Isaiah Rashad: »Ich bin nicht vom Süden beeinflusst, ich bin der Süden« // Interview

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Am 30. Juli ist Isaiah Rashad mit seinem zweiten Studioalbum und insgesamt dritten Release bei Top Dawg Entertainment zurückgekehrt. Nachdem das Release seines Debütalbums »The Sun’s Tirade« 2016 sowohl positiv aufgenommen, als auch von Geschichten über Zays Eskapaden begleitet wurde, waren die Erwartungen an den lang erwarteten Nachfolger »The House Is Burning« hoch. Der Rapper aus Tennessee verknüpft dort den düsteren Sound seiner Heimat mit Einflüssen aus R’n’B und schafft ein smoothes Album, das häufiger von seinen melodischen Arrangements als von drückenden Bässen lebt. Isaiah Rashad stellt persönliche Themen in den Vordergrund, ohne allzu viel darüber zu verraten, wie es ihm die letzten Jahre ergangen ist. Wir haben mit ihm über seinen kreativen Prozess, seine Heimat und Kritik am Album gesprochen.

Du hast dir mit deinem neuen Album Zeit gelassen und zwischen »The Sun’s Tirade« und »The House Is Burning« liegen fünf Jahre. Was hast du in der Zeit gemacht?
Ich mache Musik, einfach um Musik zu machen. Das ist mein Ventil, wie es für andere Leute Malen oder Schreiben ist. Es war also nicht so, dass ich keine Musik gemacht hätte, ich habe mich nur nicht danach gefühlt, damit in die Öffentlichkeit gehen. Ich war in einem Zustand, wo ich weniger mit Leuten reden wollte.

Behältst du die Sachen dann für dich und machst es der Kreativität wegen?
Ich wünschte das wäre so, aber irgendwie ist das unmöglich. (lacht) Für mich ist es so: Rappen ist mein Job, zumindest offiziell. Aber ich habe das schon mit acht Jahren gemacht, um Spaß zu haben. Ich bin schlecht in Sport, aber gut im Rappen, deshalb rappe ich immer wieder.

Also Hobby und Beruf zur selben Zeit?
Schon. Es kommt immer wieder auf’s Schreiben zurück. Schreiben und kritisches Denken.

»Ich musste ein Album über meine Gefühle machen, ohne direkt über meine Gefühle zu sprechen.«

Isaiah Rashad über »The House Is Burning«

Du sagst, dass du nicht in die Öffentlichkeit gehen wolltest und hast im Zuge deines letzten Albums auch offen über Probleme mit Drogen gesprochen, mit denen du zu kämpfen hattest. Hast du auch Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten?
Ich würde nicht sagen, dass ich tatsächlich damit zu kämpfen hatte. Ich war ein 25-jähriger, der mit zwanzig Jahren im professionellen Rap-Business gelandet ist. Davor war ich im College, habe die meiste Zeit nicht zu Hause verbracht und ich glaube die meistens Kids würden meine Lage nicht wirklich verstehen. Deshalb würde ich nicht von einem Struggle sprechen, ich würde sagen, dass ich meine Dinge geregelt habe. Ich hatte meine Höhen und Tiefen, aber bin damit ziemlich gut klargekommen. Also kein Struggle, aber ich habe es zwischendurch versaut.

Würdest du sagen, dass »The House Is Burning« ein Ergebnis des Prozesses ist, dass du Dinge geregelt hast?
Ich musste ein Album über meine Gefühle machen, ohne direkt über meine Gefühle zu sprechen. Ich wollte meine Geschichte erzählen und dabei gleichzeitig auf mich selber achten. Es ist immer noch das, was Essen auf den Tisch bringt, und gleichzeitig wollte ich den Kritiker in mir zufriedenstellen. Es hat deshalb eine Weile gedauert, bis ich Musik machen konnte, die einfach genug ist, damit Motherf*cker dazu tanzen können, und intellektuell genug ist, damit Leute sich das Album immer wieder anhören. Und gleichzeitig habe ich einfach nur gerappt. Es braucht Zeit, um so etwas zu schaffen.

