Interview: Dexter

 

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Dexter hat sowohl eine Gold- als auch eine Platinplatte in seiner Stuttgarter Wohnung rumstehen – das weiß mittlerweile jeder, der sich halbwegs in der deutschen HipHop-Landschaft auskennt. Aber ­während manch anderer Produzent solche Erfolge glatt auf seiner Visitenkarte vermerken und im Laufschritt durch die offene Tür ins Business stürmen würde, macht Dexter einfach so weiter wie ­bisher: Er geht arbeiten, kauft in seiner Freizeit antikes Vinyl und macht Beats für sich und seine Freunde. Einfach, weil er Bock drauf hat. Denn die Platten, die ihn wirklich interessieren, befinden sich nicht in einem Bilderrahmen hinter Glas, sondern stehen in seinem Regal und haben im besten Fall schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel. Und so ist es auch nur konsequent, dass sein neues ­Album »The Trip« keine akustische Bewerbungsmappe für weitere lukrative Beat-Jobs darstellt, sondern ­vielmehr eine detailverliebte, eigensinnige und tatsächlich trippige Sampling-Auseinandersetzung mit ­psychedelischer Rockmusik aus den späten Sechzigern. Liebhaberei trifft Skills — typisch Dexter eben.

 

Erklär doch mal, was du auf »The Trip« eigentlich gemacht hast.
Da ich, geprägt durch meinen Vater, ein großer Fan von Psychedelic Rock bin und er sehr viele solche Platten zu Hause hat, kam ich auf die Idee. Erst mochte ich das gar nicht, aber in den letzten Jahren habe ich mich viel mit Jazz und Psych-Rock beschäftigt, höre das gerade auch mehr als HipHop und lege das auch gerne auf. Nach den »Jazz Files« wollte ich dasselbe noch mal machen, nur eben mit Psych-Rock, und das dann verknüpfen mit Interviews, O-Tönen, Filmtrailern und so weiter. Es war jetzt nicht so, dass ich gesagt hätte: Die nächsten drei Monate sample ich nur Psych-Rock. Das ist Quatsch. Aber du arbeitest ja immer an einem Ding als rotem Faden. Deswegen hat es auch eine Weile gedauert, bis es fertig war. Im Endeffekt waren es vielleicht 80 Beats, von denen ich 18 rausgesucht hab, die sich am besten haben verknüpfen ­lassen. Denn am Ende sollte es ein gesamtes ­Durchhörerlebnis sein.

 

Deswegen heißt es auch »The Trip«?
Ja, es heißt deswegen so, weil es wirklich ein Trip ist, weil die ganzen Interludes und Skits extrem trippy und LSD-mäßig sind, die Beats dafür aber wieder relativ straight.

 

Hast du während der Arbeit an »The Trip« auch verstärkt Psych-Rock gediggt?
Ja, genau. Das motiviert natürlich, nach mehr Sachen zu suchen. Ich durchforste die ganzen Blogs. Und wenn da Alben dabei sind, die ich richtig krass finde, setze ich natürlich alles daran, die auf Vinyl herbeizuschaffen – wenn möglich, als Originalpressung. Durch die Platten aus dieser Zeit zu stöbern, ist halt interessant: Da ist eine Platte von 1969, da weiß man dann, die hat sich schon damals irgendein verspulter Typ reingezogen. So eine alte Platte riecht ja schon so wie ein altes Buch. Diese Zeit macht mich einfach an, diese Technicolor-Farben, die ganze Ästhetik von Sound und Film damals. Zu der Zeit waren die Farben einfach besser. Ich glaube, die Farben waren wirklich so. Nicht nur die abgebildeten, ­sondern ­bestimmt auch die Realität. (lacht)

 

 

Also fährst du nicht nur auf die Musik aus der Zeit ab, sondern versuchst auch, dich in der Hinsicht zu bilden, um den Flavour der Zeit aufzusaugen?
Ja. Ich finde, wenn man sich da ein bisschen reinversetzen kann, auch die geschichtlichen Hintergründe der Zeit kennt, San Francisco, wie das alles losging … Ich lese jetzt nicht alles nach, aber ich interessiere mich schon für die Hintergründe und schaue viele Filme aus den späten Sechzigern. Deswegen auch »The Trip«: Das ist nicht nur der Albumtitel, sondern auch ein Film von 1967. Da geht es um einen Typen, der sich unter Aufsicht eines Wissenschaftlers LSD einbaut. Jack Nicholson hat das Drehbuch geschrieben, Dennis Hopper spielt mit und Peter Fonda, die damals ja viele geile Filme gemacht ­haben: »Easy Rider«, »Psyche-Out« … Und diese ganze Ästhetik kombiniert mit der ­Musik, das hat einfach was ganz ­Besonderes. Das fasziniert mich.

