Life After Dilla – was von Jay Dee bleibt // Feature

Am 10. Februar 2006 verlor die Stadt Detroit einen ihrer berühmtesten und kreativsten Söhne. Nur drei Tage nach ­seinem 32. Geburtstag starb James »J Dilla« Yancey an den Folgen der seltenen Blutkrankheit Lupus. Seinem ­umfangreichen Schaffen widmeten sich in den letzten zwölf Monaten unzählige Geschichten und ­Anthologien. Doch was bislang nur unzureichend berücksichtigt wurde: Yancey war nicht nur ein Ausnahmeproduzent, sondern auch ein ­wichtiges ­Bindeglied im musikalischen Kosmos seiner Heimatstadt, sowohl in künstlerischer als auch in ­menschlicher ­Hinsicht. Er hinterlässt weit mehr als nur seinen eigenen Katalog: So viele Künstler seines ­unmittelbaren ­Umfelds hat er inspiriert, so maßgeblich hat er den unverwechselbaren Sound der Stadt geprägt, dass sein ­Schüler Waajeed heute sagt: »Das ‘D’ in Detroit steht ab sofort für Dilla.« Word is bond.

Düsternis sowie ein hintergründiger Soul, was viele Analytiker dazu veranlasst hat, den Sound der Stadt als Spiegel ihrer sozialen Verhältnisse zu interpretieren. Das mag einen wahren Kern haben, auch in Bezug auf das Schaffen von James Yancey. Trotzdem: Sein Klanguniversum umreißen zu wollen, ist eine Aufgabe, an der man nur scheitern kann. »Er war der innovativste Produzent unserer Zeit, unvorhersehbar, wie ein Chamäleon«, schwärmt einer seiner größten Bewunderer, DJ Spinna. Dennoch folgten Dillas einzelne Schaffensphasen einer systematischen Ordnung. Man könnte sogar behaupten, dass sie zumindest teilweise Bezug auf bestimmte Phänomene der Detroiter Musikgeschichte nehmen: Der soulige, basslastig wabernde ­Sampling-Ansatz der Ummah-Ära geht in gewisser Weise zurück auf den Motown-Sound der sechziger Jahre. Als Dilla Ende 2002 eine Wohngemeinschaft mit seinem langjährigen Freund Common in Los Angeles gründete (wohin übrigens auch Motown 1972 seinen Firmensitz verlegte), bezog sich sein Sound dagegen vermehrt auf das Detroit der achtziger Jahre. Auf das Detroit von Juan Atkins, Derrick May und Electrifying Mojo also, die aus den brauchbaren Überresten von New Wave, Soul und Electro eine Bewegung namens Techno initiierten. »Dilla berührte fast jedes musikalische Genre«, befindet der gelernte Jazz­musiker, Rapper und Produzent Karriem Riggins, der im vergangenen Jahr auch Dillas »Shining«-Projekt in dessen Auftrag und Sinne fertig gestellt hat. »Es gibt inzwischen sogar eine ganze Generation junger Jazzmusiker, die von ihm ­beeinflusst wurden.«