Diese verschiedenen Ansätze, die in das Album einfließen, lassen es von außen ziemlich komplex wirken.
Von Außen wirkt es komplex, aber ich habe nur Musik mit meinen Freunden gemacht und versucht, mein Zeug auf die Reihe zu kriegen. Aus meiner Perspektive ist das leicht, denn ich habe es einfach so gemacht. Ich kann es grandios klingen lassen, aber ich bin blessed, dass es mir leicht fällt.

Das Album vereint verschiedene Stile und Vibes. Abgesehen vom Intro ist der erste Teil des Albums klar vom Memphis-Sound inspiriert. Was bedeutet dieser Sound für dich?
Ich würde nicht sagen, dass ich vom Süden beeinflusst bin, weil ich aus dem Süden komme. Das ist einfach das Zeug, das ich gehört habe als ich aufgewachsen bin. Das ist nichts, was ich gefunden oder irgendwie gesucht habe. Weißt du, was ich meine? Als Kind habe ich viele Erinnerungen mit einem bestimmten Song und bestimmten Orten verbunden hat. Wenn ich Musik mache, versuche ich diese Momente neu zu erschaffen. Das sind die Orte, wo ich Trost finde. Deshalb kann man wirklich nicht sagen, dass ich von Musik aus dem Süden beeinflusst bin. Ich komme aus Chattanooga, Tennessee und wenn du auf die Karte der USA guckst, ist das eben Mitten in diesem Süden. Ich bin nicht vom Süden beeinflusst, ich bin der Süden.

Klar, das trifft es besser. Du samplest Project Pat auf »RIP Young«. Kannst du ein bisschen erklären, was er für dich bedeutet und welchen Einfluss die Musik auf dich gehabt hat?
Alle meine Lieblingsrapper sind N*****, die eine starke Fangemeinde haben, aber im Mainstream nur wenig Anerkennung bekommen haben. Sie haben in ihrer Zeit starken Einfluss gehabt, aber dafür nicht die metaphorischen Blumen überreicht bekommen, die angemessen wären. Aber gerade Project Pat hat wirklich neue Flows kreiert. Das ist eine Originalität, die ich mehr respektiere, als eine beständige Diskographie. Master P ist auch einer dieser Typen. Mich interessiert nicht, ob er in den letzten Jahren mittelmäßige Musik rausgebracht hat. Die ersten Alben waren so originell, dass ich sie immer wieder spielen werde. Das fließt in meine Musik ein. Ich versuche mich von verschiedenen Dingen beeinflussen zu lassen und dabei geht es eher um ein Gefühl, als um einen Sound.

Wenn das so ist, wie kann man sich deinen Prozess beim Schreiben und Beatpicking vorstellen?
Wenn ich einen Beat finde, den ich mag, brauche ich ungefähr 5-10 Minuten um zu überlegen, wie die Hook klingen sollte. Ich suche nicht mal danach, es kommt zu mir. Das ist schon der größte Teil der Arbeit. Der Rest besteht darin herauszufinden, um was sich die Verses drehen sollen. Es ist wirklich so einfach. Es ist ein Geschenk, das ich nicht in Frage stelle. Ich habe über die Jahre versucht, die Antwort auf diese Frage zu verkomplizieren, aber eigentlich ist es so simpel.

Du stellst dir also einfach die Frage, was der Vers behandeln soll und es kommt dir direkt in den Kopf?
Es geht eher darum, wie der Vers klingen soll, als um den konkreten Inhalt. Ich stehe zu dem, was dann zu mir kommt und was ich sage, ich vertraue mir das selbst. Was immer das ist, ich lebe einfach damit. Wenn du also etwas von mir gehört hast, das du als tiefgründig empfindest, war das wahrscheinlich nicht mit Absicht. (lacht) Es passiert einfach.

»Ich bin nicht vom Süden beeinflusst, ich bin der Süden.«

Isaiah Rashad über seine stilistische Prägung

Ich finde, das macht es von außen nur noch schwerer, deine Musik wirklich zu verstehen.
Stilistisch gesehen habe ich mir mit der Zeit antrainiert, Sachen nicht mit Absicht zu machen. Ich sehe eher Rap-Patterns und versuche, das Beste daraus zu machen. Ich mache einfach und versuche mich dabei nicht zu langweilen. Ich habe ADHS, ich hasse alles. (lacht) Wenn ich mein eigenes Zeug mag, ist das perfekt.

