»The World’s Most Dangerous Group« – Eine Rückschau auf die Diskografie von N.W.A.

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»The World’s Most Dangerous Group« – ein Claim, den N.W.A. ihrerzeit mit einem losen Posse-Album, einem Studioalbum in Vollbesetzung sowie einer EP und einem weiteren Album ohne den desertierten Ice Cube untermauerten. Die Kompromisslosigkeit, mit der Eazy, Cube, Yella, Dre und Ren agierten, sicherte ihnen einen Platz in den HipHop-Geschichtsbüchern als Urväter des Gangstarap – und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Bandgeschichte anno 2015 als Blockbuster-Biopic neu erzählt wird. Anlässlich der Veröffentlichung von »Straight Outta Compton« (ab dem 27. August bundesweit im Kino) wagen wir einen Blick zurück auf die Diskografie der einst gefährlichsten Gruppe der Welt.

N.W.A. AND THE POSSE
(Macola, 1987)

Von einem klassischen Debüt kann man bei »N.W.A. And The Posse« nicht sprechen. Das erste Album der Rap-Formation aus Compton ist eine Compiiation unterschiedlichster Dr. Dre-Produktionen für N.W.A., Eazy-E, The Fila Fresh Crew und Rappinstine aus den Jahren 1986 und 1987, die beim Erscheinen der Platte alle bereits als Single veröffentlicht waren. Diese Fakten schmälern die überragende Bedeutung dieses Albums für das gerade vorsichtig den Kinderschuhen entwachsende neue Genre des Gangstarap aber kaum. 1987 dominierten, abgesehen von Einzelkämpfern wie Ice-T, Ostküsten-MCs das Geschehen. Nach »N.W.A. And The Posse« wandelte sich dieser Umstand grundlegend, plötzlich war auch die Westküste ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen musste, auch wenn viele Stücke auf der Platte vom heutigen Standpunkt aus betrachtet noch ein wenig holprig klangen und noch einen starken Electrofunk-Einfluss aufwiesen. Songs wie Eazy-Es »Boyz-N-The-Hood«, der Eröffnungstrack des Albums, oder N.W.A.s »Panic Zone« gelten vollkommen zurecht als Klassiker, die durch ihre brutal offenherzigen Texte das Gangstarap-Genre nachhaltig prägten. »N.W.A. And The Posse« beförderte eine neue Spielart von HipHop ins Rampenlicht, von der viele vorher noch nicht das Geringste mitbekommen hatten. Entsprechend unbeholfen war auch das Medienecho in der damaligen Zeit. Man war sich einfach nicht sicher, wie man mit Songs wie dem von Ice Cube im Alleingang gerappten »Dopeman«, der im Jahr darauf in einer Remix-Version auch ihr erstes »richtiges« Album »Straight Outta Compton« schmückte, umgehen sollte. Gleichzeitig wurde hier schon mal der Nährboden bereitet, auf dem N.W.A. mit ihrem ausgereiften und von Electro-Wurzeln befreiten Soundentwurf später prächtig gedeihen sollten.

Text: Norbert Schiegl

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STRAIGHT OUTTA COMPTON
(Ruthless/Priority, 1988)

