»Ich habe das Gefühl, dass meiner Musik eine Onkelqualität anhaftet« // Masego im Interview

Masego, das steht für fulminante Liveshows, multi-instrumentales Musikhandwerk und ganz viel Sexappeal. Sein Debütalbum »Lady Lady« ist saxofonierter Trap-House-Jazz to the fullest und ein Kniefall vor der weiblichen Präsenz in seinem und unser aller Leben.

Du produzierst und spielst einen sehr modernen Sound; Songs, die sich anfühlen, als wären sie viel älter. Hast du das Gefühl vorauszuschreiten, während du zurückblickst?
Die Frage klingt nach Oprah, aber ja: Das trifft es. Ich habe das Gefühl, dass meinem musikalischen Ansatz eine Onkelqualität anhaftet. Ich hab’s gern nostalgisch; das Gefühl aus einer anderen Ära zu sein. Gleichzeitig habe ich Looper-Pedale und Effekte, die definitiv nicht aus den Vierzigern stammen.

Künstler wie du oder FKJ verbinden Liveperformance, klassisches Musikhandwerk und Technologie scheinbar mühelos. Welche technischen Möglichkeiten in Bezug auf Musik regen dich gerade am meisten an?
Ich wäre gerne in der Lage, mein eigenes Looper Pedal zu machen. Wenn ich es wirklich so konstruieren würde, wie ich es mir vorstelle, könnte ich noch viel stärkere Musik in Echtzeit machen. Ich habe viele Ideen, aber es geht um die Umsetzung. Ich würde gern mit den richtigen Leuten linken, um das durchzusprechen. Ebenso das Saxofon noch ausbauen. Freunde von mir aus Tokio versuchen, das Saxofon elektronischer zu machen. Musik und Technologie gehen Hand in Hand. Musik stetig technologisch zu erweitern, ohne die rohe Qualität rauszunehmen ist etwas, was ich stetig vorantreiben möchte.

Du arbeitest in den Parametern von HipHop. Was muss man sonst noch honorieren, um Masegos Musik verstehen und schätzen zu können?
Ich sehe viele 70er-Funk-Elemente in meiner Musik. Außerdem muss man Gospel verstehen, spezifisch den Südstaaten-Baptisten-Gospel.

Deine Musik hat einen konstant positiven, optimistisch gestimmten Vibe, der dem von Reggae nahe kommt.
Ich bin Jamaikaner. Für jeden, der nach Jamaika geht, ist es fast unmöglich, nicht mitzusingen – egal, worum es geht. Die musikalischen Strukturen sind dort sehr einladend. Als ich diesen Juni für meinen Geburtstag da war, habe ich viel über mich selbst gelernt. Bei meinem Vater lief viel jamaikanische Musik, als ich aufgewachsen bin. Kingston ist ein sehr gefährlicher Ort – aber die Musik von dort war oft unbeschwert und fröhlich. Es gibt viele solcher üblen Orte, aus denen fantastische Musik kommt. Es stellt die Balance her.

Kannst du über den Stellenwert des Basses auf »Lady Lady« sprechen? Auf »Prone« zum Beispiel singst du über Schmerz, aber der Bass ist so sexy, dass es fast untergeht.
»Prone« ist mein Lieblingssong, ich liebe den so sehr. Es kommt letztlich darauf an, wer den Bass spielt – hier war’s Nicky Quinn. Weißer Typ, volltätowiert. Er sieht aus, als würde er nur skaten und Leute punchen, aber er ist einer der souligsten Typen, die ich kenne. Er hat so groovy und emotional gespielt und die nötige Balance reingebracht. Allgemein könnte man bei vielen Songtexten sagen, dass sie viel tiefsinniger sind, als die Basslines es erahnen lassen. Nimm nur mal den alten Eurythmics-Song »Sweet Dreams«: (singt) »Sweet dreams are made of this/Who am I to disagree?« – deeper Text, aber man wippt nur so mit. Ich mache immer die Musik zuerst und schreib danach. Erst wenn ich durch die Musik das Gefühl bekomme, kann ich darauf schreiben, was ich will. Ich lebe gern in glücklicher Traurigkeit, man kann ein bisschen reflektiert sein und dazu tanzen. Es ist fast wie musikalisches Schauspiel: Manche Sachen übertreibt man einfach. Jeder junge, verliebte Mensch, den du nach seinem Liebeskummer fragst, wird dir sagen, es fühle sich an, als sei sein Herz herausgerissen worden. Realismus als Schauspiel. Ich habe das auf diesem Album sehr häufig gemacht.