Ich wollte sowieso noch über den Einsatz deiner Stimme auf dem Album reden, gerade wenn du sagst, dass du eher überlegst, wie ein Vers sonisch klingen soll.
Eigentlich rappe ich auf dem Album so, wie ich jetzt mit dir rede. Ich finde es verrückt, dass Leute das immer noch nicht verstanden haben. Das ist meine normale Sprechstimme. Ich gehe zum Mic und rappe genauso wie ich rede. (lacht)

Mir ging es eher darum, wie die Stimme im Mix mit den Instrumentals eingesetzt wird, wann sich die Stimme doppelt und wie daraus ein ganz eigener Vibe entsteht.
Ich mache das seit meinem ersten Projekt »Cilvia Demo« so. Es ist einfach so gemixt. Irgendwie wird es dadurch offensichtlich und ich zeige meine Karten, gleichzeitig verstecke ich aber trotzdem die ein oder andere Überraschung darin. Ich weiß nicht mal, wie man das genau nennen soll.

Beeinflusst dein Drogenkonsum eigentlich die Art, wie du schreibst und rappst? Und wenn ja, wie?
Ich kann keine Musik auf Drogen machen, ich kann keinen Vers schreiben, wenn ich high bin. Da kommt einfach nichts bei rum. Gerade, wenn es um härtere, pharmazeutische Mittel geht. Mein Kopf ist dann einfach nicht am richtigen Platz. Daher: Drogen beeinflussen meine Musik nicht. Aber sie beeinflussen die Themen, über die ich spreche. So wie es vollkommen ok ist, Filme mit Waffengewalt zu gucken, ist es vollkommen ok, in der Musik über Sex und Drogen zu sprechen. Das hat eher eine unterhaltsame Komponente, als das es inspirierend ist. Die Leute mögen solche Dinge und ich nutze die Themen, um meine Botschaft zu vermitteln. Ich rede also weniger über Drogen, als darüber, auf sich selbst achtzugeben. Das kann hilfreich sein. Die Botschaft des Künstlers wird auf dem Weg vermittelt, von dem er denkt, dass sie am besten beim Publikum ankommt.

Du hast vorhin davon gesprochen, wie du dein Leben als Mittzwanziger gelebt hast und dass es in dieser Zeit Hochs und Tiefs gab. Hat sich dein Status mittlerweile verändert, jetzt wo du 30 bist und dein drittes Projekt bei TDE releast hast. Bist du erwachsener im Kopf geworden?
Auf jeden Fall, das passiert unfreiwillig. Leute, die sich gegen einen Reifungsprozess stellen nennt man nicht ohne Grund unreif. Ich werde mich gegen diesen Prozess nicht wehren, sondern ihn akzeptieren.

Mit THIB bist du auch Teil davon, wie TDE als Label in der neuen Dekade wahrgenommen wird. Hast du in der Hinsicht Druck verspürt, das der Ruf des Labels auch von deinem Release abhängt?
Ich glaube nicht, dass ich mir um irgendetwas Sorgen machen muss. Ich muss nur mein Ding machen. Es gibt keinen Druck, der auf mir liegt. Der liegt eher darauf, dass ich mich um meine Kinder kümmern muss, aber definitiv nicht um das Label.

Zuletzt will ich dich nach deiner Wahrnehmung von Kritik am Album fragen. Ich habe gesehen, dass du mit Anthony Fantano, der deinem Album eine 5/10 gegeben hat, in Austausch getreten bist. Wie nimmst du Reviews generell wahr?
Ich war nicht im Austausch mit Anthony Fantano, ich habe nur auf etwas reagiert, was er gesagt hat. Ich will da nicht zu tief reingehen… Ich glaube bestimmte Leute sollten…. Ich will ihm eigentlich gar nicht so viel Platz einräumen. Anthony Fantano hat valide Punkte, in seiner eigenen Wahrnehmung, trotzdem nehme ich seine Meinung auseinander. Ich bin ein Künstler und ziemlich feinfühlig, was meine eigene Kunst angeht. Wenn du nicht aus einer Position kommst, in der du Empathie hast, und nicht versuchst zu verstehen, woher ich komme, dann solltest du dich von Musik-Reviews fernhalten. Wenn du Isaiah Rashad nicht magst, hör dir Isaiah Rashad nicht an. So einfach ist das.

Interview: David Regner

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