Kali Uchis: »Für Viele ist Einsamkeit etwas Schlechtes. Für mich ist es genau umgekehrt« // Interview

Kali-Uchis-Songs fühlen sich wie Sonne auf der Haut an. Ihre Stimme ist eine tiefe Umarmung der Seele, die Lyrics des kolumbianisch-amerikanischen Soft-Vibe-Wunderkinds lassen einen bittersüß in die dunkelsten Ecken der eigenen Persönlichkeit abdriften. Doch das fühlt sich nicht schmerzhaft an, eher wie ein Easy-Jet-Flug in den langersehnten Urlaub gen Süden. Kein Wunder also, dass Künstler Tyler, The Creator, Jorja Smith und Thundercat gerne auf ein Feature für ihr Debütalbum »Isolation« vorbeikamen.

Die Veröffentlichung von »Isolation« ist bereits ein paar Monate her. Bei Release meintest du, es gehe auf dem Album darum, wieder die Kontrolle über dein Leben zu erlangen. Was genau war denn außer Kontrolle geraten?
Das Leben ist stets unkontrollierbar. Die Lyrics für die Platte stammen direkt aus meinem Tagebuch. Es geht um alles, was ich so durchgemacht habe. Zwei Themen, die mein Leben stark bestimmen, sind Abgrenzung und Alleinsein – und genau das verbindet all meine Songs miteinander. Für viele Menschen ist Einsamkeit ja etwas Schlechtes, Düsteres, Negatives, aber bei mir ist es genau umgekehrt. Ich finde erst dann meinen Frieden, wenn ich alleine bin. Das Wertvollste, das man haben kann, ist das Wissen über sich selbst, sich selbst gut zu kennen. Und das schafft man nur, wenn man auch mal mit sich alleine ist.

Es gibt ja einen Unterschied zwischen bewusstem Alleinsein und dem Gefühl von Einsamkeit. Wie ist das bei dir?
Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich mich einsam und ungeliebt fühle. Aber wenn man in eine schwierige Situation gelangt, sollte man versuchen, sie anzunehmen und zu akzeptieren, anstatt in Selbstmitleid zu verfallen. Denn erst der Umgang mit schwierigen Situationen formt dich als Mensch, liefert persönlichkeitsstiftende Erfahrungen. Im Grunde genommen bleiben wir alle unser Leben lang kleine Kinder, die geliebt und wahrgenommen werden wollen. Aber von dieser Abhängigkeit von anderen sollte man sich lösen. Solange man sich selbst akzeptiert und mit sich zufrieden ist, kann einem die Meinung anderer völlig egal sein. Man macht sich doch nur selbst kaputt, wenn man stets versucht, den Vorstellungen anderer gerecht zu werden und ihnen hinterherrennt. Das ist ein Rennen, das man nicht gewinnen kann.

Als erfolgreicher Musiker ist man die ganze Zeit von Menschen umgeben, ob auf Tour, im Studio oder bei Presseterminen. Wie gehst du damit um, ständig Menschen um dich zu haben?
Ich achte darauf, trotzdem genug Zeit für mich zu haben und mich auf mich selbst zu konzentrieren. Ich habe auch nicht viele Menschen in meinem Backstage, oft nur meine Assistentin und meinen Make-Up-Artist.

Heutzutage scheint Popularität für viele Menschen ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Hat dich deine Berühmtheit zu einem glücklicheren Menschen gemacht?
Die Popularität selbst nicht, aber das, was sie mir ermöglicht – nämlich andere Menschen mit meiner Musik zu erreichen, obwohl meine Songs sehr persönlich und intim sind. Meine Lieder verbinden mich mit diesen Menschen, und das macht mich stolz. Wenn mir wildfremde Menschen erzählen, dass ich sie dazu inspiriert habe, selbst Musik zu machen oder den Weg aus einer toxischen Beziehung herauszufinden – das macht mich unfassbar glücklich.

»Isolation« ist ein sehr verletzliches und ehrliches Album. Gibt es in der Musik gerade einen Trend hin zu mehr Verletzlichkeit?
Das weiß ich nicht. Ich achte aber auch nicht allzu sehr darauf, was andere machen, sondern versuche, ich selbst zu sein und darauf zu achten, was sich für mich richtig anfühlt. Ich möchte keinen Trends folgen.

»Im Grunde genommen bleiben wir alle unser Leben lang kleine Kinder.«

Du meintest eben, dass deine Texte direkt aus deinem Tagebuch stammen. Gibt es noch andere Dinge, die dich inspirieren?
Mich inspiriert alles: Schmerz, Glück, Menschen, die mich lieben, genauso wie Leute, die mich hassen.

Obwohl du gerne alleine bist, scheinst du auch ein Familienmensch zu sein. Du sprichst viel über deinen Vater, deine Mutter, deine Oma und deine Cousinen. Welche Rolle spielt Familie momentan in deinem Leben?
Meine Familie ist mir das Wichtigste auf der Welt. Meine Tanten haben immer gesagt: Deine Freunde werden irgendwann weg sein, aber wir sind immer da! Es gibt aber auch Familienmitglieder, die ich aus meinem Leben gestrichen habe, weil sie nicht gut für mich waren. Man muss niemanden in seinem Leben lassen, nur weil er zur Familie gehört.

Text: Helene Nikita Schreiner
Foto: Universal Music

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #188 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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