Es wirkt, als habe das Album zwei Gesichter. Auf der einen Seite sehr reif und reflektiert, auf der anderen jugendlich, fast ignorant.
Das war Absicht. Ich wollte, dass das Album eine gute Reflektion dessen wird, wo und wer ich gerade bin. Am Anfang gibt »Lady Lady« diese Kreuzung vor, wo klassisch-elegant und leichtsinnig-draufgängerisch zwei Enden des Spektrums bilden. Songs wie »Black Love« oder »Queen Tings« verkomplementieren den stilvollen, sehr sicheren Ansatz. Auf der anderen Seite dann »Lavish Lullaby«, »Just A Little« und »Shawty Fishin’«, wo es um die Frage geht was passiert, wenn ich mich einfach auf diesen Lifestyle und diese Limbo einlasse, wo ich in keiner Beziehung, aber auch nicht Single bin. Ich könnte theoretisch jeden dieser Wege gehen. In den drei Jahren, die es für das Album gebraucht hat, habe ich viele Leute gesprochen, die ganz klassische Beziehungsmodelle fahren und solche, die sich stets im Spagat, in dieser Limbo von »eigentlich bin ich emotional nicht verfügbar, aber sehne mich nach einem Partner« befinden. Ich habe mich auch schon so gefühlt und deswegen war es real für mich, Songs darüber zu machen. Ein Teil von mir ist sehr kindlich, und ein Teil ist sehr erwachsen und selbstsicher. Auf der Bühne sieht man beides. Ich hüpfe zwischen Comedy und Sexsymbol hin und her und beides steht gleichberechtigt für mich. Ich bin Zwilling und ich wollte, dass das Album das reflektiert.

»Ich tausche mich wirklich jeden Tag mit Frauen aus, ich ernähre mich davon«

Über das ganze Album hinweg richtest du Danksagungen an Frauen, insbesondere Schwarze. Musikerinnen, Schauspielerinnen, normale Mädels kriegen alle ihre Shoutouts. Wieso war dir das wichtig?
Als ich darüber nachdachte, was mich am meisten inspiriert, war es entweder eine Beziehung, eine Konversation, ein One-Night-Stand oder Gespräche mit Freunden und Freundinnen über deren Beziehungen – stets waren Frauen ein Thema, also hatte ich viel, über das ich reden konnte. Ich tausche mich wirklich jeden Tag mit Frauen aus, ich ernähre mich davon.

Auf dem Plattencover sitzt du in einem opulent eingerichteten Zimmer. Was soll uns das Artwork und der Style des Albums zeigen?
Ich habe ein Buch über luzides Träumen gelesen, und anscheinend hat jede Person diesen einen Ort, an den sie im Traum stets zurückkehrt. Für mich war das immer diese schicke, opulente Villa, und ich hab versucht, sie aus dem Traum in die Realität zu bringen. Es ist ein sehr träumerisches Album, und ich wollte in Pyjamas rumlaufen – aber solche, die man auch zu einer Awardshow anziehen könnte. Es ging mir nicht darum zu zeigen, dass ich jetzt Geld habe, sondern Geschmack. Auf dem Albumcover war ein total erschwingliches Teeset, aber es sah sehr schön aus. Der Panther unter der Lampe war vom Film »Black Panther« inspiriert. Seit ich in Südafrika war, habe ich große Wertschätzung für meine Wurzeln. Mein Papa ist Jamaikaner und meine Mutter hat südafrikanische Wurzeln. All diese Farben und Energie zu sehen, war lebensverändernd, und das schlägt sich auch in meiner neuen Musik nieder.

Es hat einen panafrikanistischen Vibe.
Oh, ja. Seit ich in Südafrika war, habe ich große Wertschätzung für meine Wurzeln. Mein Papa ist Jamaikaner und meine Mutter hat südafrikanische Wurzeln. All diese Farben und diese Energie zu sehen, war lebensverändernd – und schlägt sich auch in meiner Musik nieder.

Hast du deiner Stylistin ausdrücklich deinen Dank ausgesprochen, weil dir bewusst ist, wie übergangen und übersehen die Arbeit vieler Frauen ist, die kreativ arbeiten?
Wenn ein Song erscheint – ob ich den Beat nun gemacht habe oder nicht – sind Leute sehr schnell dabei, mir Props zu geben. Selbiges gilt für Outfits und dergleichen. Ich kriege immer die ganze Liebe. Deswegen sage ich gerne: Er oder sie hat das gemacht! So cool es sich auch anfühlt, dass Leute in dem Glauben sind, das sei alles mein Werk: Es ist cooler zu sagen »Schau, mein Homie hat das gemacht«. Wahrhaft kreative Leute wie sie oder meine Band lieben einfach, was sie tun und prahlen deswegen wenig.