 

Gab es für das Konzept ein Vorbild?
Nein, überhaupt nicht. Edan hat zwar auch mal so ein Album gemacht, »Beauty and the Beat«, das hat sich viel an Psych-Rock bedient. Das war zwar kein Vorbild, aber ich hab mich beim Machen schon immer wieder mal an dieses Album erinnert gefühlt. Ich hab das dann wieder öfter angehört und festgestellt, was für ein krasses Album das ist.

 

Stellst du dir Regeln auf, wenn du an so was wie »The Trip« arbeitest? Oder darf auch ein Break von einer Jazz-Platte drauf sein?
Naja, bei irgendwelchen Bassdrums oder Snares weiß ich nicht mehr so genau, ob die nicht doch aus irgendwelchen Funk-Breaks sind. Aber für das hauptsächliche Sample-Material stelle ich mir schon Regeln auf: So gut wie alles auf dem Album ist von 1968 und 1969, auch diese alternativen Drum-Breaks, die in den Skits kommen. Nur weißt du bei deiner Library halt nicht immer genau, wo du einen Sound her hast.

 

Wie viel ist aus der Sammlung deines Vaters und wie viel hast du selbst gediggt?
Gute Frage. Ich würde mal behaupten, das meiste ist selbst zusammengesucht. Mein Vater hat eben hauptsächlich die Sachen, die man schon kennt und die ich nicht unbedingt noch mal verwenden wollte. Ich bin da ein bisschen tiefer in die Materie eingestiegen. Damals in den Sechzigern und Siebzigern in Deutschland, da konntest du nicht alles kennen. Diese ganzen lokalen Bands aus den Staaten, davon hast du hier nichts ­mitbekommen. Das ist das Gute am Internet.

 

Ist es oft so, dass die Musik gar nicht so geil ist, aber cool zum Samplen?
Ich hab schon viel Schrott angesammelt. Da findest du halt eine Happy-Sunshine-Psych-Platte, die dir voll auf den Sack geht, aber dann kommen diese magischen zehn Sekunden. Andererseits gibt es auch Alben, von denen ich viel gesamplet habe, zum Beispiel von Summerhill oder H.P. Lovecraft, da sind super Samples drauf, andererseits ist auch jeder Track eine Bombe. Du kannst dir das anhören, du kannst es samplen, du kannst dir dazu was einschmeißen. (lacht) Aber ich hab mich auch nächtelang durch Schrott gehört. Ich stecke in die Sample-Suche dermaßen viel Arbeit rein, dass ich glaube, dass bei 90 Prozent des Materials auf »The Trip« keiner weiß, woher das ist. Es gibt einen Beat auf der Platte, wo ich im Nachhinein dachte: Ich kenn das. Und am Ende war es irgendeine B-Seite von Jaylib. Aber da war die Platte schon fertig. Da dachte ich mir: Die Hardcore-Nerds werden mich deswegen jetzt ankacken. (lacht)

 

 

Wie hat sich deine Arbeitsweise vom reinen Samplen zum Komponieren hin verändert?
Bei mir fängt es nach wie vor mit dem Hören von Samples an. Aber ich weiß sofort, was ich damit machen will und wie es am Ende klingen soll. Trotzdem: Als Komponist würde ich mich absolut nicht bezeichnen. Ich mache nach wie vor einfach dreckige Beats und das war’s. Alles andere ist anstrengend. Ich empfinde es auch als anstrengend, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Deswegen mach ich auch am liebsten instrumentale Musik. Rapper denken von sich ja ohnehin immer, sie wären überkrass, und wollen einem dann immer in den Beat reinreden: Hier muss noch ’ne Hi-Hat hin, der Mix muss anders, der Bass lauter, die Drums leiser. Ich hasse es. Ich sehe mich eben auch als eigenständigen Künstler, nicht als Beat-Lieferant oder Dienstleister. Wenn ich mit jemandem Musik mache, dann muss das auf gegenseitigem Verständnis beruhen. Deswegen schicke ich auch nicht einfach so Beats rum. Nach dem Casper- und dem Cro-Ding kamen ja wirklich viele Anfragen. Aber die meisten kennen weder meinen Sound noch meine Geschichte. Für mich geht es um die Momentaufnahme. Das ist beim Rappen ja auch so: Ich will keinen Rapper hören, der mir was von seinem Leben erzählt. Das interessiert mich einen Scheiß. Ich bin 30 Jahre alt, ich interessiere mich nicht für das Scheißleben und die Probleme eines 18-Jährigen. Und wenn der dann was über Liebe, seinen Struggle oder irgendwelchen Kack erzählt, dann ist das für mich gänzlich uninteressant. Da finde ich es witziger, wenn jemand total absurden Scheiß rappt. Von mir aus auch Fäkalhumor. Damit kann ich mehr anfangen als mit diesem Lebensweisheiten-Rap.