Ich will ehrlich sein: Ich kaufte mir »Straight Outta Compton« erst im Nachhinein, als ich »Efil4Zaggin« schon seit Monaten hart pumpte. In dem Provinznest, in dem ich aufgewachsen war, schlenderte ich als 14-jähriges Weißbrot fortan mit Bandana, Raiders-Cap, beigen O-Dog-Pants und Fake-Ray-Ban-Sonnenbrille durch die Straßen, schaute dreimal die Woche mit meinen Jungs »Colors« auf VHS-Kassette und versuchte, den übersetzten Streetslang aus Los Angeles zu imitieren. Diese Rezeption steht vielleicht beispielhaft für die Art und Weise, wie N.W.A. von Teenagern jeder Hautfarbe, jedes sozialen Standes und jeder Herkunft glorifiziert wurden, auch wenn sie primär Musik für ihre schwarzen Brüder in der Hood machten. »Straight Outta Compton« war laut, rebellisch, unbequem — und vor allem etwas, was die Eltern, der Vertrauenslehrer und der Fußballtrainer nicht verstanden. Wir brüllten »Fuck Tha Police«, weil wir nachts vom Streifenwagen verfolgt wurden, nachdem die Rückwand des lokalen Supermarkts und der Campingplatztoilette mit unbeholfenen Gang-Tags verschönert hatten. Das imaginäre Compton, aus dem Eazy-E, MC Ren und Ice Cube berichteten, war uns so fremd wie Tolkiens Mittelerde. Es war eine Welt, in der böse Dopemen und Gangsta tapfer gegen die Probleme des Alltags und die Obrigkeit kämpften. Und eine Welt, die mehr Aufregung und Glamour versprach als der gemütliche Kurort an der Ostseeküste. All das zählt heute nicht mehr, dennoch ist »Straight Outta Compton« immer noch ein starkes Album. Allerdings sind zwei oder drei der zehn Stücke durchaus zu vernachlässigen, und meine Lieblingssongs des Albums sind längst nicht mehr »Fuck Tha Police« und »Gangsta Gangsta«, sondern »Parental Discretion Iz Advised« und »Express Yourself«, weil es die einzigen Songs sind, in denen bereits Ice Cubes Wandel zum sozialkritischen Agit-Rapper angedeutet wurde. Und auch musikalisch standen diese beiden auf entspannten Funk-Loops basierenden Entwürfe im schroffen Gegensatz zu Dres und Yellas sonstigen Uptempo-Breakbeats und »Funky Worm«-Attacken. Die pubertären Gefühle jedoch, die »Straight Outta Compton« bei mir einst auslöste, kann ich aus heutiger Sicht nur noch mit einer diffusen Mischung aus Belustigung und Verklärung betrachten.

Text: Stephan Szillus

 
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100 MILES AND RUNNIN‘
(Ruthless/Priority, 1990)

Es war der 16. August 1990, fünf Monate, nachdem Ice Cube die »gefährlichste Band der Welt« im Streit verlassen hatte. Man war sich nicht sicher, ob N.W.A. in der Lage waren, den Weggang des besten Rappers der Gruppe zu verkraften — vor allem, weil er ungefähr 50 Prozent aller Texte geschrieben hatte. Doch gleich der Titelsong ihrer neuen EP war ein klares Statement, ein zorniges Brett von einem Song, der in einer direkten Linie mit »Straight Outta Compton« stand. Der Song vereint mehr als 30 Samples unterschiedlichster Quellen, die in perfekter Art und Weise zusammengefügt wurden. Kompositorisch ist der Song viel komplexer als die meisten anderen HipHop-Songs der damaligen Zeit und spielt musikalisch locker in einer Liga mit »Paul’s Boutique«, »3 Feet High And Rising« oder »Watch Out For The Third Rail«. Der Sound ist hart, Polizeisirenen und Straßenlärm verbinden sich zu einem Bomb Squad-artigen, urbanen Terror-Klanggemisch, das perfekt den Fast-Rap-Zeitgeist der späten Achtziger widerspiegelt. Gleichzeitig war es die letzte Uptempo-Produktion, die Dr. Dre für N.W.A. bauen sollte. Auch das Video war eine Offenbarung: Die vier Bandmitglieder auf der Flucht vor den Cops, mit jeder Menge Stunt-Szenen und dem einmaligen Look aus Carhartt-Jacken, Raiders-Starter-Caps und Windbreakern, der auch viele deutsche Kids beeinflusste. Der zweite Song auf der EP, »Just Don’t Bite It«, dreht sich um oralen Geschlechtsverkehr, allerdings auf sehr amüsante Art und Weise umgesetzt. Musikalisch zeigt Dr. Dre hier, wo die Reise später hingehen sollte — so fehlen eigentlich nur ein paar Moog-Lines für einen waschechten G-Funk-Track. Der dritte Song »Sa Prize (Part 2)« ist eine Fortsetzung zu »Fuck Tha Police«, während der vierte Song »Real Niggaz« ein Diss-Track in Richtung des ehemaligen Bandmitgliedes ist: »We started out with too much cargo/so I’m glad we got rid of Benedict Arnold.« (Benedict Arnold war ein General, der im Unabhängigkeitskrieg zu den Briten überlief — ein Sinnbild für den hinterhältigen Verräter.) Gleichzeitig teilte man Ice Cube mit, dass er es ohne die Band niemals zu etwas bringen werde. Die Frage ist heute vielmehr, ob N.W.A. es geschafft haben zu beweisen, dass sie ohne Ice Cube funktionieren. Meiner Meinung nach: ja. Diese EP, die sie direkt nach seinem Weggang veröffentlichten, war das beste und komprimierteste Material ihrer Karriere.