Welches Detail auf »Lady Lady« ist dein größter Stolz?
Die Streicher. Ich wollte schon immer echte Streicher, und jetzt hab ich sie zum ersten Mal. Eine Frau namens Bianca hat zu jedem Song ein bisschen was hinzugefügt, und es hat das ganze Gefühl verändert. Ich bin darauf sehr stolz, weil es sich nicht fertig angefühlt hat, bis sie die Streicher hinzugefügt hat. Auf meinem letzten Projekt habe ich bewiesen, dass ich alles selber kann. Okay, cool, ich kann alle diese Instrumente spielen, Beats bauen, singen – dieses Mal habe ich aber viele Leute eingeladen, daran mitzuwirken. Viele Frauen haben dieses Projekt mitgestaltet.

Tiffany Gouche ist auf »Queen Tingz«. Sie ist queer und lesbisch, ist aber genau wie du in einem sehr konservativ-christlichen Umfeld aufgewachsen. Siehst du einen Platz für queere Menschen im Kirchenkontext?
Ich kenne mich nicht gut genug in der LGBTQ-Community aus, um darüber zu sprechen. Ich habe Tiffany nicht als queere Frau wahrgenommen, sondern ich liebe ihre Stimme und sie ist eine der lustigsten Menschen überhaupt. Es ist toll, sie um sich rum zu haben. Das ist der einzige Grund, weswegen ich sie gefragt habe. Wenn sich andere Frauen durch ihre queere Präsenz gestärkt fühlen, ist das wunderschön. Ich habe mir über die politischen Dimensionen keine Gedanken gemacht.

Auf »Old Age« behauptest du, jüngere Frauen würden deine Comedy-Einlagen nicht verstehen und gibst älteren Frauen Respekt für ihre Lebensweisheit. Gleichzeitig feierst du es ab, dass eine ältere Frau dich bekochen kann, nachdem ihr Sex hattet. Ist das nicht ein sexistischer, sehr serviceorientierter Blick auf romantische, zwischengeschlechtliche Beziehungen? Das kommt mir fast zu simpel vor für dich.
Die anfängliche Inspiration für den Song war ein Teil aus einer Standup-Show von Katt Williams. Das ganze Stück dreht sich um seine Erfahrung mit jüngeren und älteren Frauen. Wenn man es wirklich en detail analysiert, stellt sich natürlich die Frage, ob ich auf diese traditionelle, häusliche Unterwürfigkeit stehe – die Antwort darauf lautet nein. Wenn man in diese Pimp Persona einsteigt, sagt man ein paar fragwürdige Dinge. Anderson .Paak sagt »all my chicks cook grits« (auf NxWorries‘ »Suede«, Anm. d. Verf.) – totale Pimp-Energie. Man nimmt diesen Charakter an, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Wenn man Lyrics total auseinandernimmt, ist alles beleidigend. Ich sehe mich in dem einen Song in diese Persona rein-, und im nächsten wieder rausrutschen.

Geht es dir da bei »Shawty Fishin‘ (Blame The Net)« ähnlich? Ist ja bisschen der Golddigger-Song.
Ich liebe den Song, weil er in meinen Augen »TrapHouseJazz« verkörpert und gleichzeitig mein trappigster Song ist. Der Song hat eine Braggadocio-Attitüde, aber am Ende des Songs bin ich trotzdem alleine und reflektiere, dass ich diesen Hood-Typen gar nicht repräsentieren kann. Manchmal will ich dieser bekannte Typ mit den fetten Ketten sein, der mit Models chillt und Frauen anzieht, die mich nur für meinen Status wollen. Dann denke ich nochmal drüber nach und merke: Ne, das will ich eigentlich nicht. Ganz am Ende ist es dann fast wie ein Kendrick-Song, wenn er den Abgestürzten mimt: Ich sage »I wanna get in a fight/I want the ride of my life/I wanna offer my mind/I wanna drown it in ice/I got a 9 in the back/I got a dime in the back« und man erkennt auch total, dass ich im Charakter bin, weil ich sage »Tryna not go Cobain, just turned 27«. Aber ich bin 25.

Was ist einer deiner größten Kämpfe, die du in eine Stärke verwandelt hast?
Mein Gesang. Wo ich herkomme, gilt Jennifer Hudson als Sängerin. Patti LaBelle ist Sängerin, Pharrell gilt bei uns nicht als Sänger. Dementsprechend habe ich die verschiedenen Eigenschaften meiner Stimme akzeptieren gelernt und mittlerweile nimmt man mich als Sänger war, aber das war nicht immer so. In der Uni habe habe ich Talentshows reihenweise an Leute mit einer volleren, dicken Stimme verloren. Ich habe mittlerweile meine eigene Spur gefunden.

Wo fühlst du dich am verletzlichsten?
An einem großen Piano.

Text: Naima Limdighri
Foto: Philipp Raheem

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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