 

Wie viele Beats machst du so im Monat?
Das passiert immer phasenweise, denn das hängt sehr viel mit meiner Arbeit zusammen und wann ich Zeit finde. Es gibt Monate, da mache ich nur fünf Beats, aber dann eben auch welche, wo ich 30, 40 Beats mache. Ich habe mittlerweile ein riesiges Archiv, auf das ich zurückgreifen kann. Und es wird einfach immer mehr. Als hättest du im Lotto gewonnen und lebst nur von den Zinsen. (lacht) Du nimmst immer wieder was weg, aber es kommt immer wieder was dazu.

 

Was für Rapper hörst du denn am liebsten auf deinen Beats?
Schwierige Frage. Ich finde es einfach ­spannend zu hören, was die Leute mit dem Beat machen. Was Morlockk Dilemma für »Weihnachten im Elfenbeinturm« gepickt hat, das war in meinen Augen eigentlich der B-Ordner für ihn. Anfangs hatte ich ehrlich gesagt auch mit diesem Casper-Ding zu kämpfen, aber mittlerweile finde ich, dass der Track so unfassbar geil geworden ist, dass ich mir vorstellen kann, mit ihm noch mehr zu machen. Aber so richtig wohl fühle ich mich in diesem Audio88-YassinMorlockk-Hiob-Kosmos – natürlich hört man seine Freunde am liebsten auf den eigenen Beats. Das sieht man ja auch daran, dass ich auch für WSP alles mache. Ich mastere alles, die kriegen jeden Beat von mir, den sie wollen. Das sind halt meine Homies. Für mich ist das alles subjektiv. Wenn ich mit Dennis Da Menace rumhänge, dann mach ich mit dem halt einen Track. Normal.

 

Denkst du, dieses Selbstverständnis wäre anders, wenn du keinen Beruf hättest?
Klar. Aber ich würde trotzdem darauf Wert legen, dass die Leute mit meinem Sound arbeiten. Ich würde z.B. nie einen Reggae-Beat machen, nur weil Künstler XY eher in diese Richtung geht. So was kann ich nicht. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch kein guter Dienstleister und deswegen mache ich ja auch noch meinen anderen Beruf nebenher. Seit Anfang 2012 läuft es ja wirklich richtig gut, ich kriege mittlerweile viele DJ-Bookings, von denen ich die Hälfte ausschlage, weil ich arbeiten muss. Ich könnte locker nur Musik machen und damit über die Runden kommen. Gut, mich buchen auch oft Leute, die nur wissen, dass ich einen Beat auf dem Cro-Album hatte. Und dann merken die, dass ich live etwas ganz anderes mache. Die beschäftigen sich nicht damit, was ich eigentlich mache. Das ist schon traurig.

 

Der Beat von Cros »Ein Teil« ist ja zum einen schon uralt, zum anderen klingt er so gar nicht nach dem Dexter-Trademark-Sound …
Als ich den Beat gemacht habe, 2004 oder so, sagte jeder: Der Beat hat irgendwas. Aber ich hab den beiseitegelegt und einfach weitergemacht. Beim gemeinsamen Durchhören stieß ich dann zufällig auf den Beat, ich wusste nicht mal mehr, wie der heißt: »Telefax99«. Cro hat der Beat sofort gefallen. Und ich dachte mir auch, dass das gut funktionieren könnte. Das ist zwar kein Pop-Beat, da hätte auch locker jemand drauf rappen können, aber er hat halt drauf gesungen und jetzt ist es so eine kleine Teenie-Hymne geworden. Schon krass. Aber hätte ich den Beat nicht zufällig angespielt … Ich hatte den nicht in meinem Präsentier-Ordner drin, aber aus Verlegenheit hab ich dann einfach noch ein paar andere Sachen angeklickt. Aber das ist ja oft so, dass Leute dann Sachen picken, die du nicht erwartet hättest – und dann etwas daraus machen, was funktioniert.