Die Grenzen zwischen den Musikstilen waren für ihre ­Protagonisten niemals unantastbar – ein Aspekt, den auch der in Ann Arbor bei Detroit aufgewachsene Produzent Dabrye im Interview wieder und wieder betont. Er selbst produzierte lange alles mögliche, wurde unter anderem neben Prefuse 73 als Aushängeschild eines Fantasie­genres namens »Glitch« gehandelt, bevor er im Jahre 2004 den ­Detroiter MCs J Dilla und Phat Kat den elektrifizierten ­Banger »Game Over« auf den Leib schneiderte und zuletzt mit dem hervorragenden, stark von Dilla inspirierten Rap-Album »Two/Three« zu überzeugen wusste. Und auch andere pflegen den Austausch: Carl Craig, ein weiterer Pionier der Detroiter Techno-Szene, unterhält nebenbei ein HipHop-Label namens Antidote und gab 2000 bei J-88 (sprich: bei Slum Village) einen legendären Remix zu dem Song »People Make The World Go Round« seines Im-weitesten-Sinne-Jazz-Projekts in Auftrag. Slum Villages Live-DJ Dez zückt unter dem Pseudonym »Andrès« schon mal die gerade Basstrommel für Moodymans Mahogani-Label. Und auch der brillante House-Produzent Theo Parrish arbeitet immer wieder eng mit Detroiter HipHop-Künstlern zusammen. »Detroit stand für mich immer für eine Kombination von ganz verschiedenen Musiken, zu denen natürlich auch Electro oder Techno gehören«, diktierte DJ Assault dem Kollegen Torsten Schmidt einst bei der Red Bull Music Academy ins Mikrofon. Und tatsächlich konnte ein Phänomen wie Ghetto Tech – oder Detroit Bass, wie Assault es nennt – wohl nur auf diesem ganz speziellen Nährboden aus R&B, Funk, Disco und HipHop blühen. Kein Grund zur Aufregung also, wenn Dilla für den Song »Lightworks« den Elektronik-Pionier Raymond Scott samplet… Auch auf Dillas wertvollem Kleinod »Ruff Draft« – einer EP, die 2003 in nur kleiner Stückzahl im Kölner Groove Attack-Umfeld gepresst und dieser Tage von Stones Throw aufwändig wiederveröffentlicht wurde – finden verschiedene Erzählstränge der Detroiter Musikhistorie wie selbstverständlich zusammen.

Tatsächlich war Nulldrei das Jahr, das Dilla auf dem Zenit seiner Experimentierfreude zeigte; nicht wenige sehen in der Zeit nach dem Umzug nach L.A. und dem etwa zeitgleich stattfindenden Platzen der Neo-Soul-Blase um das Produktionsteam Soulquarians Dillas kreativste Phase überhaupt. Darüber lässt sich trefflich streiten. Sicher ist jedenfalls, dass er auf Platten wie Jaylibs »Champion Sound« oder Frank-N-Danks »48 Hours« spielerisch mit Versatzstücken aus Techno, Soul, Dub und Elektronik hantierte – und dass dieser Faden nun von zwei seiner engsten Vertrauten wieder aufgenommen werden soll. Karriem Riggins ­nämlich arbeitet derzeit mit Dillas Wesensverwandtem Madlib an ­einem Vice-Versa-Projekt in der Jaylib-Tradition. »Das Ganze läuft unter dem Arbeitstitel ‘Supreme Team’«, erklärt Eothen »Egon« Alapatt von Stones Throw Records, die das Kollaboalbum aller Voraussicht nach veröffentlichen werden. »Neulich war ich auf einer Party und sah Karriem und Madlib nebeneinander stehen. Das war ein komisches Gefühl, denn es erinnerte mich so sehr daran, wie Madlib und Dilla miteinander abhingen. Es ist ohnehin gespenstisch, wie ähnlich Karriems Stimme der von Dilla ist.«

Die weit wichtigere Parallele zwischen Karriem und Dilla aber ist ihre vollkommene Konzentration auf die Musik. »Als ich Dilla 1995 zum allerersten Mal im »Shelter« traf, lud er mich direkt in sein Kellerstudio ein«, erzählt Karriem am Telefon. »Er war anders als alle anderen Menschen, die ich kannte: Sehr fokussiert und perfektionistisch, wenn es um die Musik ging. Aber auch bodenständig, ein Familienmensch und loyaler Freund. An manchen Abenden machten wir keine Musik, sondern saßen einfach nur zusammen am runden Tisch im Keller, rauchten Joints, redeten Bull­shit und lachten.« Diese Seite seiner Persönlichkeit kannten jedoch nur wenige. »Er war sehr introvertiert, sprach nicht besonders viel«, erinnert sich Dillas Mutter Maureen »Ma Dukes« Yancey, eine ehemalige Opernsängerin, die in enger Zusammenarbeit mit Stones Throw Records den gesamten musikalischen Nachlass ihres Sohnes ­verwaltet. »Nur wenn es um Musik ging, konnte er stundenlang diskutieren. Sein Interesse für Platten begann schon im ­Alter von drei ­Jahren. Er hatte seine eigene Kiste mit Singles und legte sie im Park auf. Mit neun oder zehn Jahren begann er dann, selbst Musik zu machen. Sein Leben war die ­Musik.« Und nicht das Rampenlicht – darin sind sich tatsächlich alle einig. »Er war so introvertiert, dass er fast unnahbar wirkte«, bestätigt etwa DJ Spinna, ein weiterer Bewunderer und Kollaborateur Dillas. »Aber ich akzeptierte das, denn Genies brauchen ihren Freiraum zum Denken. Ich war immer einer seiner größten Fans und schaute zu ihm als Inspiration auf. Als er starb, verzog ich mich in mein Bett und heulte wie ein Baby. Wann immer ich in der ersten Hälfte von 2006 seine Musik hörte, schossen mir die Tränen in die Augen. Mittlerweile geht es mir besser. Ich spiele seine ­Musik, wann immer ich die Chance dazu bekomme. Für mich ist er der wahre King Of The Beats. Ich liebe dich, mein Bruder, ruhe in Frieden.«

