Gefühlen und wieder zurück. Spiegelt das deine Realität wieder?
Ich habe tatsächlich versucht, verschiedene Phasen, die ich durchlebt habe, auf den Punkt zu bringen. Ich wollte in den einzelnen Tracks die verschiedenen Emotionen transportieren, die ich in dem jeweiligen Moment wirklich gefühlt habe. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass ich kein einseitiger Künstler bin und viele unterschiedliche Themen habe. Man sollte sich nicht zu schnell ein Urteil über mich bilden, dann schätzt man mich sicher falsch ein. Wie das Mixtape zeigt, kann ich auch einfach mal so umschwenken. (lacht)

Es gibt auf dem Mixtape diesen Vocal-Cut: »I make music for my people.«
Ja. Das ist mein absolutes Hauptmotto.

Text: Sherin Kürten

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