Text: Falk Schacht

 
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EFIL4ZAGGlN
(Ruthless/Priority, 1991)

»Parental Advisory – Explicit Lyrics« — nie machte ein Aufkleber auf einem Tonträger mehr Sinn als bei dieser Band, mal von Haustiere opfernden dänischen Black Metal-Bands abgesehen. Dr. Dre, MC Ren, Eazy-E und DJ Yella waren jung, schwarz, männlich und ganz schön wütend. Gut, schlecht gelaunte Rapper gab es schon vorher, doch diesmal wurde der Ärger ganz anders kanalisiert, nicht in zielgerichtete, politische Wut wie noch bei Public Enemy, sondern vollkommen dem Zeitgeist entsprechend: unreflektiert, hedonistisch und brutal. Schwarzer, bewaffneter Punk, wenn man so will. Das Lebensgefühl wurde nicht erfunden, sondern von der Straße aufgegriffen und geschickt vermarktet, indem u.a. das F.B.I. unfreiwillig zur Promo beitrug. Man zeigte zwar auf soziale Ungerechtigkeiten, doch der Zeigefinger Chuck Ds wurde gekrümmt, um den Abzug der Uzi auszulösen. Ein rebellischer Fingerzeig, ein musikalischer Akt von Selbstjustiz, der den Horizont des eigenen zweidimensionalen Ichs nie überstieg, sondern ganz subjektiv und nah beim lang schlafenden, kiffenden, sich von jeder Hoe einen blasen lassenden Klischee des Afroamerikaners blieb und genau darin den Schlüssel zum Erfolg fand. Ein musikalischer Ego-Shooter durch eine bedrohliche Landschaft, in der man an jeder Ecke seine Waffen wechselte und in Liquor Stores seine Energiereserven auflud. Und der 14-jährige Oliver Otubanjo feierte das natürlich unfassbar ab. Nie zuvor wurde asozialer Stellung bezogen, nie cooler gerappt. Burger flippen von neun Uhr morgen bis fünf Uhr nachmittags kann’s schließlich nicht sein. Und den ganzen Tag von der Polizei unterdrückt und misshandelt zu werden, hinterlässt hässliche Narben im Selbstverständnis der schwarzen Bevölkerung. Das N-Wort wurde so überstrapaziert, dass die in diesem Kontext freundschaftliche Beleidigung die einstigen Kolonialherren entwaffnete und auf ironische Weise schwächte, die sozial degradierende Bedeutung des Begriffes wurde entfernt. Musikalisch zog sich ein dynamischer Spannungsbogen über 73 Minuten Sozialkritik. Räuberpistolen und Sex-Eskapaden erschufen ein stimmiges Universum, das jeden Jugendlichen in den Bann ziehen musste. Gefährliche Basslines, kompromisslose Drums, zukunftsweisende Aussichten auf den späteren G-Funk, (für die damalige Zeit) technisch starke Raps und eine bis ins kleinste ausgefeilte Produktion, in der nichts dem Zufall überlassen wird, weil jeder kleine Break genau da sitzt, wo er hingehört. Überplatte. Mal ganz abgesehen davon, dass Eazy-E tot ist, Fotos von Dr. Dre in sexy anmutenden Satin-Fummeln aufgetaucht sind und Ice Cube längst die AK47 durch einen goldenen Lockenstab oder die Angelrute ersetzt hat, ist nicht von der Hand zu weisen, dass N.W.A. die wahren Urväter des Gangstarap sind.

Text: Olli Banjo

 

 
Dieses Feature stammt aus JUICE #125 (Dezember 2009) (hier versandkostenfrei nachbestellen)
juice-12-2009

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