Derart emotionale Reaktionen sind nicht selten, wenn man mit Freunden, Bekannten oder Fans über James spricht. Egon berichtet sogar von ­einem unerträglichen Schmerz in der Brust als Auswirkung seiner Trauer und einer Nacht, die er deswegen im Krankenhaus verbringen musste. Neben seiner musikalischen Offenheit war es die Bescheidenheit und geerdete Höflichkeit Dillas, die übereinstimmend im Mittelpunkt der Erinnerung ­aller Gesprächspartner steht: Ohne überzogenen Aktionismus, allein durch seine Art konnte er auch dort Verbindungen, ja ganze Netzwerke knüpfen, wo das traditionell schwierig bis eigentlich unmöglich ist. Und als er gestorben war, spürte die ­Detroiter Musikwelt, dass sie ein integratives, sinnstiftendes Element verloren hatte. Ich kann mir HipHop und besonders Detroiter HipHop nicht ohne Dilla vorstellen«, erklärt Robert O’Bryant alias Waajeed, der als Beat-Produzent, Kopf der Platinum Pied ­Pipers und Betreiber der Webplattform bling47.com in Wahrheit selbst ganz entscheidend dazu beiträgt, dass besagter Detroiter HipHop auch nach Dillas Tod weiterexistieren wird. Seine erste MPC 2000 allerdings bekam er vom Meister höchstpersönlich geschenkt. »Es ist schwer zu akzeptieren, dass er von uns gegangen ist. Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich denke, er sei noch am Leben, aber wieder mal zu beschäftigt im Studio, um mich anzurufen.«

»Ich kann mir hiphop nicht ohne dilla vorstellen« (Wajeed)

Man muss sich nicht ins Reich der Paraphänomene begeben, um der ungebrochenen Präsenz J Dillas in der Detroiter Musiklandschaft gewahr zu werden: Für 2008 etwa sind von Stones Throw und Ma Dukes eine Anthologie und eine Filmdokumentation angedacht. Und bis dahin halten seine Freunde und Fans die Fackel oben. Sein jüngerer Bruder Illa J etwa tourt in den kommenden Wochen mit dem Detroiter DJ House Shoes und dem großartigen Aloe Blacc als Gast durch Europa, um ­unter dem Motto »J Dilla Changed My Life« Banger aus dem umfassenden Katalog des Meisters zu rezitieren. Sänger wie Dwele, Amp Fiddler oder der mittlerweile in Australien wohnhafte Steve Spacek forschen mit einigem Erfolg an der Schnittschnelle von klassischem 70s-Soul und Dillas radikaler MPC-Ästhetik. MCs wie Que D oder der einst von Waajeed an Slum Village vermittelte Elzhi haben sich nicht zuletzt dank ihrer Arbeiten mit dem Beatgenie einen festen Platz im Indierap-Kosmos erarbeitet. Die bereits erwähnten Frank-N-Dank werden im Mai eine EP veröffentlichen, die zwar ohne Dilla-Beats auskommt – aber in jeder Pore Dilla atmet. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass sich die beiden verbliebenen Mitglieder von Slum Village, T3 und Elzhi, nach der Trennung von ihrem heimlichen Star mit Black Milk und Young R.J. zwei glasklare Dilla-Schüler an die Boards geholt haben.