 

 

Was ist das für ein Gefühl, wenn du einen Beat, der bei dir zu Hause entstanden ist, dann auf einem Festival oder in der Schleyerhalle laut vor x-tausend Leuten hörst?
Das ist krass. Es ist ja immer die Frage, wie man mit so was umgeht, ob man jetzt abhebt. Ich seh das eher nüchtern. Die Leute gehen ja nicht auf den Beat so krass ab, sondern auf den Cro-Track. Aber du stehst da in dem Stadion und hörst den Beat, denkst dir: Okay, die Bassdrum drückt schön, so muss es sein, geil. Und dann kuckst du schon auf die Reaktionen und denkst dir: krass. Bei Casper fand ich dieses Gefühl krasser, weil der Beat halt mehr nach vorne geht und die Leute mehr dazu ausrasten. Es gibt dieses Video vom Hurricane Festival, wo diese riesige Menschenmasse dazu abgeht und die Leute sich fast die Köpfe einschlagen. Und wegen solchen Momenten machst du die Musik. Scheiß auf Gold und Platin, das ist zwar cool, aber das bringt mir nix. Ich finde es viel krasser, wenn DJ Shadow, von dem ich immer Fan war, meinen »Simpsons Flip« auf seiner Welttournee in jedem seiner Sets spielt. Krass. DJ fucking Shadow. Der kennt mich bestimmt gar nicht und hat den Track aus dem Netz. Aber ist ja wurscht. Da hatte ich viel mehr Gänsehaut als bei allen anderen Sachen. Zu DJ Shadow habe ich noch mehr künstlerischen Bezug als zu Cro oder Casper. Da bin ich Fan. Und dann ist es ja auch noch so, dass dieser »Simpsons Flip« aus einer Challenge beim Beat Fight entstanden ist. Ich fand den Track zunächst auch überhaupt nicht gut. Mir hat sich das erst an dem Abend erschlossen. Ich hörte Shukos Beat, dachte mir: Cool, aber ich weiß gar nicht mehr, wie meiner klingt – womöglich total beschissen.

 

Das war jedenfalls ein krasser Moment, als dein Beat eingesetzt hat.
Ja, voll. Die Leute sind richtig abgegangen. Und dann hab ich auch selber gemerkt: Okay, das funktionert. Beim ersten Beat Fight mussten wir ja das »Psycho Theme« aus dem Hitchcock-Film verwenden, also diese Streicher, die schon bei »Gimme Some More« von Busta Rhymes vorkommen. Nie im Leben hätte ich das Sample rausgezogen, aber aus dieser Notwendigkeit heraus musste ich halt. Und das spornt mich dann schon an, dieses Competition-Ding. Nicht mal, weil ich alle anderen wegficken will, sondern weil ich eine gute Show abliefern und keinen Schrott machen will. Dass das so gut funktioniert, passiert einfach. Das hört sich jetzt voll behindert an, so wie in der Schule: Ich hab gar nicht gelernt, ups, eine Eins – wie konnte das denn passieren? (lacht)

 

Hast du dieses Meme über dich gesehen? [»Macht Beats zum Spaß und Zeitvertreib – geht Gold und Platin«, Anm. d. Verf.]
Ja. Ich wusste vorher gar nicht, was ein Meme ist. (lacht) Einerseits ist das natürlich schmeichelhaft, aber andererseits finde ich so was komisch. Die Resonanz auf dieses Bild war ja auch gut, aber das war jetzt beileibe kein Gänsehautmoment.

 

Andere arbeiten ja hart an ihrer ­Außenwirkung und würden sich über so etwas total freuen.
Ich arbeite insofern an meiner Außen­wirkung, als dass ich mich benehme, keine Scheiße ­quatsche, die man in der Öffentlichkeit nicht sagt, und Öffentlichkeit und Privatleben auseinanderhalte. Mir ist es auch unangenehm, dass mittlerweile alle wissen, dass ich im Krankenhaus arbeite. Aber das lässt sich wohl nicht vermeiden. Wenn man nicht auf die Musik als Broterwerb angewiesen ist, dann macht einen das aber auch unverkrampfter, was solche Sachen angeht. Vieles ist ja auch einfach Zufall: Hätte Casper dieses blöde Beat-Fight-Video nicht gesehen, dann wäre das alles nicht passiert und auch die Chimperator-Leute wären wahrscheinlich nicht auf mich zugekommen. Aber es ist auch nicht so, dass ich darauf gewartet hätte. »The Trip« würde wohl genau so rauskommen, auch wenn das alles nicht passiert wäre.

 

Foto: Robert Winter

 

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