Und unter der Oberfläche der Motor City brodelt schon die nächste Generation von Artists, die allesamt in mehr oder weniger direkter Verbindung zu Yancey stehen. Da sind die Fat Killahz, vier MCs, die über den belebten Battle-Zirkus ­Detroits zusammenfanden und auf ihrem Album »Guess Who’s Coming To Dinner?« unter ­anderem Beats von B.R. Gunna (Young R.J. und Black Milk) ­sporten. Da sind die Cardi Boys, deren Party-Rap in nicht wenigen Momenten an Frank-N-Dank ­erinnert (und die kürzlich in einer Folge der »White ­Rapper Show« einen Gastauftritt hatten). Da sind Big Tone und seine Crew Wasted Youth. Und da sind ­natürlich die Almighty Dreadnaughtz um Dillas erklärten Lieblingsrapper Guilty Simpson, für den er der ­Legende nach sogar Anfragen von ­Business-­Größen wie Jay-Z nonchalant ignorierte.

Simpson wurde in Detroit geboren und fand nach kurzen Gastspielen in Kalifornien und Alabama Mitte der Neunziger über die von Proof (R.I.P.) ­initiierten Open-Mic-Sessions im »HipHop Shop« in den 313-Kernzirkel. »Ich ging damals auch regelmäßig in einen Club namens ‘Lush Lounge’, in dem mein Mann DJ House Shoes auflegte. Dort gab es immer Open-Mic-Sessions, und eines abends kam Dilla dort vorbei, um zu chillen, etwas zu trinken und uns zuzuhören. Er hatte meinen Namen wohl vorher schon mal gehört und war dann auch recht beeindruckt von meinen Skills. Ich habe den Laden in Grund und Boden gerappt! Ein paar Tage später connectete House Shoes mich dann mit Dilla, und aus den gemeinsamen Aufnahmen ergab sich eine echte Freundschaft.« Und ein gemeinsamer Remix für Four Tets »As Serious As Your Life«. Und ein Feature auf dem Jaylib-Album. Und ein Deal mit Stones Throw, wo Guilty Simpson voraussichtlich im Juni sein Debütalbum droppen wird – ­natürlich verfeinert mit Beats von Dilla. »Hin und wieder hat er schon erwähnt, wie sehr er mich und meine ­Arbeit schätzt«, erklärt er fast verlegen sein ­enges Verhältnis zum verstorbenen Stadtpaten. »Das war schon sehr schmeichelnd. Aber ich habe immer versucht, mir solche Aussagen nicht zu Kopf ­steigen zu lassen. Denn letztlich war ich derjenige, der einen Riesenrespekt vor ihm und seiner Arbeit hatte. Wenn Dilla einem eines beibrachte, dann war es Bescheidenheit. Ich werde weiterhin hart ­arbeiten und wachsen, um ihn stolz zu machen.«

Dilla stolz machen – das dürfte ein Teilanliegen aller Künstler sein, die auf diesen und den folgenden Seiten vertreten sind. Sei es der Youngster Black Milk, der bereits als 14-Jähriger sein erstes Slum Village-Tape pumpte, oder Frank-N-Dank, die bereits als pubertierende Jünglinge nahezu täglich im Keller der Yanceys in Conant Gardens abhingen und ihre Jungslyrik verschämt entschärften, wenn die Eltern ihres gastgebenden Freundes an die Tür klopften. Sei es der rastlose Netzwerker Ta’raach, der Dilla auch in dieser Hinsicht als größtes aller Vorbilder nennt, oder Phat Kat, einer der ältesten Weggefährten aus jener Zeit, als Dilla noch Jay Dee war und regelmäßig mit Jermaine Dupri verwechselt wurde – was ihn sicher ärgerte, obwohl er dies nie zugegeben hätte. Auf dem Anrufbeantworter von Stones Throw fand sich übrigens vor wenigen Wochen folgende Nachricht Madlibs: »Bin im ­Studio mit Badu… Sie arbeitet gerade an einem Track. Es wird ein Tribut an Dilla.«